Die Oracle Open World in San Francisco öffnete heute für das breite Publikum ihre Tore. Verglichen mit der hohen Teilnehmerzahl im Jahr 2008 ist ein Besucherrückgang spürbar. Offizielle Teilnehmerzahlen wurden bisher nicht veröffentlicht, jedoch „fühlt sich die Open World in diesem Jahr leerer an“.
Es verwundert nicht, dass die aktuellen ökonomischen Entwicklungen auch nicht spurlos an dieser Veranstaltung vorbei gehen. Beachtenswert ist die Tatsache, dass auch in den Vorträgen (zumindest in denen dich ich gesehen habe) etwas Neues mitschwingt. Es scheint, als hätten die Referenten einen neuen Pragmatismus ausgerufen. „Best Practice“ und „Things that really work“ scheinen zum Mantra der kommenden Monate zu werden. Besonders herausheben möchte ich dabei die Präsentation „The Global Recession – IT’s Role, Impact and Future von Lem Lasher, Chief Innovation Officer und President des CSC Office of Innovation.
Laut Lasher hat IT in den letzten Jahren erst viele Produkte und Dienstleistungen, man denke nur an komplexe Mortgage backed securities, erst möglich gemacht. Damit hat IT eine „Mitschuld“ an der Krise. Seine Kernaussage ist, dass wir nicht mehr Herr der Komplexität sind. Dagegen seien in der IT Herdeneffekte von Anbietern und Anwendern spürbar. Geschäftsrisiken würden dadurch maskiert und erhöht.
Bei der Analyse fehlte als einer der Gründe für den oben genannten Zustand natürlich auch der altbekannte Punkt des fehlenden Abgleich zwischen Business und IT nicht. Klingt dies beim ersten hinhören noch sehr banal, so sind die daraus abgeleiteten Ratschläge von Lasher dennoch bedenkenswert.
Um den Risiken zu begegnen sollten wir folgende Punkte berücksichtigen:
- aufhören Vorhersagen über die Entwicklung der Wirtschaft und der IT machen zu wollen (z.B. von Analysten)
- besser auf Ratschläge hören was wir nicht tun sollten (verglichen mit Ratschlägen was wir tun sollten) und
- nicht mehr ein so starkes Vertrauen in Risikomodelle basierend auf Logik und Daten setzten.
Lasher merkt an, dass wir in Zukunft den Einsatz der IT umdrehen sollten. Seine Analyse kurz zusammengefasst: Heute haben wir die Ausführung von Arbeitsschritten an Menschen gegeben und die IT liefert uns die Informationen welche Richtung die Prozesse nehmen – als Beispiel seien hier nur Human Interaction gesteuerte Prozesse genannt. Seiner Meinung nach müssen wir dieses Muster in Zukunft umkehren. Die Ausführung von Prozessen überlassen wir den Maschinen und die Entscheidung in welche Richtung wir gehen übernehmen wieder Menschen (mehr oder weniger ohne IT-Unterstützung). Erst nachdem ich etwas über diese Schlussfolgerung nachgedacht hatte erschloss sich mir deren ganze Konsequenz. Zu Ende gedacht geht dieses Szenario weit über das reine BPM Versprechen hinaus. Demnach wäre (aktuell) kein IT System der Welt in der Lage unsere zunehmend komplexere Welt in ein Modell zu fassen, ohne das menschliche Intuition eine valide Entscheidungsbasis liefert. Vielmehr ist die menschliche Fähigkeit zum intuitiven und vernetzten Denken bisher unerreicht wird aber aktuell unzureichend genutzt. Auch wenn diese Feststellung sicher auf angloamerikanische Verhältnisse besser zutrifft als auf Europa, so ist die Schlussfolgerung doch interessant.
Die Analyse ist gelungen, aber bringen uns diese Ratschläge weiter? IT ist und bleibt ein essentieller Teil des Geschäftslebens. An diesem Umstand wird sich sicherlich nichts ändern. Etwas weniger blindes Vertrauen und ein wenig mehr menschliche Intuition und „Bauchgefühl“ wären aber sicher nicht schlecht. Das bedeutet dann auch, dass wir immer noch Menschen für unsere Arbeit benötigen und deren individuelle Fähigkeiten bis auf weiteres nicht durch Technologie ersetzt werden können – eine für mich beruhigende Schlussfolgerung. Ich hoffe sie trifft zu.
Hoffen wir also, dass das Mantra „Things that really work“ nicht nur ein vergängliches Bekenntnis ist.
Neben den ernsteren, schon fast BPM – philosophischen, Themen bot der erste Tag der Open World auch ein paar heitere Episoden. Ich werde versuchen jeden Tag eine festzuhalten. Heute eine Geschichte über Demonstranten vor dem San Francisco Moscone Center. Mit dem Slogan „Better dead than red“ machten sie auf eine ihrer Meinung zu stark marktbeherrschende Stellung von Oracle aufmerksam. Mir wurde nicht klar wofür genau sie aber demonstrierten. Mein Fazit: Outfit gelungen – Nachricht nicht transportiert.
In diesem Sinne – gute Nacht Deutschland

Hi, sehr interessanter Artikel, weiter so, Rolf
Interessante Entwicklungen bei Oracle und sicher wieder ein gutes Marketing.
Ob IBM auch so smart wie die Roten war, denn diese hatten bei der IBM Impact Konferenz im May in Las Vegas eine hervorragende Idee – die Begrüßung und Verabschiedung aller Gäste während der Impact auf dem Vegas Airport mit riesigen Bannern: http://img.ly/UU
btw: Nachlese zur Impact siehe: http://x-integrate.com/x-in-cms.nsf/id/DE_Impact_2009_Nachlese?open&l=DE&ccm=500100