Die meisten SOA-Projekte verfehlen die gesteckten Ziele, hat das amerikanische Beratungsunternehmen Burton Group herausgefunden. Andere professionelle Marktbeobachter kommen zu ähnlichen Ergebnissen. In der internationalen SOA-Szene kursieren mittlerweile fast mehr Analysen typischer Fehler und Versäumnisse als Best Practices oder Erfolgsbeispiele. Fast hat es den Anschein, als sei die über Jahre gewachsene SOA-Blase geplatzt.
Dieser Eindruck trügt. IT-Verantwortliche sollten sich von den Abgesängen auf den SOA-Hype ebenso wenig blenden lassen wie von den Hochglanzbroschüren der Softwarehersteller. Denn es gibt sie, die erfolgreichen SOA-Initiativen, auch in Deutschland. Nicht nur Pionieranwender wie die Deutsche Post haben bewiesen, dass SOA mehr ist als ein technikgetriebenes Modethema. Als strategische Option steht das Konzept bei einer Vielzahl großer Unternehmen und Behörden weit oben auf der Agenda. Dazu gehören die Daimler AG ebenso wie die Deutsche Bank, der Volkswagen-Konzern, die Telekom, die Hypovereinsbank oder auch die Bundesagentur für Arbeit. Die Bewerbungen zum computerwoche-Wettbewerb “CIO des Jahres 2008″ belegen zudem, dass SOA nicht nur in Großunternehmen ein Thema ist.
Eine gewisse Ernüchterung, manche Analysten sprechen von Abkühlung oder gar Desillusionierung, ist dennoch unverkennbar. Die zum Teil schlechten Erfahrungen in der Anfangsphase der SOA-Euphorie, aber auch überzogene Versprechen der IT-Hersteller, haben ihren Teil dazu beigetragen. CIOs, Projekt- und Prozessverantwortliche sollten diese Erkenntnisse als Chance begreifen, um ihre SOA-Pläne kritisch zu hinterfragen.
Die wichtigste Lektion: SOA ist, entgegen vielen Argumenten der Softwaregurus, kein reines IT-Thema. Wer SOA nur als Architekturparadigma für die Softwareentwicklung begreift, wird die erhofften Vorteile wie Flexibilität, Agilität und Effizienz kaum ernten können. Das volle Potenzial entwickelt eine SOA erst über die damit zu erzielenden Prozessverbesserungen. Dazu müssen die Fachabteilungen ins Boot, was direkt zur zweiten Lektion führt: Die Protagonisten müssen den wirtschaftlichen Nutzen einer SOA besser erklären. Das altbekannte Kommunikationsproblem der Techies wirkt sich in SOA-Vorhaben fatal aus.
Dazulernen müssen aber auch die Mitarbeiter in den Fachabteilungen, beispielsweise wenn es um den Umgang mit modernen Tools für die Prozessmodellierung- und -analyse geht. Eng damit zusammen hängt eine dritte Erkenntnis: Die mit SOA einhergehenden organisatorischen Veränderungen wirken nicht nur in den IT-Abteilungen, sondern potenziell in allen Unternehmensteilen und Führungsebenen. Ohne deren Unterstützung und Mitwirken bleibt SOA am Ende doch nur ein IT-Konzept.
> Eine gewisse Ernüchterung, manche Analysten sprechen von Abkühlung
> oder gar Desillusionierung, ist dennoch unverkennbar. Die zum Teil
> schlechten Erfahrungen in der Anfangsphase der SOA-Euphorie, aber
> auch überzogene Versprechen der IT-Hersteller, haben ihren Teil dazu > beigetragen.
Bitte nicht die Fachpresse (ja, auch die CW) vergessen!
Gruß,
Sebastian
Hallo Herr Stein,
Sie haben völlig Recht: Natürlich haben Fachmedien wie die COMPUTERWOCHE ausführlich über die Potenziale einer SOA berichtet, dabei aber auch immer die Versprechen der Hersteller kritisch hinterfragt. Die schlechten Anwendererfahrungen haben die Medien aber ebenso wenig erfunden wie die Beispiele erfolgreicher Projekte.
Grüße
Wolfgang Herrmann
Leider haben sich die Marketing-Abteilungen der Hersteller und manche selbsternannten Experten des Themas zu einem Zeitpunkt bemächtigt, als es noch (zu) wenig praktische Erfahrungen gab. War der Hype evtl. doch mehr vom Drang nach kommerziell verwertbaren neuen Themen, als vom Anwendernutzen getrieben? Es war wohl unausweichlich, dass auf die visionären Versprechungen rasch die ersten Negativerfahrungen und eine gewisse Ernüchterung gefolgt sind (das kann man ja auch alles bei Moore nachlesen). Die Wahrheit liegt – wie so oft – in der Mitte. Vorhandene, funktionierende Softwaresysteme (das nennt man heute wohl Legacy) mit Augenmass modernisieren, auf kostengünstig zu betreibende Plattformen umstellen und dann Schritt für Schritt in eine moderne, service-orientierte Architektur überführen: Dieser Ansatz funktioniert bestimt besser, als die “Entweder-SOA-oder-SAP-aber-sofort-Methode”…
Mal ganz im Ernst,
eine SOA Infrastruktur aufzubauen erfordert mehr als nur mal eben eine Software zu installieren.
