Was macht Prozesse lauffähig?

Dieser Tage wurde ein Interview von mir zum Thema SOA und BPM veröffentlicht. Eine meiner Aussagen lautete sinngemäß, dass die Methodologien wie z.B. die Vorgehensmodelle der großen SW-Hersteller à la Oracle, SAP, IBM, etc. noch nicht ausreichend Prozess-zentrisch ausgerichtet seien. Damit meinte ich ganz einfach den Umstand, dass bei der Verwirklichung Service-orientierter Architekturen die Entwicklungsarbeit heute idealtypischerweise zweigeteilt ist:

Teil 1: Beim Anwender findet top-down (Enterprise Modeling) die Arbeitsprozessanalyse und -optimierung statt.

Teil 2: In einem nachfolgenden Schritt wird dann seitens der Nachfrager bei den Anbietern der bottom-up rekonstruierten Anwendungssoftware, die wir in Zukunft auch Application Service Provider nennen könnten, nach dem passenden Service gesucht. Hierzu werden eine Service-Anbieter-Analyse sowie eine Service-Rekonfiguration und -Evaluation durchgeführt.

Wie das mit Interviews heutzutage so ist, wurden natürlich vor dem Druck Meinungen anderer Experten eingeholt. Und eine dieser Kommentare möchte ich nun als Grundlage für den heutigen Blog-Beitrag nehmen.

Rolf Schumann (Europa-CTO Netweaver, SAP) antwortete auf meine Ausführungen: „Unsere Transformationsmethodik zur Enterprise SOA enthält ein Vorgehen, um betriebswirtschaftliche Prozesse auf der Business-Prozess-Plattform zu implementieren. Hinzu kommt eine Methodik zur semantischen Modellierung von Enterprise Services.“

Sie werden mir sicherlich zustimmen, dass es dieses Statement verdient, hier diskutiert zu werden. Ich mache gerne den Anfang und zwar mit der Frage, was Herr Schumann im Kontext von Enterprise Services mit „semantisch“ meint. Semantik, was übersetzt bekanntermaßen „Bedeutung“ heißt, ist eines der schwierigsten Konzepte in der Computer Science überhaupt. Aber ich denke, Herr Schumann meint mit „semantisch“ das, wofür wir hier in diesem Zusammenhang genauer die Bezeichnung „fach-semantisch“ verwenden sollten.

Wie also ist beispielsweise der Prozess-Abschnitt „konstruiertes Produkt zur FertigstellungFREIGEBEN“, „MitarbeiterEINSTELLEN“ oder aber „SteuerbilanzERSTELLEN“ genauer auszumodellieren, damit entschieden werden kann, welchen Teil des Prozesses ein Enterprise Service und welchen Teil weiterhin ein Mitarbeiter ausführen müsste?

Die Betriebssystem-Leute – wobei es bei uns natürlich um Arbeitsprozesse geht – werden sagen: „I need requirements to provide runnability“. Requirements (Erfordernisse) könnten wir mit „Betriebsmitteln“ im weitesten Sinne übersetzen, zu denen dann organisationstheoretisch auch Mitarbeiter gehören. Und diese Betriebsmittel gilt es auszumodellieren, um den Prozessen ihre Runnability zu verschaffen. Dazu müssen dann Methoden zur Aufgabenmodellierung wie beispielsweise Use Case Diagramme sowie Methoden zur Arbeitsprozessmodellierung wie beispielsweise BPMN-Diagramme zum Einsatz kommen. Mein Eindruck ist hier der, dass noch zahlreiche weitere Gegenstände einer Ablauf- und Aufbauorganisation wie z.B. Arbeitspläne oder Stellenbeschreibungen als „Betriebsmittel“ auszumodellieren wären, um zu einer „tatsächlichen“ Runnability zu gelangen.

Auf den ersten Teil der Aussage von Herrn Schumann würde ich übrigens – zugegeben ein wenig polemisch und mit Augenzwinkern – folgende Frage erwidern: Wenn die SAP über prozess-zentrische Vorgehensmodelle zur Einführung von SOA verfügt, wozu brauchen wir dann noch Firmen, wie beispielsweise die IDS Scheer?

