Bedeutet SOA den Tod von ERP?

Einmal mehr sorgt ein US-amerikanischer IT-Berater mit einer gewagten Prognose für Schlagzeilen: Die wachsende Nutzung Service-orientierter Architekturen (SOA) wird zum Verschwinden des ERP-Markts in seiner heutigen Form führen, prognostiziert Bruce Richardson von AMR Research. In drastischen Worten beschreibt er den “Tag des jüngsten Gerichts” um das Jahr 2010: “SAP- und Oracle-Kunden werden dann aufhören, Anwendungen von ihren ERP-Anbietern zu kaufen.” Profitieren würden vor allem billige Systemintegratoren aus Indien oder Osteuropa. Sie entwickelten maßgeschneiderte “Composite Applications” für Kunden, die diese auf ihren vorhandenen ERP-Backbones einsetzen.

Auf den ersten Blick erscheint dieses Szenario ziemlich unrealistisch. Basteln nicht die marktbeherrschenden ERP-Anbieter vom Schlage SAP und Oracle selbst an Service-orientierten Architekturen? Und welcher Kunde würde die hochintegrierten ERP-Monolithen seines Hauslieferanten gegen zusammengekaufte Softwareservices von Drittanbietern eintauschen? Oracle und SAP haben zwar Milliardensummen investiert, um ihre ERP-Boliden Web-Services-fähig zu machen, wendet Richardson ein. Doch die Ergebnisse fallen bislang bescheiden aus. Gerade mal 500 sogenannte Enterprise Services hat SAP bislang angekündigt. Um die komplette ERP-Suite mit all ihren Branchenerweiterungen in SOA-Komponenten abzubilden, brauchen die Walldorfer eigenen Angaben zufolge bis zu 30 000 Web-Services. Das kann dauern. Die wendigen Systemintegratoren könnten diese Zeit nutzen, um selbst Business-Process-Platformen aufzubauen und Kunden mit billigen und standardisierten Services zu locken.

Nicht nur aus diesem Grund ist Richardsons These vom Tod des ERP-Markts keineswegs so abwegig. Auch die großen IT-Dienstleister wie Accenture oder IBM sind auf den SOA-Zug aufgesprungen. Sie arbeiten an branchenspezifischen Softwarekomponenten und könnten damit durchaus eines Tages die ERP-Anbieter in ihrem Kerngeschäft angreifen. Zwar betont IBM stets seine Positionierung als Infrastrukturanbieter, die eigene Anwendungssoftware ausschließe. Doch durch die Hintertür maßgeschneiderter SOA-Services könnte sich das schnell ändern. Die Bedrohung für die ERP-Platzhirsche kommt also von mehreren Seiten. Verstärkt wird sie noch durch den Trend zu gehosteten Anwendungen (Software as a Service) und kostengünstige Open-Source-Anwendungen. In Kombination bedeutet das ja vielleicht wirklich den Tod von ERP.

5 Responses to “Bedeutet SOA den Tod von ERP?”


  1. 1 Daniel Liebhart

    Herr Richardsons Thesen sind zwar nachvollziehbar, jedoch wenig logisch. Nachvollziehbar ist die Vision eines zukünftigen globalen Marktes für Services, der dem heutigen globalen Markt für Online Content / Online Shopping entspricht. Darauf hin zielen die Konzepte, die hinter dem ursprünglichen Web Services Modell stehen. Insbesondere die Rolle des Service Brokers als Vermittlungsstelle zwischen dem Service Provider und dem Service Requestor sieht vor, dass ein anonymer Markt von gleichartigen Diensten besteht. Allein schon die sehr bescheidene Ausbreitung des UDDI Standards zeigt, dass solche Modelle noch Zukunftsmusik sind.

