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Wittes-Welt
Web 2.0

Kommentar: Die Entdeckung der Langsamkeit

06.05.2008
Autor(en): Christoph Witte.
Entscheidend für das Überleben eines Unternehmens ist nicht, wie schnell es neue Techniken einführt, sondern wie effektiv es damit seine Business-Strategie unterstützt.

Wo benötigen Unternehmen Web-2.0-Elemente? Auf der einen Seite natürlich dort, wo sie hip erscheinen müssen, an der Schnittstelle zum Kunden - im Marketing, im Vertrieb und im After-Sales-Service. In den Backend-Bereichen geht es um andere Dinge, nämlich um Sicherheit, Verfügbarkeit und Geschwindigkeit. Wenn diese Annahme richtig ist, müssen die Unternehmen das Thema nicht so hoch hängen, wie es Berater und (einige) Anbieter zurzeit tun. Vielleicht reicht dann ein cooles Frontend, das es dem Schuhhersteller erlaubt, eine Community von Laufenthusiasten zu unterstützen. Einer Kosmetik-Company genügt vielleicht schon die Möglichkeit, Blogs einzurichten, in denen sich die geplagten Damen und Herren über ihre Hautprobleme austauschen können.

Keine Frage, gerade für Hersteller und Vertreiber von Massenprodukten werden solche Interaktionsmöglichkeiten mit Kunden und potenziellen Käufern immer wichtiger, doch mit der IT hat das nicht wirklich viel zu tun. Klar kann die IT die entsprechenden Tools zur Verfügung stellen, für die Infrastruktur sorgen und sogar für die Auswertungswerkzeuge, die den Käufer-Input auf neue Möglichkeiten hin abklopfen. Aber dadurch verändert sich die IT nicht fundamental, wie heute im Zusammenhang mit Web 2.0 immer wieder gepredigt wird. Es sind neue - auch technische - Möglichkeiten, die da angeboten werden, nicht mehr und nicht weniger.

Christoph Witte, Herausgeber COMPUTERWOCHE
Christoph Witte, Herausgeber COMPUTERWOCHE

Wie so häufig in den vergangenen Jahren werden die neuen Tools zunächst für den Endverbrauchermarkt entwickelt; hier lässt sich aufgrund niedrigerer Anforderungen bezüglich Sicherheit, Funktionalität und Verfügbarkeit einerseits und einer großen Zielgruppe andererseits schneller eine kritische Masse erreichen. Wenn die neuen Techniken fit für die Unternehmenswelt sind, weisen sie deshalb schon einen gewissen Reifegrad auf. Entwickler und Entscheider bekommen so die Chance, ihr Umfeld auf geeignete Einsatzfelder abzuklopfen und nur das für sie Sinnvolle einzusetzen. Deshalb sollten IT-Verantwortliche aufmerksam beobachten, was Microsoft jetzt mit Live Mesh und Intel mit Mash Maker angekündigt haben.

Beim Ersten handelt es sich um eine Serviceplattform, die es Anwendern erlaubt, über die Einrichtung eines virtuellen PC im Netz verschiedenste Geräte zu kontrollieren und ihnen denselben Inhalten zu geben. Im Moment funktioniert das nur in der Microsoft-Welt, aber noch im Laufe dieses Jahres sollen mobile Geräte und die Apple-Welt hinzukommen. Ebenfalls geplant ist, über diese Plattform den angeschlossenen Devices Applikationen zur Verfügung zu stellen. Noch spielt sich das im Privatkundenmarkt ab, aber das Potenzial für die Unternehmen ist leicht erkennbar. Die einfache Synchronisation von Daten und die Verfügbarmachung der gleichen Applikationen auf verschiedenen Endgeräten über das Netz können ganz neue Dimensionen verteilter, aber zentral verwalteter Anwendungen eröffnen.

Mash Maker von Intel macht zunächst einen weniger potenten Eindruck. Geht es doch hier wie auch bei Yahoo Pipes darum, verschiedene Web-Dienste in einem View zu integrieren. Beispielsweise lassen sich mit dem Intel-Produkt Googlemaps und Facebook so miteinander kombinieren, dass Facebook-Freunde mit ihrem aktuellen Standort in Googlemaps auftauchen. Die mit Hilfe vorhandener oder individuell angepasster Widgets gestalteten Views können auch anderen Nutzern zur Verfügung gestellt werden. Denkt man aber etwas weiter und adaptiert das Konzept auf Business-Anforderungen, erscheinen Mashups von Web-basierenden Business-Anwendungen möglich, auch Portalfunktionen - wenn auch noch ohne Backend-Einbindung - sind denkbar.

Dafür, dass Unternehmen und auch die als Web-2.0-träge gescholtenen IT-Abteilungen diese Potenziale erkennen, spricht die erhöhte Investitionsneigung, von der Forrester Research kürzlich berichtete. Den Analysten zufolge hat der weltweite Markt für Web-2.0-Anwendungen in diesem Jahr ein Volumen von 764 Millionen Dollar erreicht, 68 Prozent mehr als im Vorjahr. Für 2009 sagen die Marktforscher sogar Investitionen in Höhe von knapp 1,25 Milliarden Dollar voraus. Anhand dieser Daten lässt sich erkennen, dass die IT das Web 2.0 keineswegs verschläft.

Aber - und das ist eine sehr begrüßenswerte neue Qualität - die IT-Verantwortlichen prüfen neue Möglichkeiten eher unaufgeregt und fallen nicht auf den nächsten Hype herein. Auch wenn das Widerstände bedeutet und man damit mal nicht im Strom schwimmt, sollten IT-Manager genau untersuchen, wo Web-2.0-Funktionen ihr Unternehmen weiterbringen. Obwohl manche Auguren es anders darstellen. Nicht die Geschwindigkeit, mit der neue Techniken implementiert werden, sichert das Überleben von Unternehmen. Sondern das schaffen nur gründlich durchdachte Ansätze, die sich an den Unternehmensstrategien ausrichten.



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