Wie wirken sich SOA-Konzepte auf das Thema BI aus?
Diese Leserfrage an den Expertenrat ist auch Gegenstand verschiedener Konferenzen und White Papers. Vorweg gesagt, ist es meiner Ansicht nach noch nicht mit Sicherheit absehbar, welche Auswirkungen SOA auf BI wirklich haben wird. Der Grund dafür ist, dass die operativen System und die BI-Infrastrukturen in den meisten Unternehmen stark getrennt sind. Falls ein Unternehmen SOA als Grundlage für seine betrieblichen Informationssysteme verwendet, so hat dass vor allem Einfluss auf die Art und Weise, wie operative Systeme geplant, realisiert und betrieben werden.
Aufgrund des speziellen Charakters von BI-Anwendungen und -Architekturen, muss SOA zunächst in diesem Bereich konkrete und nützliche Ansätze liefern. Da ist es nicht genügend, wenn ETL-Hersteller wie beispielsweise Informatica ihre ausgeklügelte Ablaufsteuerung als SOA-Workflow bezeichnen (Informatica Presentation: Service Oriented Data Integration) oder IBM das Produkt DataStage (vormals Ascential) einfach in WebSphere DataStage umbenennt und als zentrale Komponente der IBM WebSphere Data Integration Suite bezeichnet. (ETL = Extraktion, Transformation und Laden von Daten).
Das gängige konzeptionelle Modell basiert auf der Überlegung, neben den klassischen Kennzahlen, die aus der laufenden Unternehmenstätigkeit als Grundlage für BI erzeugt werden (Anzahl Abschlüsse, Kosten, Umsatz, etc.), neue Kennzahlen einzubeziehen, die betriebliche Abläufe messen. Da SOA die direkte Umsetzung von Geschäftsprozessen erlaubt, werden alle betrieblichen Abläufe formal beschrieben, ausführbar und somit auch messbar. So argumentieren zumindest die Exponenten der Ansätze “Analytics meets Enterprise SOA” (Whitepaper von Wolfgang Martin), “Mit EAI und SOA zum Real-Time Enterprise” (Torsten Schmale von inubit AG) und “Wenn BPM und BI zusammenwachsen” (CIO Zeitschrift 8.9.2005). Diese Ansätze sind nachvollziehbar und vielleicht sogar in Zukunft umsetzbar. Sie setzen jedoch Dinge voraus, die meiner Ansicht heute nicht gegeben sind. So soll die Analytik Geschäftsprozesse und deren Wertschöpfung planen, überwachen und steuern helfen. Dies setzt voraus, dass diese Prozesse sowohl vollständig modelliert als auch ausführbar sind. Nur dann können die entsprechenden Zahlen überhaupt von den operativen Systemen geliefert werden. Bis heute sind jedoch weder sämtliche betrieblichen Prozesse modelliert, noch ist geklärt, ob sich alle mit BPM modellierten Prozesse denn auch als ausführbare Prozesse eignen und entsprechend umgesetzt werden können. Der praktische Nutzen und damit auch der Einfluss von SOA für das Thema BI wird in näherer Zukunft eher indirekt und punktuell sein. So ist zu erwarten, dass sich die durchschnittliche Datenqualität eines Unternehmens aufgrund der Aufgliederung bestehender Systeme in Services verbessern wird. Eine lose Koppelung von Systemen erfordert verlässlichere Daten, damit die beabsichtigten Skaleneffekte (Einsparungen) durch Wiederverwendung erreicht werden können. Ob nun als Master Data Management oder als einzelne Data Services realisiert, es gilt in jedem Fall: Je mehr Nutzer, desto besser die Qualität der Daten. Diese Tendenz wird Auswirklungen auf einen der komplexeren Bereiche des BI haben, auf das Data Cleansing. Es ist zu erwarten, dass Data Cleansing einfacher wird. Der zweite Aspekt wird die Steuerung der Ladeprozesse und damit die Qualität der Bereitstellung aktueller Ergebnisse betreffen. Realisiert ein Unternehmen seine Anwendungen auf SOA-Basis, werden Abläufe als Workflows getrennt umgesetzt. Diese Workflows werden entweder als grob granulare BPEL/BPM-Abläufe oder als fein granulare Business Rules formal beschrieben und damit ausführbar gestaltet. Damit werden sie auch überwachbar. Das entsprechende Know-how und gegebenenfalls die entsprechende Infrastruktur kann für die Steuerung und Überwachung von ETL-Prozessen von grossem Nutzen sein. Es können damit sogar Ansätze wie CFL (Control Flow Load) also das Event-getriebene Laden von sehr aktuellen Daten in eine BI-Applikation umgesetzt werden. Damit verbessert sich die Qualität und die Aktualität der Aussagen, die mit den Instrumenten von BI gemacht werden können. Selbstverständlich können BI-Anwendungen mit SOA realisiert werden. Dies betrifft jedoch lediglich die Strukturierung der gegebenen Anwendung. So könnten beispielsweise Reporting Services so gestaltet werden, dass sie als Dienst in operativen Anwendungen genutzt werden.
Die SAP-Strategie für Business Intelligence der Zukunft ist klar: die Kluft zwischen operativen Geschäftsprozessen und separater Datenhaltung in BI-Systemen zu überwinden. Das Ziel ist eine agile BI-Infrastruktur, die in der Lage ist, sich an die gegebenen Anforderungen anzupassen. Das bedeutet: Datenreplikation in ein Data Warehouse da, wo es Sinn macht und direkter Zugriff auf operative Daten (sog. Enterprise Information Integration), wenn es aus Business-Sicht zweckmäßig ist. Für die Agilität dieser neuen BI-Platform ist eine Enterprise Service Oriented Architecture fundamentaler, denn statt harter Abhängigkeiten, sorgen lose gekopplete Service-APIs für mehr Flexibilität. Alle BI-Funktionalitäten werden als Services in eine modell-basierte Design-Umgebung (Visual Composer) zur Verfügung gestellt. Das bietet erst die Möglichkeit, BI und operationale Transaktionen in einer Applikation zu vereinen.