    Wenig logisch ist jedoch die These, dass der ERP Markt verschwinden soll. Aus welchem Grunde denn ausgerechnet der ERP Markt. Gleiches könnte mit derselben Argumentation für den ECM, CRM oder den BI Markt gelten. Es ist doch eben die Stärke der Anbieter von Standardsoftware, dass Sie den Bedarf der meisten Kunden “out of the box” abbilden können. Diese Stärke ist auch für die Realisierung einzelner “composite services” ausschlaggebend. Dies würde bedeuten, dass ein zukünftiges ERP System aus einzelnen Diensten und ganz sicher auch aus vorgefertigten Prozessen besteht. So wären dann Beispielsweise die heute bestehenden SAP Module (z.B. FI oder CO) jeweils eine Sammlung von Diensten und vorgefertigten ausführbaren Prozessen. Die Anpassung des ERP Systems an die konkreten Kundenbedürfnisse wäre dann eine Anpassung des ausführbaren Prozesses und ggf. den Einbezug zusätzlicher Dienste von Drittherstellern. Die Marktvorteile eines grossen Herstellers verschwinden mit der Weiterentwicklung der Standardprodukte in Richtung SOA nicht, im Gegenteil, die Einführungskosten könnten durch SOA erheblich gesenkt werden. Und was an Qualitätsansprüchen an ein ERP System gestellt wird, wird als Qualitätsanspruch an die einzelnen Dienste und vorgefertigten Prozesse gestellt werden. Die Wettbewerbssituation wird sich also meiner Ansicht nach nicht verändern, respektive eventuell gewinnen die klassischen ERP Hersteller wie SAP und Oracle sogar gegenüber den Nischenanbietern, da die Grenze zwischen dem Standard-Monolith und der schlanken individuellen Anwendung verschwinden wird.

  2. 2 Jutta Czerny-Kiene

    Die Trendaussage von Bruce Richardson liegt prinzipiell im Bereich des Möglichen und sicher müssen Analysten auch pointieren, um Gehör zu finden.
    Ich halte die Prognosen aber für unrealistisch und zwar aus folgenden Gründen.

    SOA verspricht zwar eine höhere Flexibilität bei Änderung von Geschäftsprozessen und eine mittelfristige Reduktion der Wartungskosten, allerdings ist die vollständige Umsetzung mit dem vollständigen Nutzen über die gesamte Anwendungslandschaft auch ein schwieriger Weg, wie man an der Umsetzungsgeschwindigkeit von SOA und Enterprise Services z.B. bei der SAP und bei diversen Anwendern sieht. Auch halte ich eine Service-Orientierte Architektur für viele Bereiche gerade von ERP für nicht notwendig, hier ist hohe Stabilität bei den Prozessen und es gibt etablierte und anpassbare Standard-Software, die sicher auf Jahre hinaus ihre Daseinsberechtigung behalten werden. Manchmal reicht es bereits, einen messbaren Nutzen bei der Integration von Lösungen durch Einsatz von 3-4 Web-Services zu erreichen, hier von SOA zu sprechen, wäre aber zu hoch gegriffen.

    Man kann sich also vortrefflich darüber streiten, was SOA wirklich ist und wie sie sich durchsetzen wird. Maturity-Models analog CMMI helfen bei dieser Einordnung und dabei wird schnell deutlich, dass wir von den oberen Levels noch weit entfernt sind.
    Wo SOA wirtschaftlichen Nutzen bringt, ist dort, wo man häufig aufgrund von Prozessänderungen oder Änderungen des Geschäftsmodells die Anwendungen ändern muss und das sind in der Regel die Lösungen, wo das Unternehmen mit seinen Partnern, Zuliefern und Kunden in Interaktion tritt und weniger in den klassischen ERP-Bereichen.

    Eine komplette Anwendungslandschaft auf SOA-Basis zu realisieren, erfordert aber mehr als technische Wiederverwendung, konkret nämlich als Grundlage ein integriertes und konsistentes fachliches Prozessmodell, ein Datenmodell und ein Servicemodell hinter dem implementierte Services (entweder aus vorhandenen Systemen oder neu zu entwickelnde stehen). Wenn dies in der Software in Form einer Business Process Plattform und einer Vielzahl von Services abgebildet ist, ist die “Orchestrierung” neuer Prozesse schneller und effizienter als im Rahmen klassischer Entwicklung.

