BPMN - Lingua Franca zwischen Fachabteilung und IT?

Die von der OMG standardisierte Business Process Modeling Notation (BPMN) gewinnt zusehends an Bedeutung - sowohl für die Modellierung ausführbarer Prozesse als auch für die fachliche Modellierung von Geschäftsprozessen. Damit scheint sich im Gegensatz zu anderen Notationen, wie die eher von fachlichen Modellierern eingesetzten ereignisgesteuerten Prozessketten (EPK) oder die praktisch nur in der Software-Entwicklung verwendeten UML-Aktiviätsdiagramme, zumindest für die Prozessmodellierung eine gemeinsame Notation für Fachabteilung und IT zu entwickeln. Das heißt zwar einerseits noch längst nicht, dass dadurch alle Verständnisprobleme gelöst werden. Auch die Verwendung einer gemeinsamen Muttersprache hindert Menschen schließlich nicht daran, aneinander vorbei zu sprechen und sich gegenseitig zu missverstehen. Andererseits macht es die Kommunikation doch ein wenig einfacher, wenn der Kollege aus der Fachabteilung mit den Symbolen etwas anfangen kann, die der IT-Experte in seinen Prozessmodellen verwendet.

Die Standardisierung durch die OMG hat dem Thema Prozessmodellierung einen wichtigen Schub gegeben. Eine ähnliche Entwicklung hat vor einigen Jahren im Bereich der objektorientierten Entwicklung stattgefunden. Zwar hatte es bereits zuvor zahlreiche Modellierungstools gegeben, doch erst als mit der Unified Modeling Language (UML) ein Standard für die objektorientierte Modellierung zur Verfügung stand, gewann die Modellierung im Rahmen der Software-Entwicklung einen bedeutenden Platz. Heute unterstützen praktisch alle Software-Modellierungstools die UML, weltweit wird die UML in der Informatiker-Ausbildung gelehrt. Einen ähnliche Entwicklung könnte sich nun im Bereich der Prozessmodellierung abzeichnen, wo bislang viele Unterschiede zwischen den Notationen der diversen Modellierungstools herrschten. Bislang gibt es schon weit über 40 Tools, die die BPMN unterstützen.

Im Moment gibt es noch viele Baustellen im Bereich der BPMN, unter anderem das Fehlen eines standardisierten Austauschformats sowie die mangelnde Integration mit anderen im Rahmen eines Prozesses zu berücksichtigenden Aspekten, wie z. B. Datenstrukturen sowie Rollen- und Organisationsmodellen. Auch fehlen anerkannte Anwendungs- und Strukturierungshinweise für eine sinnvolle BPMN-Modellierung auf fachlicher Ebene, so dass jedes Unternehmen seine eigenen Konventionen entwickeln muss. Dies erschwert natürlich den Übergang von fachlichen zu ausführbaren BPMN-Modellen. Doch ist zumindest eine Grundlage geschaffen, so dass diese Fragestellungen auf der Basis einer gemeinsamen Notation gelöst und somit leichter weiter verbreitet werden können.

Im Blog “Kurze Prozesse” wurden jüngst einige BPMN-Modellierer zu der noch recht jungen Notation befragt. Eingesetzt wurde die BPMN vor allem für die Kommunikation zwischen Fachabteilung und IT im Vorfeld oder während der Entwicklung von ausführbaren Workflows, z. T. auch für die rein fachliche Modellierung. Über die Eignung für die rein fachliche Modellierung gehen die Meinungen allerdings auseinander. Als wesentlicher Vorteil wurde vor allem die leichte Verständlichkeit genannt, wobei die Bedeutung der Konstrukte zugleich präzise definiert ist. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Konstrukten, die eher selten genutzt werden und vor allem den Anfänger eher verwirren.

Als Nachteile wurden neben der fehlenden Integration mit anderen Modellierungsmethoden und dem fehlenden Austauschformat die z. T. schwierige Überführung in andere, ausführbare Prozessbeschreibungen (z. B. BPEL oder XPDL) genannt. Vermisst werden außerdem ein Metamodell sowie gute Beispielmodelle. Das Erlernen der BPMN gestaltet sich momentan noch etwas schwierig. Es gibt einige nützliche Webseiten. Das Kursangebot ist bislang noch recht übersichtlich, gute Literatur fehlt noch gänzlich. Immerhin: An der FHS St. Gallen wird die BPMN bereits in einer Vorlesung gelehrt.

2 Responses to “BPMN - Lingua Franca zwischen Fachabteilung und IT?”


  1. 1 Torben Schreiter

    In der aktuellen Version 1.1 halte ich BPMN für wenig geeignet um ausführbare Prozesse bis ins letzte Detail zu definieren. Zumindest ohne proprietäre Erweiterungen. Allein die gravierenden Defizite hinsichtlich des Datenflusses und der Datentransformation werfen hier ihren Schatten (die Liste ist aber noch deutlich länger)…

    Dem Statement, BPMN eigne sich besonders gut für genau den Zweck der Definition von technisch konfigurierten Prozessen kann ich aktuell also nur entschieden widersprechen!

    Ich selbst bin der Meinung, dass es eine wünschenswerte Entwicklung wäre, wenn grafische Prozessdefinition für ausführbare Prozesse einem Standard unterliegen würde. Dies ist jedoch eine Zukunftsvision und hat mit dem Standard BPMN 1.x nichts zu tun.

  2. 2 Thomas Allweyer

    Das stimmt, mit einem BPMN-Modell lässt sich derzeit ein ausführbarer Prozess noch nicht komplett spezifizieren.

    Dennoch verwenden viele Werkzeuge ein BPMN-Modell zur Definition des Kontrollflusses, der - nach Erweiterung mit proprietären Elementen und Transformation in eine direkt von der Process Engine interpretierbare Repräsentation - ausgeführt wird. Insofern spielen BPMN-Modelle durchaus eine wichtige Rolle als Teil der Spezifikation ausführbarer Prozesse. Zumindest für diesen Teil eine standardisierte Notation zu haben, ist bereits ein Fortschritt.

    Zahlreiche Elemente der BPMN haben einen ganz klaren Bezug zur Ausführung, wie z. B. Schleifen und Ausnahmebehandlungen.

    Dass in der BPMN noch vieles fehlt - sowohl für ausführbare als auch für fachliche Prozessmodelle - ist sicherlich unbestritten.

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