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Wearable Computing

Verborgene Fühler - wenn Computer das Leben unterstützen

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von Handelsblatt

Deutschland hat sich längst an die Spitze der Bewegung gesetzt. "Wir sind Marktführer bei den technischen Textilien", sagt Fraunhofer-Forscher Linz. Zurzeit arbeitet er gemeinsam mit Projektpartnern an einer Technik namens TexOLED. Ziel des Projekts, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, ist der Bau eines Displays aus Stoff. Zu Versuchszwecken werden hier Leuchtdioden ins Textilgewebe integriert oder Garne mit leuchtfähigen Substanzen beschichtet. Die Ansteuerung des Bildschirms erfolgt über sehr dünne Kupferdrähte oder silberbeschichtete Fäden. Wenn alles so funktioniert, wie es sich die Ingenieure ausgedacht haben, wird das Handy überflüssig und das T-Shirt zum Flachbild-Fernseher, der natürlich waschbar ist.

Doch nicht nur die Mitarbeiter der Fraunhofer-Gesellschaft stricken an intelligenten Kleidern. Auch der Softwarekonzern Microsoft hat den Zukunftsmarkt ins Visier genommen. Allein in Microsofts Aachener EMIC-Labor (European Microsoft Innovation Center) beschäftigen sich zehn Mitarbeiter ausschließlich mit diesem Thema. Matthias Neugebauer, 43, ist Program Manager Mobile bei Microsoft. Sein persönliches Lieblingsprojekt heißt "SPOT Watch": Eine Uhr, auf der man eigene Anwendungen installieren kann und die per Funk mit Sensoren und anderen Geräten kommuniziert. Gedacht wird daran, die Uhr bei der Überwachung von Diabetikern einzusetzen. Ein Sensor im T-Shirt misst den Blutzuckergehalt und funkt die Daten an die Uhr. Diese macht dann Vorschläge für die nächste Insulin-Dosierung.

Neben eigenen Projekten beteiligt sich Microsoft auch an wearIT@work, einem europaweiten Konsortium mit insgesamt 36 Partnern, darunter Industriegiganten wie Hewlett-Packard (HP), SAP oder die europäische Luft- und Raumfahrtorganisation EADS. Das Budget der Organisation liegt derzeit bei 23,7 Millionen Euro, hinzu kommen 14,6 Millionen Euro an Fördergeldern der EU. Ziel ist die Entwicklung von Produkten für professionelle Einsatzzwecke. Eines wird gerade bei der Feuerwehr in Paris getestet: Der neuzeitliche "pompier" im Brandeinsatz trägt Sensoren in der Kleidung, die Vitaldaten wie den Herzschlag des Feuerwehrmanns messen und diese per Zigbee, einem besonders stromsparenden Nahbereichsfunk, an den Einsatzleiter senden. Der kann dann sehen, ob sein Mann erschöpft oder extrem gestresst ist und ihn dann gegebenenfalls zurückrufen. Zudem bekommt der Feuerwehrmann vor Ort Infos über die Gebäudestruktur, Fluchtwege oder das Aufflammen neuer Brandherde.

Microsoft-Entwickler Neugebauer wünscht sich nicht nur Anwendungen im Katastrophenschutz. Er sucht auch nach "verspielten Ideen, die schneller begeistern" und Umsatz bringen. Auf solche Ideen wartet auch der Spielemarkt - logisch. Neugebauer glaubt, dass der in den nächsten fünf Jahren zu den Ersten gehört, in dem sich die smarten Klamotten durchsetzen: "Technikbegeisterte Fans warten sehnsüchtig auf Spiele, die durch Bewegungssensoren gesteuert werden oder bei denen das 3-D-Display in eine Brille integriert ist".