    An dieser Stelle haben die ERP-Hersteller die besten Voraussetzungen, sie haben das Wissen um die Modelle und die Software im Hause. Ein Neueinsteiger muss diese Modelle erst erstellen oder aber einen vorhandenen fachlichen Standard implementieren und wirklich praktische, umsetzbare Standards für Branchenprozessmodelle gibt es wenige bis keine. Dies ist ein Wissen, das kein Hersteller analog Open Source in der Breite bereitstellen wird, sondern eine Frage von Investitionen in Produktentwicklung und damit relativ unabhängig vom offenen Ansatz SOA. Ich halte dies für den eigentlichen Knackpunkt der These von Herrn Richardson.

    Wovon wir m.E ausgehen können, dass durch die weiter voranschreitende SOA-Durchdringung bei den ERP-Herstellern , Software-Häusern, IT-Beratungsunternehmen und auch bei Anwendern, eine grössere Anzahl SOA-basierter Lösungen (sogenannte Composite Applications, die spezifische Prozesse unterstützen, als Produkte oder kundenspezifische Lösungen) als Ergänzung zur Standard-Software entstehen werden.

    Unternehmen, die sich vom Wettbewerb abheben wollen, müssen in ihren kritischen Bereichen auch spezifische Software-Lösungen haben und die sollten sich mit dem SOA-Ansatz in Zukunft als Kombination von Services der ERP-Hersteller und eigenen Services schneller erstellen lassen.

    Jutta Czerny-Kiene

    CSC Deutschland Solutions GmbH
    Director SAP NetWeaver Architecture&Integration

  3. 3 Rüdiger Spies

    Zugegeben, die Überschrift liest sich agressiv und kommt einigen Lizenznehmern der großen ERP-Hersteller wohl gerade recht. Aber als jemand der Bruce R. persönlich kennt sollte man die Aussage etwas relativiert sehen.

    Insbesondere diejenigen, die hohe oder zu hohe Lizenzgebühren zahlen könnten sicher Gefallen an dem Gedanken finden.

    Ich halte die Aussage “der Tod der ERP-Anbieter” für schlichtweg völlig unrealistisch.
    Das hat mehrere Gründe:
    * Zum Einen sind die ERP-Hersteller im Moment Treiber des Wechsels auf diese neuen Architekturen.
    * Zum Anderen sind die mittleren Lebenszeiten von ERP-Systeme in der Größenordnung von 15 Jahren (wachsend).

    Ich halte es nach wie vor für praktisch unmöglich, dass WebServices von verschiedenen ERP-Herstellern genommen werden, um völlig neue ERP-Landschaften aus dem Boden zu stampfen (abgesehen vielleicht von einigen wissentschaftlichen Studien oder OpenSource Initiativen). Der Grund ist einfach: Die zugrundeliegende Architektur des jeweilgen Systems muss gewahrt bleiben. Deshalb wird es relativ leicht sein, verschiedene WebServices eines Herstellers zu einer neuen Funktion zu kombinieren, oder zusätzliche, ergänzende WebServices von einem Partner eines ERP-Herstellers zu nutzen oder gar eigenen zu programmieren. Aber grundsätzlich neue Funktionen aus ein bisschen Oracle Apps, ein wenig SAP und vielleicht noch Infor zu komponieren halte ich für Tagträumerei.

    Dieses Modell wird auch aus Lizenztechnischen Gründen unattraktiv sein. Denn es müssen Lizenzgebühren an alle Hersteller gezahlt werden. Zusätzlich sind Lizenzgebühren an den Integrator (nicht im klassischen Sinne) zu zahlen, der die Services in einem “Supervisor-Programm” zusammenführt. Dabei ist davon auszugehen, dass Teillizenzgebühren höher sein werden als für die gleiche Funktion in einer ganzen Suite.

    Bottom Line: SOA bedeutet nicht der Tod der ERP-Hersteller. Vielmehr ist es auch für die Hersteller eine willkommene Chance, die veralteten Programmstrukturen aufzulösen und die ganze Suite zu modernisieren. Diese kann dann wieder 15 Jahre “leben”. Aber bis dahin ist Bruce R. in Pension. :-)

