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Bitkom: "Wir dürfen die Arbeitsmarktsituation nicht schön reden"

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Viele Firmen könnten offene Stellen nicht besetzen, kritisierten Vertreter des Branchenverbands. Die Schuld dafür geben sie der mangelhaften Ausbildung sowie den restriktiven Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften.

"Aktuell gibt es 20.000 Stellen offene Stellen zu besetzen", bilanzierte Willi Berchtold, Präsident des Bundesverbands der Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), zum diesjährigen CeBIT-Auftakt. Gesucht würden vor allem Softwareentwickler, IT-Berater, Projekt-Manager und Vertriebsspezialisten. Allerdings hätten die Unternehmen zunehmend Schwierigkeiten qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Laut einer Umfrage fühlte sich die Hälfte der vom Bitkom befragten Firmen durch diese Schwierigkeiten in ihrem Wachstum gebremst. 57 Prozent könnten IT-Stellen gar nicht oder erst erheblich später als geplant besetzen. "Das sind alarmierende Werte, die uns zum Handeln zwingen", warnte Berchtold.

Vor allem die Ausbildungssituation prangerte der Bitkom-Präsident an. Zwar habe die Bundesregierung die Branche im vergangenen Jahr mit Initiativen und Programmen wie beispielsweise der Hightech-Strategie, dem Programm "iD2010" sowie dem IT-Gipfel verwöhnt. Das Thema Bildung habe dabei jedoch nur eine untergeordnete Rolle gespielt, klagte Berchtold. Er kritisierte die Regierung, die Kompetenzen in der Bildungspolitik an die Länder abgegeben zu haben. Dies sei ein Fehler gewesen. Bildung müsse Angelegenheit des Bundes sein.

"Die Wirtschaft braucht mehr technisch orientierte Hochschulabsolventen", stellte der Verbandspräsident klar, insbesondere Informatiker und Ingenieure. Seit dem Jahr 2000 sei die Zahl der Studienanfänger im Bereich Informatik um ein Viertel eingebrochen. Von diesen schlage sich zudem nur die Hälfte bis zum Abschluss durch. "Die Politik muss hier gegensteuern", forderte Berchtold Konsequenzen von der Bundesregierung.

Die notwendigen Grundlagen sollten dem Bitkom zufolge bereits in der Schule gelegt werden. Dort müsste mehr Begeisterung für Technik geweckt und mehr Zeit für naturwissenschaftliche Fächer verwandt werden. Berchtold verwies in diesem Zusammenhang auf die Ergebnisse der Pisa-Studie, wonach Deutschland in Mathematik abgeschlagen auf Platz 19 landet und in den Naturwissenschaften lediglich Rang 18 einnimmt. Zudem sei die Ausstattung der deutschen Schulen mit Computern und schnellen Internetzugängen miserabel. "Das ist nicht akzeptabel."

Aber auch das Informatikstudium müsse attraktiver werden, fordern die Lobby-Vertreter. Die Informatikstudiengänge sollten von theoretischem Ballast befreit und den Erfordernissen der Zeit angepasst werden. Es genüge nicht, Vorlesungen und Kurse neu zu sortieren. Vielmehr müssten die Studiengänge mehr Praxisbezug bekommen. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, kündigte Berchtold einen runden Tisch an. Hier sollen hochrangige Vertreter der ITK-Wirtschaft sowie Wissenschaftler beraten, wie sich die Situation verbessern lässt. Die Hoffnung, schnell etwas zu ändern, hat Berchtold allerdings aufgegeben. "Bis Veränderungen im Bildungssystem greifen, vergehen Jahre."

Neben der Bildungsmisere sind dem Bitkom zufolge auch die aktuell geltenden Zuwanderungsregeln ein Grund für den Personalengpass. Die seit 2005 geltenden Paragraphen hätten sich als Gesetz zur Verhinderung von Zuwanderung entpuppt. Ausländische Fachkräfte müssten mindestens 84.000 Euro pro Jahr verdienen, wenn sie langfristig in Deutschland bleiben wollten. Unternehmen dürften sich nur dann hierzulande niederlassen, wenn sie mindestens eine Million Euro investierten und zehn Arbeitsplätze schafften. "Das schreckt ab." Berchtold forderte die Einkommensgrenze auf 42.000 Euro zu halbieren.

Die Aufforderung von Arbeitsminister Franz Müntefering, Firmen sollten sich angesichts von tausenden arbeitsloser Ingenieure zuerst auf dem heimischen Arbeitsmarkt umsehen, kontert Berchtold mit dem Hinweis darauf, dass die Arbeitslosenquote von IT-Spezialisten nicht einmal drei Prozent betrage. "Das ist nahezu Vollbeschäftigung."

