"Die IT-Abteilung wird wohl kaum überleben" und "Der größte Teil der Business-IT wird in die Weiten des Internets abwandern" ? mit diesen Thesen hat Nicholas Carr die weltweite IT-Szene Anfang des Jahres in Aufruhr versetzt. Die IT-Versorgung werde über kurz oder lang auf ein Utility-Modell umschwenken, prognostiziert der Visionär. Carr vergleicht die Entwicklung gerne mit der Elektrizitätsversorgung. Hätten Betriebe in den Anfangszeiten noch eigene Generatoren betrieben, sei diese Aufgabe in der Folge mehr und mehr zentralen Stromerzeugern und -versorgern zugefallen.
Dieser Vergleich hinkt, monieren Kritiker. Die Business-IT stelle viel kompliziertere Anforderungen als eine Stromversorgung. Zudem werde das Gros der Unternehmen davor zurückschrecken, mit der IT den eigenen Lebensnerv aus der Hand zu geben. Vielfach fehle schlichtweg das Vertrauen zu den Dienstleistern. Es sei daher zweifelhaft, ob die von Carr vorhergesagte Transformation in diesem Umfang eintreten werde.
Carr räumt ein, dass die IT-Provider derzeit noch nicht in der Lage seien, entsprechende Utility-Services anzubieten. Dazu müssten sie sicherer, verlässlicher und effizienter werden. Es sei jedoch nur eine Frage der Zeit, bis diese Hürde genommen sei.
Tatsächlich arbeiten viele IT-Größen unter Schlagworten wie "Cloud Computing" beziehungsweise "Utility Computing" an neuen Konzepten. Beispielsweise bietet Sun Microsystems seinen 2006 gestarteten Dienst "Network.com" mittlerweile in 25 Ländern an. Die Kunden erhalten über das Netz Zugriff auf die Rechenleistung eines Grid-basierenden Rechenzentrums. Der Anbieter verlangt dafür einen Dollar pro Prozessor und Stunde. Abgerechnet wird dabei nur nach tatsächlich verwendeten CPU-Zyklen. Das heißt, Gebühren sind nur dann fällig, wenn auch Daten verarbeitet wurden, versprechen die Verantwortlichen von Sun Microsystems.
Der Utility-Computing-Dienst soll kontinuierlich ausgebaut werden. Mussten die Kunden am Anfang ihre Applikationen für das Grid-Netz selbst mitbringen, gibt es mittlerweile einen Softwarekatalog, aus dem die Nutzer auswählen können. Derzeit können interessierte Kunden aus einem Katalog von über 40 Anwendungen das Passende aussuchen. Allerdings beschränken sich die feilgebotenen Programme zum überwiegenden Teil auf Speziallösungen aus dem Forschungs- und Entwicklungsumfeld wie beispielsweise 3D-Modellierung und -Rendering sowie biowissenschaftliche und mathematische Anwendungen. Grundsätzlich stehe die Plattform aber jedem interessierten Entwickler offen, versucht der Anbieter die Independent Software Vendors (ISVs) zu locken. Mit der Dienstleistung "Sun Network.com Connection" will man den Softwareentwicklern neue Geschäftsmodelle schmackhaft machen.
Laut den Prognosen des IT-Visionärs Nicholas Carr werden IT-Ressourcen in Zukunft nur mehr online zur Verfügung gestellt werden.Auch IBM ist bereits seit etlichen Jahren in Sachen Grid-Computing aktiv. Hauptabnehmer der Rechenservices sind Universitäten, die damit beispielsweise Leistungsspitzen für aufwändige Simulationsberechnungen abfedern. Mit der im vergangenen Herbst gestarteten Initiative "Blue Cloud" beabsichtigt der Konzern, das Thema aus der Exotenecke herauszuholen und stärker zu kommerzialisieren.
Allerdings wird das IBM-Angebot den Anforderungen der reinen Lehre des Utility-Computings, wonach Anwender Computing-Kapazitäten wie Strom aus der Steckdose beziehen, nicht gerecht. Unter Blue Cloud fasst IBM eine Palette von Werkzeugen zusammen, mit deren Hilfe Anwender ihren Rechenzentrumsbetrieb virtualisieren und automatisieren können. Basis dafür bildet die System-Management-Software "Tivoli Provisioning Manager" (TPM). "Blue Cloud wird unseren Kunden dabei helfen, schnell eine Cloud-Computing-Infrastruktur einzurichten", erläuterte Rod Adkins, Senior Vice President Development and Manufactoring von IBM. Mit diesem Ansatz könnten Anwender Komplexität und Kosten bei der Verwaltung ihrer IT-Infrastruktur reduzieren. Ob und wann der Konzern Blue Cloud selbst als Dienstleistung anbietet, steht allerdings noch in den Sternen.
