BPMN: Akzeptanz in der Praxis?

Viel wurde bereits über die BPMN als gemeinsame Prozessmodellierungssprache von Business und IT geschrieben (u. a. auch hier). Doch wie sieht es in der Praxis aus? Im Laufe des zurückliegenden Jahres hatte ich die Gelegenheit, eine Reihe von BPMN-Einführungsseminaren in größeren deutschen Unternehmen durchzuführen. Im Folgenden möchte ich einige Eindrücke und Erfahrungen aus diesen Seminaren wiedergeben.

Wer beschäftigt sich mit BPMN und warum?

Die Teilnehmer der Seminare lassen sich grob in drei Gruppen einteilen. Bei der ersten Gruppe handelt es sich um Prozessmanager, die eine geeignete Notation suchen, die als unternehmensweiter Standard eingesetzt werden kann. Zumeist gibt es bereits Erfahrungen mit verschiedenen anderen Notationen, die aber nur an einzelnen Stellen eingesetzt worden sind. Im Sinne einer durchgängigen Modellierung soll nun eine einheitliche Notation gefunden werden, die möglichst von Business und IT gemeinsam verwendet werden soll. Oftmals leiden bislang eingesetzte Notationen auch unter Akzeptanzproblemen bei den Mitarbeitern, die in der Vergangenheit von riesigen, nicht immer realitätsnahen “Prozesstapeten” abgeschreckt wurden. Zwar liegt es häufig nicht an der Notation, sondern an den Modellierern, wenn derart unübersichtliche und eigentlich nicht verwendbare Modelle entstehen, doch ermöglicht es eine neue Notation, die nocht nicht mit schlechten Erfahrungen der Mitarbeiter belastet ist, eine bessere Akzeptanz für neue Initiativen zu gewinnen. Unabhängig von der neu ausgewählten Notation ist es natürlich wichtig, die bisherigen Fehler nun zu vermeiden. Die Verwendung der BPMN schützt noch nicht vor schlechter Modellierung.

Die zweite Gruppe von Teilnehmern stammt aus internen Beratungsabteilungen großer Konzerne. Hier werden bisher oftmals unterschiedliche Notationen eingesetzt. Oft gibt der interne Kunde Tools und Methoden vor, oder die aus Anwendern und Beratern gebildeten Projektteams entscheiden selbst, wie sie Prozesse und Anforderungen dokumentieren. Die Berater möchten ihre Methodenkompetenz verbessern und ihre Kunden beim Aufbau eines durchgängigen Prozessmanagements unterstützen. Hierzu benötigen sie geeignete Vorgehensweisen und einheitliche Notationen, die nicht nur im Rahmen von Einzelprojekten einsetzen lassen.

Die dritte Gruppe von BPMN-Interessenten kommt aus den IT-Abteilungen. Angesichts zunehmender Anforderungen an die IT, Business-Anforderungen schnell umzusetzen und konkret nachweisbaren Nutzen für das Business zu schaffen, sind sie daran interessiert, die Anforderungsermittlung durch eine gemeinsame Sprache mit dem Business zu verbessern. Außerdem beschäftigen sie sich zunehmend mit SOA-Projekten und setzten hierbei auch Process Engines ein. Da in diesem Bereich die BPMN eine große Rolle spielt, fragen sich die IT-Abteilungen, wie fachliche Prozessmodelle in ausführbare Prozessbeschreibungen umgesetzt werden können.

Wie wird die Eignung der BPMN eingeschätzt?

Praktisch alle Teilnehmer äußerten sich positiv über die BPMN. Die Art der Prozessdartstellung durch die BPMN-Grundkonstrukte wird als angenehm und gut verständlich empfunden. Dies gilt für Business-orientierte Teilnehmer ebenso wie für Mitarbeiter aus der IT. Auch die Besonderheiten der BPMN, wie die Verwendung verschiedener Typen von Ereignissen und die Modellierung des Nachrichtenaustauschs zwischen verschiedenen Prozessbeteiligten wird als interessant und nützlich angesehen. Interessanterweise äußerten sich IT-Vertreter skeptisch über das Verständnis dieser erweiterten Konstrukte seitens der Fachmodellierer, wohingegen diese in den Seminaren zumeist keine großen Probleme hatten, diese Konzepte zu verstehen und anzuwenden.

Kaum ein Teilnehmer konnte sich vorstellen, die noch spezielleren BPMN-Konstrukte wie z. B. Exceptions oder Transaktionen einzusetzen - es sei denn im Rahmen der Modellierung ausführbarer Prozesse für eine konkrete Process Engine.

Meist wurde die Erwartung geäußert, zunächst mit den grundlegenden Elementen zu beginnen, wie Aktivitäten, Sequenzfluss, Gateways, Pools und Bahnen. Auch oder gerade weil sich diese Elemente kaum von herkömmlichen, einfachen Flussdiagrammen unterscheiden, wird hierfür eine hohe Akzeptanz erwartet. Der Vorteil der BPMN ist in diesem Fall einfach die Tatsache, dass es sich um einen Standard handelt. Dadurch ist einerseits die Bedeutung der jeweiligen Elemente recht klar definiert, andererseits wird Wildwuchs in der Modellierung verhindert.

Für den Einsatz der BPMN zur fachlichen Prozessmodellierung wird insbesondere noche eine gute Integration mit anderen Modellierungssichten (z. B. Organigramme, Daten- oder Fachbegriffsmodelle, Anwendungssystemlandschaften) vermisst. Hier weisen aktuelle BPMN-Tools ebenfalls Defizite auf: Tools zur Unternehmensmodellierung mit unterschiedlichen, miteinander integrierten Sichten bieten bislang oft keine komplette Umsetzung der BPMN. Auf der anderen Seite gibt es hervorragende Tools zur spezifikationskonformen BPMN-Modellierung, die aber meist keine Integration anderer Sichten ermöglichen.

Prinzipiell bestätigen die Erfahrungen aus den Seminaren, dass sich die BPMN als gemeinsame Prozess-Sprache für Business und IT eignet. Allerdings beseitigt alleine die Nutzung einer gemeinsamen Sprache noch nicht die Möglichkeit, sich misszuverstehen. Das ist nicht anders als mit natürlichen Sprachen: Auch wenn zwei Menschen Deutsch sprechen, ist noch nicht sichergestellt, dass der eine versteht, was der andere sagen will.

Auf Grundlage des beschriebenen Seminars ist mittlerweile ein kleines Büchlein entstanden, bislang die einzige BPMN-Einführung in deutscher Sprache (Infos zum Buch).

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