Den größten Nutzen könnte die Technik allerdings im Gesundheitswesen bringen. Wer krank ist, dem soll zukünftig High-Tech-Kleidung beistehen, sozusagen als elektronischer Krankenpfleger. Mehr Sicherheit für Patienten verspricht etwa das 2,6 Millionen Euro teure Forschungsprojekt NutriWear. Es wurde im März 2007 von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen zusammen mit Motorola, Philips, dem Stoffhersteller Elastic aus Neukirchen und der auf Alten- und Krankenpflege-Produkte spezialisierten Suprima aus Bad Berneck ins Leben gerufen. Ziel des Projekts: Bei Krankenhauspatienten und Pflegeheim-Bewohnern soll mit intelligenter Kleidung der Ernährungszustand und vor allem die ausreichende Versorgung des Körpers mit Wasser überwacht werden.

Den Ingenieuren und Forschern des Lehrstuhls für Medizinische Informationstechnik ist es in Zusammenarbeit mit dem Institut für Textiltechnik bereits gelungen, Sensoren und stromleitende Bahnen in dehnbare Strickstoffe einzuarbeiten. Solche Trikotstoffe sollen zum Beispiel zu Unterwäsche oder Pyjamas verarbeitet werden - vor allem die eng sitzenden Bündchen an Hand- und Fußgelenken haben es den Forschern angetan. Sobald ein Mensch die so präparierte Kleidung trägt, könnten mehrere Sensoren rund um die Uhr den elektrischen Widerstand eines Körpers messen - die sogenannte Bio-Impedanz. Sie gibt Auskunft darüber, ob der jeweilige Patient genug isst und trinkt. Gerade bei alten und kranken Menschen ist das ein Problem, weiß Projektleiter Marian Walter: "Nach neuesten Studien sind über 40 Prozent der Menschen in Kliniken und Pflegeeinrichtungen chronisch mangelernährt."

Ein weiteres Beispiel für den Einsatz intelligenter Textilien ist Sensave, ein Gemeinschaftsprojekt von fünf Fraunhofer-Instituten. Funkvernetzte Sensoren im Hemd checken den Gesundheitszustand und messen wichtige Werte wie die Herzschlag-Frequenz oder den Atemrhythmus. Ein speziell ausgestattetes Smartphone speichert und analysiert die Daten. Tritt eine Verschlechterung ein, dann sendet es einen Notruf an den Arzt.

An der High-Tech-Zukunft der Textilien arbeiten auch die Hohensteiner Institute. Martin Rupp, Direktor der Abteilung Bekleidungstechnik, und sein Team beschäftigen sich unter anderem damit, Kleider mit extrem dünnen Solarzellen zu bestücken. Solartex heißt das Projekt. Damit könnte ein Nutzer beim Spaziergang schon Kleingeräte wie MP3-Player oder Mobiltelefon mit Strom versorgen - vorausgesetzt, der Spaziergang findet bei Sonnenschein statt. Solartex, ursprünglich vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg unterstützt, entwickelt das Institut jetzt in Eigenregie weiter. Rupp wünscht sich aber noch "Umsetzungspartner aus der Industrie". Ein solcher Partner könnte die Berliner Firma Sunload sein, die auf der Ispo Winter 08 in München einen Solarrucksack präsentiert hat.

Marktforscher sehen die weltweite Nachfrage nach High-Tech-Textilien jährlich um 10 bis 20 Prozent wachsen. Die Analysten des US-Marktforschungsunternehmens Venture Development prognostizieren für das Jahr 2010 einen Umsatz mit intelligenten Textilien von 700 Millionen Dollar. Allerdings haben auch hier die Verbraucher noch ein Wörtchen mitzureden. Begeistern lassen werden sie sich von High Tech im Hemd nur dann, wenn die Aufrüstung einen echten Nutzen im Alltag bringt. "Die Technik muss unsichtbar sein. Kein Mensch will mit Helm, klobiger Brille, Datenkabel und Akku am Gürtel rumlaufen", weiß Microsoft-Forscher Neugebauer.

Die zahlreichen Forschungsprojekte werden nach Schätzungen von Experten in zwei bis fünf Jahren zu serienreifen Produkten führen. So lange werden noch Tennis-Trainer aus Fleisch und Blut benötigt.

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