Schließlich geht es darum sehr komplexe Aufgabenstellungen in den Griff zu kriegen. Das gilt übrigens nicht nur für SOA Projekte.
Sind sowohl die fachliche Seite als auch die technische Seite nicht 100% beschrieben, so kommt es folglich zu einer loose-loose Situation. Das Ziel wird nicht erreicht und/oder Nacharbeiten des Lieferanten senken seine eigene Marge.
Die grundlegenderen Techniken sind vorhanden und weniger fehlerhaft als die beteiligten Personen. Zeitliche, finanzielle und zwischenmenschliche Gründe sorgen dafür, dass Projekte oft am Ziel vorbei laufen. Grenzen wie die ersten beiden sind natürlich wichtig. Wer aber immer noch nach der Geiz ist Geil Mentalität seine Projekte betreibt, erhält was er bezahlt. Jasager und Katastrophen.
Aus mehr als 20 Jahren Software Entwicklung haben sich einige Details herauskristallisiert:
„Früher war alles anders“.
„Technik lässt sich schneller/einfacher ändern als Menschen“.
„Alles was sich exakt beschreiben lässt, ist ohne Kostenbetrachtung technisch umsetzbar“.
„Kleine Schritte in die richtige Richtung sind besser als Nichts zu unternehmen oder auf das Ultimative Ergebnis zu warten“. (Siehe dazu auch den Text in einer anderen Computer Zeitung. „Thema ich kaufe mir seit 2 Jahren einen Computer“).
„Man lernt nur aus Fehlern“.
Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund den Kopf in den Sand zu stecken und eine Rolle rückwärts zu machen (Schon probiert? Man bricht sich das Genick).
Wie bei allen Projekten sollte man die Erwartungen nicht zu hoch schrauben, sondern realistisch seine Lage beurteilen. Wo bin ich, wo will ich hin, was habe ich erreicht und sind wir bereits soweit?
SOA ist die IMHO die Verknüpfung von spezialisierten Diensten die ihre Aufgabe optimal erledigen können, anders als Giga Anwendungen die Alles, aber das nicht richtig beherrschen. Gerade SOA ermöglicht es mir einen Anfang zu machen und in kleinen Schritten an den Stellen wo es nicht klappt bessere Systeme zu integrieren.
Hallo Herr Herrmann,
vielen Dank für Ihren Beitrag, der hoffentlich endlich mehr Realismus in die SOA-Diskussion bringt.
Vor allem Ihr Hinweis auf die organisatorischen Veränderungen, die durch SOA-Projekte ausgelöst werden, ist dabei für mich wesentlich. IT-Projekte mit diesem Ausmaß können nicht allein aus einer technischen Perspektive betrachtet werden.
Ich weise in diesem Zusammenhang gerne auf meinen Beitrag in diesem Blog zum Thema “Change Management in BPM- und SOA-Vorhaben” hin:
http://www.computerwoche.de/soa-expertenrat/2008/03/14/change-management-soa-und-bpm-initiativen-gezielt-begleiten/
Die Weiterbildung der IT-Projektleiter und -Führungskräfte muss ergänzt werden durch die Vermittlung von Kompetenzen für Organisationsentwicklung und Change Management, damit IT-Projekte zukünftig auch nachhaltig in den Organisationen umgesetzt werden.
Ich werde am 9.9. auf der “Zukunft Personal” in Köln einen Vortrag zu diesem Thema halten.
Mit freundlichen Grüßen
Uwe Feddern
Das Konzept von SOA ist weder neu noch löst es ein Problem das Benutzer haben. Es könnte vielleicht ein Problem lösen das die IT sich selbst gemacht hat, nämlich das der ‘Best of Breed’ Anwendung und das der heterogenen Technologielandschaft. Nun muss der Benutzer dafür zahlen. Leider ist es so, dass – um die Worte von Norbert Blüm zur Finanzkrise zu nutzen – “es Komplikatoren gibt die sich an der Komplikation bereichern”. Genauso ist es auch in der Informatik. Je komplizierter es wird umso weniger kann sich ein Unternehmen selbst seine Informatik aufstellen und braucht daher Experten und Dienstleister. Welches Unternehmen hat den heute noch das Personal um selbst IT zu machen und aus SOA Services eine Anwendung zu bauen? Ich kenne keines. Weiters ist das Thema SOA zu wenig. Man benötigt zusätzlich Datenmodelle, Prozesse, Regeln und Oberflächen. Dabei möchte ich auch mich gegen die Verteufelung der Hersteller verwehren die zwar SOA anbieten aber eben mehr – aus vorherigem Grund. Warum will den jemand unbedingt mit viel Aufwand eine eigene komplexe SOA Landschaft mit einem teuren externen Dienstleister integrieren wenn er das alles in einem Produkt schon fertig bekommt? Die Frage der Unabhängigkeit kann es ja wohl nicht sein weil sie sind dann eben von 7 Herstellern abhängig und nicht von einem. SOA oder nicht, die Aufgabe der IT ist es – neben der Massenverarbeitung – den Benutzern die Werkzeuge in die Hand zu geben sich die notwendigen und laufend ändernden Geschäftsvorfälle so weit als möglich selbst einzurichten. SOA kann dabei helfen, nur es fragt sich ob der Aufwand dazu überhaupt gerechtfertigt ist.