Um ihre Beschäftigung fürchten dagegen zehntausende von Arbeitnehmern in der ITK-Branche beispielsweise bei der Deutschen Telekom. Angesichts des drohenden massiven Stellenabbaus und Pleiten wie der von BenQ Mobile, wodurch tausende von Mitarbeitern ihren Job verloren, lassen Berchtolds Analyse des Arbeitsmarkts zumindest fraglich erscheinen. "Wir sehen starke strukturelle Veränderungen", räumte der Verbandspräsident allerdings ein. So gehe die Beschäftigung in der hiesigen Hardware-Produktion zurück, und auch die Telekom müsse restrukturieren, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. "Daran führt kein Weg vorbei." (ba)

(4 Beiträge), 
Kommentieren
DerKetzer
Wenn knapp unter 40.000 arbeitslosen IT-lern ungefähr 3% sind, dann müßten zusätzliche 120.000 insgesamt 12% arbeitslose IT-ler ergeben, oder? zum Beitrag

tom471166
Ingenieure gesucht? Ganz ehrlich? Völliger Unsinn! An der Situation für ab 40 jährige Ingenieure hat sich noch nichts geändert. Wie kann es sonst sein, daß man eine abweisende Haltung auf der CeBit erntet, sobald man auf die Frage nach dem Alter mit "Ich bin 40 Jahre alt" antwortet. Ich habe es nicht einmal erlebt, daß eine Firma darin kein Problem gesehen hat. Mit meiner Qualifikation Elektrotechnik, Software, Hardware, Entwicklung sollte ich eigentlich zur Zielgruppe der begehrten Fachkräfte gehören. Pustekuche! Laut vieler Zeitungsartikel suchen viele Firmen verzweifelt nach Ingenieuren. Ich habe mich aus ungekündigter Stellung mal auf dem Arbeitsmarkt umgesehen. Mit 40 Jahren ist man heute immer noch schon zu alt für den Beruf. Ich bin froh, daß ich noch meinen Job habe und hoffe, daß ich ihn noch möglichst lange behalten darf! Die Artikel über die angeblich steigenden Gehälter für ITler und Ingenieure sind offenbar nur aus der Luft gegriffen. Wenn es mir nur darum ginge möglichst viel Geld zu verdienen, so würde ich heute nicht mehr ein Ingenieurstudium antreten, sondern BWL studieren. Das BWL-Studium ist wesentlich einfacher und zudem steht man als BWLer auf der Seite, die Ingenieure entlassen, sobald sie angeblich zu alt sind. Als BWLer macht es offenbar keinen Unterschied, ob man 30, 40 oder 50 Jahre alt ist. Den Unternehmen geht es vor allem um kurzfristige Gewinne. Zu diesen kurzfristigen Erfolgen können in der Tat Ingenieure wenig beitragen. Zwischen einer Idee bis zur Marktreife eines Produkts vergehen Monate bis Jahre. BWLler habe es hier sehr viel einfacher kurzfristige Erfolge vorzuweisen. Ein wenig im Zähler oder Nenner zaubern und schon sprudeln die (angeblichen) Gewinne (aus der Substanz, die von Ingenieuren und anderen Arbeitnehmern über Jahre aufgebaut worden ist). Fehlen weitere Ideen so kann man immer noch die Arbeitnehmer entlassen. Besteht wirklich der Bedarf an Fachkräften, vor allem an Ingenieuren, so sollten die Unternehmen ein Zeichen setzen. Unternehmen sollten diejenigen belohnen, die sich um den langfristigen Erfolg kümmern. Was spricht dagegen einen Entwicklungsingenieur an dem Erfolg seines Produkts zu beteiligen. Was spricht dageben eine Entwicklungsmannschaft mit einer Prämie von 100.000 Euro/Person zu belohnen (unter BWLern ist das möglich). Wenn es einem Unternehmen langfristig um den Erfolg geht, so sind die Prämien für das erfolgreiche Produkt im Markt schnell verdient, da die Qualität der entwickelten Produkte steigt und TimeToMarket sich verkürzt. So mancher begabter junge technikbegeisteter Schüler würde sich dann eher für ein Ingenieurstudium entschliessen und einem BWL-Studium die kalte Schulter zeigen. Für Deutschland wäre dies langfristig gesehen eine Rettung aus der Misere. Aber wer will schon langfristig denken. Michael zum Beitrag

werauchimmer
hier ist die Situation sicher genau so. Die Dummschwätzer auf der Managementebene quasseln was von fachkräftemangel und die Politiker, die sich wichtig vorkommen, wenn sie mit den Dummschwätzern an einem Tisch sitzen dürfen, beten das Geschwätz nach. Dass die Konzerne (nicht nur die IT-Konzerne) durch ihre Steuerflucht mit dazu beitragen, dass die Schulen nicht adäquat ausgestattet sind, wird geflissentlich verschwiegen. Lieber wird mir der unsäglichen Auslagerung von Produktion ins ach so billige Ausland gedroht. Und dass zu allem Überfluss auch noch die wenigen guten fachkräfte aus Ländern, die bis vor wenigen Jahren noch den Status von Entwicklungsländern hatten, abgeworben werden sollen, ist ja wohl der Gipfel der Unverschämtheit: in Europa sollen diese Menschen als Lohndrücker eingesetzt werden und in ihren Heimatländern fehlen sie für die Weiterentwicklung der eigenen Wirtschaft. zum Beitrag

ÖsiInformatiker
Ich bin Informatiker in Österreich, und als Projektmanager unterwegs. Auch hier klagen die Firmen über die angeblich fehlenden IT Spezialisten. Bei uns gibt es aber das Phänomen, das über 40jährige langjährig in der iT tätige Menschen einfach nicht mehr angestellt werden. Ich kann mir aber nicht vorstellen, das die Menschen nachdem sie 15 Jahre in der iT Branche tätig waren, plötzlich verdummen, plötzlich nicht mehr lernfähig sind. D.h. die IT Industrie in Ö kann es sich offensichtlich leisten auf erfahrene Mitarbeiter/Personen zu verzichten. Stellt sich mit die Frage, warum soll der Staat für "billige, günstige" Mitarbeiter sorgen. Ist das in D anders? Dann lass ich mich gerne anwerben. zum Beitrag


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