Neben Sun und IBM bringen sich auch die übrigen IT-Größen zunehmend für Utility Computing in Stellung. Beispielsweise bietet Dell im Rahmen seiner Data Center Services (DCS) seit jüngstem auch Unterstützung für Cloud Computing an. Dabei werden Rechenkapazitäten parallelisiert, deren kombinierte Ressourcen dann via Internet bereitgestellt werden. Davon profitieren sollen in erster Linie Anwender mit rechenintensiven Anwendungen wie Internet-Provider, Finanzdienstleister sowie Forschungs- und Bildungseinrichtungen. Fujitsu-Siemens Computers (FSC) will mit dem "Dynamic Data Center" eine neue Generation von Hardware- und Softwarearchitektur bei den Kunden etablieren. Im Fokus steht dabei, Ressourcen zu virtualisieren und Aufgaben zu automatisieren. Damit soll der Betrieb von IT-Infrastrukturen einfacher und effizienter werden. Hewlett-Packard fasst seine Utility-Strategie unter dem Stichwort "Flexible IT" zusammen. Anwender können dabei Ressourcen in HPs Rechenzentren mieten. Das Angebot umfasst neben der Hardware auch Grid-Technik, Infrastruktursoftware und Services. Bis auf einige Spezialanwendungen aus dem Bereich Computer Aided Engeneering (CAE), die HP an seine Flexible-IT-Architektur angepasst hat, müssen die Kunden ihre Software jedoch selbst einbringen.
Im Utility-Computing-Modell von Sun Microsystems finden sich neben den Rechnerknoten auch zwei Softwareschichten, die die Applikationen steuern und verwalten sollen.Damit wird ein Dilemma des Utility-Modells deutlich. Flexible Rechenressourcen via Netzzugriff zur Verfügung zu stellen bedeutet für die Anbieter angesichts ausgefeilter Grid- und Virtualisierungstechniken kaum mehr ein Hindernis. Probleme macht vielmehr die Software, die in diesen Umgebungen betrieben werden soll. Nach wie vor sind nur wenige rechenintensive Spezialanwendungen an die Grid-Architektur angepasst. Dazu kommt, dass es den Softwareanbietern offensichtlich schwerfällt, ihre Lizenzmetriken an die flexiblen IT-Infrastrukturen anzupassen.
Weiter sind an dieser Stelle die Anbieter von Software-as-a-Service-Diensten (SaaS) wie beispielsweise Salesforce.com zu nennen. Der Softwarevermieter, der vor Jahren mit Customer-Relationship-Management-Anwendungen (CRM) Pionierarbeit für On-Demand-Angebote leistete, mausert sich zunehmend zum Plattformanbieter. Mit "Force.com" offeriert Salesforce.com Kunden und Entwicklern eine Infrastruktur, auf der sie eigene Softwaredienste entwickeln und später auf der On-Demand-Plattform anbieten können. Tools für die Softwareentwicklung und die Vernetzung der Plattformteilnehmer sowie ein Marktplatz für On-Demand-Applikationen runden das SaaS-Angebot ab. Ziel der Salesforce-Verantwortlichen ist es, den Kunden eine möglichst komplette Softwarepalette zur Nutzung via Web anbieten zu können.
Neben den Softwarediensten etablieren sich zunehmend auch Speicherangebote im Netz. Die Analysten von IDC rechnen damit, dass die Nachfrage nach Online-Storage in den kommenden Jahren stark ansteigen wird. Angesichts der stetig wachsenden Datenmengen erwarten die Marktforscher bis 2011 ein durchschnittliches jährliches Marktwachstum von 33 Prozent. Weltweit sollen die Anbieter von Speicherservices im Netz dann 715 Millionen Dollar pro Jahr einnehmen.
Mit dem Wachstum wird sich auch das Angebot verändern, glauben die IDC-Analysten. Beschränkten sich die Anbieter bislang hauptsächlich auf einfache Backup-Funktionen, werde es in Zukunft auch verstärkt Tools für Data-Recovery und die Einhaltung von Compliance-Regeln geben. Damit könnte Online-Storage nicht mehr nur für Privatpersonen und Kleinunternehmen, sondern auch mehr und mehr für Mittelständler und Konzerne interessant werden.
Noch tun sich allerdings viele Nutzer schwer, ihre Daten in einem Online-Speicher abzulegen. Groß sind die Befürchtungen, Informationen könnten verloren gehen beziehungsweise in die Hände von Unbefugten gelangen. Dabei sind die Daten im Netz in aller Regel sicherer als auf den Rechnern der Anwender. Die Analysten von Gartner haben herausgefunden, dass 64 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen ihre Daten nicht extern sichern. Etwa 60 Prozent der traditionellen Backups seien unvollständig, die Hälfte aller Versuche, Daten wiederherzustellen, schlage fehl, und lediglich ein Viertel aller Tapes würden außer Haus in einer geeigneten Umgebung gelagert.
Diese Fehler können für die Unternehmen katastrophal enden. Systems-Crashs, interne Fehler, Angriffe oder Naturkatastrophen können den gesamten Datenbestand vernichten. Die Folgen sind verheerend. Laut Gartner sind 60 Prozent der Firmen, die einen totalen Datenverlust erlitten haben, innerhalb von zwei Jahren pleite.