BPM 2.0: Über die Grenzen von SOA

Der SOA-Begriff hat in den vergangenen zwei Jahren in der IT-Fachpresse eine sehenswerte Karriere gemacht. In der allgemeinen Neuorientierung hin zu flexiblen, wiederverwendbaren Services zeigt sich, dass in vielen Unternehmen die gewachsenen IT-Landschaften als zu starr und schwerfällig empfunden werden. Mit Hilfe des Aufbaus einer SOA erhofft man sich, verkrustete Strukturen aufzubrechen und damit die Effizienz nicht nur der IT-Systeme, sondern der gesamten Unternehmensstruktur steigern zu können. Um hierbei nachhaltigen und messbaren Erfolg zu erzielen, greift der Ansatz einer „Service-orientierten Architektur“ jedoch zu kurz.

Andererseits wird unter „SOA“ häufig mehr verstanden als eine Neuorientierung auf technologischer Ebene. Zu Recht wird SOA in diesem Fall als Management-Thema mit strategischer Relevanz begriffen, das neben der IT auch die Fachbereiche und die Prozessverantwortlichen mit einbezieht und zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit sowie teilweise gar zu neuen Geschäftsmodellen führen kann.

Dies ist nicht verwunderlich, da die Zusammenschaltung (Orchestrierung) von Services zu Geschäftsprozessen oder zumindest Teilprozessen führt. Ein Teilprozess kann im Sinne einer SOA dann flexibel mit anderen Services oder Teilprozessen wiederum zu Geschäftsprozessen orchestriert werden. Man erkennt hier die Symmetrie zwischen Service und Prozess sowie die betriebswirtschaftliche Relevanz einer SOA.

Weitere betriebswirtschaftlich relevante Faktoren einer SOA liegen in der gewünschten Fähigkeit Prozesse/Services an Dritte auslagern zu können (Business Process Outsourcing) und Prozesse/Services Dritter aktiv in die eigenen Abläufe einzubinden (SaaS, „Software as a Service“ respektive ASP, „Application Service Providing“). Auch die Einbindung neuer Technologien wie RFID oder Digitale Signatur erfordert eine Ankopplung an die Geschäftsprozesse, damit der mögliche Nutzen auch tatsächlich realisiert wird.

Wenn als Ziel einer SOA-Einführung also die Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit definiert wird, genügt es nicht, einzelne Services unter technischen Aspekten zu betrachten. Vielmehr muss die Perspektive erweitert und die gesamte Prozesskette in das Blickfeld genommen werden. Dafür bedarf es einer anderen Begrifflichkeit und einer über die reine SOA hinausgehenden Produktkategorie.

Prozesszyklen ganzheitlich denken

BPM, ein Kürzel, das bisher meist im Sinne von „Business Process Modeling“ verwendet wurde, kann in puncto Pressewirksamkeit als Buzzword noch nicht wirklich mit SOA konkurrieren, holt aber derzeit stark auf. Viel ist hier im Fluss. Die Umwertung und Umbenennung von „BPM“ zum „Business Process Management“ als ganzheitlicher Ansatz statt des beschränkteren „Business Process Modeling“ ist praktisch vollzogen. Auf der Softwareseite haben die meisten Anbieter von SOA-Suiten begonnen, prozessorientierter zu denken. Auf der Unternehmensseite wiederum kann man beobachten, dass Etats für SOA und BPM zunehmend zusammengelegt werden.

Im Gegensatz zur SOA, die vom einzelnen Service und seiner technischen Orchestrierung ausgeht, liegt beim BPM der Fokus auf dem gesamten Prozess – man könnte daher auch von Prozess-orientierter Architektur sprechen. Moderne BPM-Systeme verfolgen den Ansatz, einen ganzheitlichen Zyklus abzubilden: von der Modellierung und Simulation, insbesondere die Ausführung und Koordination der Prozesse, über die Einkopplung von Systemen und Mitarbeitern bis hin zur Auswertung der erzielten Prozesseffizienz.