Ihre Meinung ist gefragt: Wie sehen hier Sie die Situation auf der Seite der passenden Methodologien und welche Antwort haben Sie auf die Frage, was in fachsemantischer Hinsicht bei unserem Umgang mit den Arbeitsprozessen des Anwenders zur Erreichung ihrer hohen „Runnability“ modellierungsseitig getan werden müsste?

2 Responses to “Was macht Prozesse lauffähig?”


  1. 1 Falk Ostermann

    Hallo,

    ich sehe die größte Herausforderung zur Erreicherung von lauffähigen, technischen Prozessen, welche auf der initialen fachlichen Modellierung (Kompetenz BPM) beruhen, in der Abkehr vom Bottom-Up-Prinzip (bspw. Anwendungsfallmodellierung in UML) als Folge der Top-Down-Modellierung (Geschäftsprozessmodelle). Vielmehr gilt es, in Form einer erweiterten Geschäftsprozessmodellierungsphase Hilfsmittel wie eine Prozesslandkarte, Domänenmodell, Anwendungslandschaft, Rollen, Geschäftsobjekte, etc. heranzuziehen und die fachlich modellierten Geschäftsprozesse mit Informationen aus den genannten Hilfsmitteln anzureichern. Dadurch entstehen (theoretisch) fachlich orientierte, technisch angereicherte, ausführbare Prozesse, welche als Grundlage (plus weitere Ergebnistypen wie eine Liste der fachlichen Schnittstellen und Geschäftsobjekte) für die eigentliche implementierungsnahe Modellierung (z.B. UML) dienen. Die sogenannte “Runnability” zeichnet sich ja nicht durch eine maximale Detailmodellierung auf technischer Ebene aus, sondern durch die Ausrichtung an der Fachlichkeit! Der Mitarbeiter handelt fachlich, nicht technisch. Daher ist die Übertragung der “Fachsemantik” aus den GP-Modellen in die durch Services unterstütze ausführbare Prozesse mit Hilfe sequenzieller, teils iterativer Modellierungsstufen ein Hauptanliegen zur Erreichung von “Runnability” - denn ohne Nutzer leben die Prozesse nicht (außer bei einer 100%igen Automatisierung).

    Viele Grüße,
    Falk Ostermann
    SAPICON GmbH

  2. 2 Erich Ortner

    Hallo Herr Ostermann,

    ich habe in unserem Arbeitsgebiet, der Geschäfts- und Betriebsprozessmodellierung im Hinblick auf den Einsatz von IT-Services ähnliche Schwierigkeiten wie Sie mit solchen Einteilungen wie “Top-Down” und “Bottom-Up”. Man weiss nämlich nie, was der Gesprächpartner als Top (hier: die Ablauf- und Aufbauorganisation des Unternehmens) und was als Bottom (hier: das Rechnersystem und die IT-Services) verstanden wissen möchte. Zudem klingt “Top-Down” nach “grob” und “Bottom-Up” nach “detailliert”. Dieser Sprachgebrauch ist jedoch in der Praxis vielfach anzutreffen.

    Ich würde, um Mißverständnisse auszuräumen, unabhängig davon, ob wir uns auf der Ebene der Unternehmensorganisation oder auf der Ebene der IT befinden, lieber einen Modellierungsanfang “aus der Mitte” heraus suchen. Also: Auch bei der Aufgaben- und Arbeitsprozessmodellierung von Einheiten (Komponenten) mittlerer Größe ausgehen und dann einer Insight-The-Component/Outsight-The-Component-Dychotomie das Wort reden.

    Je nachdem, wie genau wir die Modellierung hierbei jeweils durchführen können, kommen wir zu einer hohen “Runnability” (spezifizierte “Betriebsmittel” der Prozesse) sowie einer hohen “Applicability” (spezifizierte “Bezugsobjekte” der Prozesse) unserer Prozessmodelle. Ein Betriebsmittel eines Prozesses ist bspw. ein Arbeitsplan, der einzuhalten ist und ein Bezugsobjekt eines Prozesses könnte bspw. ein Störfall in einem Unternehmen sein, dessen Beseitigung das Prozessmodell (Runnability) garantiert.

    Die Modellierungsrichtung wäre: From Applicability to Runnability! Denn warum soll ich Prozessen eine Runnability (Betriebsmittel) “aufmodellieren”, wenn ich noch nicht spezifiziert habe, was eigentlich ihre Applicability (Bezugsobjekte) sein wird?

    Beste Grüsse
    Erich Ortner

Leave a Reply