| IBM propagiert das Enterprise 2.0 | |
| Notes auf Java-Basis |
Schon zu Workplace-Zeiten hatte die IBM das neue Java-Frontend als Client-seitiges Portal charakterisiert. Ähnlich wie sein Web-Pendant sollte es die Entwicklung von zusammengesetzten Applikationen ("Composite Applictions") erlauben, die andere Anwendungen unter einer Oberfläche aggregieren unter der sie interagieren können. Im Gegensatz zu einem Web-Portal sollte sich das Eclipse-Frontend auch für den Offline-Betrieb eignen.
Bei Notes 8 handelt es sich mithin nicht mehr um den bekannten Groupware-Client, vielmehr läuft das, was bisher als Notes bezeichnet wurde, als eine Komponente unter anderen in einem portalartigen Frontend. Dieses verfügt nach dem Muster von Outlook über eine Werkzeugleiste ("Side Shelf"), wo sich andere Anwendungen in Form von Expeditor-Plug-ins einhängen lassen. IBM bringt dort etwa den Activity Explorer unter, ein Tool, das ebenfalls im Rahmen von Workplace eingeführt wurde. Es erlaubt die vorgangsbezogene Organisation von Informationen unterschiedlicher Herkunft, etwa von E-Mails, Dokumenten in einem Quickr-Repository oder einem Chat in Sametime. Letzteres positioniert die IBM als ihr Produkt für Unified Communications. Es beruht seit der Ver- sion 7.5 ebenfalls auf dem Eclipse-Framework und lässt sich bei Bedarf im Side Shelf von Notes 8 unterbringen oder in einem frei schwebenden Fenster darstellen.
Mit dem neuen Client erhebt die IBM den Anspruch, nicht bloß eine Collaboration- und Messaging-Anwendung anzubieten, sondern die Anforderungen des von Analysten definierten "Enterprise Desktop" (IDC) beziehungsweise "High Perfomance Desktop" (Gartner) zu erfüllen. IBM zufolge sollten Anwender nach Möglichkeit ihre vorhandenen Business-Applikationen in das Client-seitige Portal integrieren, so dass die Benutzer ihre gesamte Arbeit von dort erledigen können.
Die Client-Strategie auf Basis von Expeditor erlaubt der IBM die Portierung ihrer Desktop-Anwendungen auf verschiedene Betriebssysteme. So wird Notes 8 in einer funktional und optisch identischen Version für Windows, Linux und den Mac zur Verfügung stehen. Das neue Client-Konzept folgt laut IBM einem Service-orientierten Modell, in dem die eigentlichen Anwendungsdienste von der Präsentationsschicht unabhängig sind und sich daher in verschiedenen Kontexten darstellen lassen. Vice President Ken Bisconti sprach in seiner Eröffnungsrede davon, dass Benutzer Informationen und Funktionen in verschiedenen Arbeitsumgebungen abrufen könnten. So bevorzugten jüngere Mitarbeiter die synchrone Kommunikation, so dass sie Sametime als zentrales Tool wählen können, während sich andere vor allem im Mail-Client oder einem RSS-Reader aufhalten würden. Aufgrund der Erweiterbarkeit der Applikationen, die allesamt auf der gleichen technischen Grundlage basieren, ließen sie sich mit Hilfe diverser Bausteine zu vollständigen Arbeitsumgebungen ausbauen.
Die Vision von einer schönen neuen SOA-Welt auf dem Client litt bisher unter dem Mangel an Tools, die sowohl Kompon- enten für Web-Portale als auch das Rich-Client-Framework erzeugen können. Während der Portal-Server Portlets nach dem JSR-168-Standard ausführt, folgt Eclipse/Expeditor einem eigenen Programmiermodell. Die IBM kündigte auf der Lotusphere an, dass der "Lotus Component Designer" (ehemals "Workplace Component Designer") nun beide Welten bedienen kann.
Trotz dieser Fortschritte für Entwickler muss Big Blue in der neuen Client-Welt einige wesentliche Lücken schließen. Diese offenbaren sich besonders bei Anwendungen, die sich wie Notes 8 aus Expeditor-Plug-ins und Altanwendungen wie dem "eigentlichen" Notes-Client zusammensetzen. Der Notes-Nutzer geht aufgrund seiner bisherigen Erfahrung davon aus, dass nach der Replikation einer Anwendung diese auch offline uneingeschränkt zur Verfügung steht. Da aber die neuen Anwendungen wie etwa der Activity Explorer ihre Daten nicht in einer NSF-Datei ablegen, sondern dafür einen eigenen Speicher benutzen, sind diese ohne Server-Verbindung nicht mehr verfügbar. Die dafür nötigen Synchronisierungsmechanismen soll es erst mit Notes 9 geben. Und dann steht die IBM immer noch vor der Aufgabe, die Funktionen von zwei verschiedenen Plattformen so aufeinander abzustimmen, dass der Benutzer von den Inkonsistenzen eines heterogenen Systems nichts mitbekommt.