Dieser Ansatz geht mit dem Bestreben einher, die IT-Systeme nicht nur immer durchgängiger und flexibler, sondern insbesondere für Prozessverantwortliche und Management transparenter werden zu lassen sowie den Grad der Prozessautomatisierung ständig zu erhöhen. Auch dem Fachnutzer soll stärker die Möglichkeit gegeben werden, seine Prozesse zu überprüfen und frühzeitig steuernd eingreifen zu können. Erforderlich ist ein Prozess-Cockpit, mit dem Soll-Ist-Abweichungen erkannt werden können. Mit einer Begriffsprägung aus der amerikanischen IT-Welt wird dieser innovative Ansatz auch „BPM 2.0“ genannt, was insofern Sinn macht, als es unter anderem auch Web-2.0-Techniken sind, die diese Systeme mit konstituieren.

BPM als Konvergenzthema

BPM 2.0 hat im Grunde mehrere Themen aufgesaugt, die bisher schon einzeln eine gewisse Karriere am Markt gemacht haben – SOA ist nur eines davon, wenngleich das Jüngste. Des Weiteren sind hier Workflow-Systeme und Integrations-Systeme (EAI), Auswertungssysteme (BI) aber auch Portale zu nennen.

Integrierte Portale bieten erstmals eine intuitive, einheitliche und flexible Oberfläche für Prozessanwendungen und sind ein wichtiger Schritt dahin, Fachnutzern ein großes Maß an Kompetenz und Kontrolle über die Prozesse wiederzugeben, das vorher bei der IT-Abteilung lag.

BPM 2.0 Systeme ermöglichen solche integrierten Portale mit Hilfe frei konfigurierbarer und kombinierbarer Portlets (Portal-Bausteinen, die mit dem Prozess korrespondieren), die jedem Mitarbeiter individualisiert Zugang zu den Geschäftsprozessen bieten. Durch den Einsatz solcher Portale wird die Transparenz des Gesamtsystems für alle an den Geschäftsprozessen Beteiligten deutlich erhöht. Als Einstieg in ein Unternehmens-Intranet kann ein Portal beispielsweise die Schnittstelle zwischen der Lagerverwaltung und externen Partnern bilden, die selbstständig Bestellvorgänge auslösen können, welche dann automatisch mit dem Warenbestand im zentralen ERP-System abgeglichen werden. So sind Portale für das BPM der zweiten Generation ein entscheidender Schritt hin zu weniger IT, dafür aber mehr Transparenz für den Nutzer.

Die Zukunft von SOA heißt BPM

Was das Verhältnis von SOA und BPM angeht, so wäre es theoretisch denkbar und praktisch möglich, ein Tool zum Geschäftsprozessmanagement mit einer anderen als einer serviceorientierten Architektur umzusetzen. Umgekehrt liegt der Fall anders, denn das SOA-Terrain ist begrenzt. Eine SOA bietet nicht die Möglichkeiten der ständigen Rückkopplung auf ein Prozessmodell, an dem die laufenden Prozesse gemessen und kontrolliert werden können. Darüber hinaus besteht praktisch nirgendwo eine reinrassige SOA-Welt aus Systemen, die sämtlich Webservice-fähig wären; denn in der Praxis geht es immer auch darum, eine Reihe von Legacy-Systemen mit proprietären Schnittstellen zu integrieren. Früher wurde dieses Thema unter dem Schlagwort „EAI“ geführt, mittlerweile wird es ganz selbstverständlich als Teil des Business Process Management begriffen.

Es bleibt spannend zu sehen, wohin der BPM-Markt sich entwickelt. Die marktgängigen, SOA-basierten BPM-Produkte bemühen sich mittlerweile intensiv darum, den „closed loop“ der Prozesskette abzubilden, können diesen aber bis auf wenige Ausnahmen nur mit Hilfe von Zukäufen und Kooperationen realisieren. Dies führt jedoch zu heterogenen, schwer konfigurierbaren BPM-Suiten, die einen nachhaltigen Kundennutzen nicht ermöglichen. Die allgemeine Entwicklung hin zur funktionalen Durchgängigkeit der BPM-Produkte ist momentan voll im Gange. Auf diesem Feld wird sich in den nächsten Jahren noch viel tun.

Dr. Torsten Schmale, Vorstandsvorsitzender der inubit AG

1 Response to “BPM 2.0: Über die Grenzen von SOA”


  1. 1 Wal

    Die Differenz einfacher formuliert: Für SOA kriegen Sie kein Geld, für BPM schon.

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