  4. 4 Rolf Schumann

    Die Meinung von Bruce Richardson kann ich nicht teilen. SOA bedeutet keineswegs den Tod von ERP, sondern es ist eine Evolution der klassischen Architektur auf der die heuten ERP Systeme basieren. Ich möchte folgende Gleichung aufmachen: Ohne ERP, sprich: ohne Backends mit Business-Funktionalitäten, wird SOA nicht funktionieren, da es sich dann um ein reines technisches Konstrukt handelt. Ein ERP-System enthält sehr tiefes Prozesswissen – die so genannten und von Herrn Richardson beschriebenen Composites können dieses nicht ohne weiteres abdecken. SOA ergänzt das vorhandene Prozesswissen um die notwendige Flexibilität, um auf neue Anforderungen flexibel zu reagieren. Es geht jedoch keineswegs darum, beispielsweise eine Finanzbuchhaltung neu zu entwickeln. Wenn Bruce Richardson vom Jahre 2110 gesprochen hätte, dann wäre ich geneigt zu sagen: “Warten wir das mal ab!” Aber er spricht bereits vom Jahr 2010. Das ist utopisch und entbehrt jeder Grundlage.
    Reduzieren wir SOA auf das Wesentliche, so sage ich: Der Kunde bekommt mehr Flexibilität in der Modellierung von Geschäftsprozessen. Er muss jedoch die dazu notwendigen Services von Anbietern beziehen oder in Eigenentwicklungen erbringen. In vielen Bereichen jedoch wird der Kunde nach wie vor sein Kerngeschäft nicht aus der Hand geben und eigene Lösungen betreiben, bzw. seine laufenden und zuverlässigen Prozesse weiterhin nutzen. Die Aussagen, die Herr Richardson zu SAP in Bezug auf unsere Services macht, sind schlicht falsch. Wir haben bis dato 500 Services geliefert und nicht nur angekündigt! Bis Ende 2007 wird die gesamte mySAP Business Suite “Service Enabled” sein. Von “lange warten” kann hier nicht im Entferntesten die Rede sein.
    SAP spricht auch ganz einschieden von Enterprise SOA und nicht SOA, um eben die betriebswirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen. Wer sich ein Bild von Enterprise SOA der SAP machen möchte und mehr als nur an der Oberfläche kratzen, dem sei das Buch von Thomas Mattern und Dan Woods empfohlen: “Enterprise SOA – Designing IT for Business Innovation”, erhältlich u.a. bei Amazon unter:
    http://www.amazon.de/Enterprise-SOA-Designing-Business-Innovation/dp/0596102380/sr=8-2/qid=1157123391/ref=pd_ka_2/028-0733557-1736555?ie=UTF8&s=gateway

  5. 5 Norbert Schädler

    Bruce Richardson überzeichnet sicher und man kann lange diskutieren, wie realsitisch seine Aussagen sind, sie treffen jedoch des Pudels Kern und das nicht nur für ERP. Die Anbieter von Anwendungspaketen waren in der Vergangenheit den Anwendungsentwicklern der Unternehmens-IT’s keinesfalls um Längen überlegen. Auch bei ihnen finden sich monolithische und schwer wartbare Strukturen. Selbstverständlich mit denselben Folgen wie bei der Unternehmens-IT. Es wundert mich also nicht so sehr, wenn auch aus dieser Ecke serviceorientierte Konzepte propagiert werden. Man muss jedoch aus meiner Sicht einen weiteren wichtigen Aspekt betrachten. Anbieter von Anwendungspaketen wollen und müssen, getrieben durch ihr Geschäftsmodell, nach wie vor versuchen, den Fussabdruck bei ihren Kunden so gross wie möglich zu machen. Dies verhindet momentan in der Hauptsache andere, sprich kleinere Granularitäten bei den Anwendungskomponenten. Nur wenn der Markt dies verstärkt fordert, wird es hier zur notwendigen Liquidität und somit zu einer benötigten reichhaltigen Auswahl kommen. Dabei sage ich nicht, dass dies für jeden Bereich, den solche Pakete adressieren überhaupt von Nutzen wäre. Wenn wir über standardisierte und industrialisierte Prozesse reden, die kaum oder gar nicht mehr Differenzierung am Markt bringen, dann ist zur Verhinderung von Komplexität sogar zu eher grossen Einheiten zu raten.
    Sei’s drum, ich denke, dass Anbieter von ERP oder anderen Lösungen umdenken müssen, das aber nur im Sinne ihrer Kunden tun werden, wenn diese entsprechend Druck ausüben.

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