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Ausweg verzweifelt gesucht

"Neverland": Google wehrt sich gegen die Normalität

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von Handelsblatt
Google steckt in der Krise. Um ihr zu entrinnen, muss der Suchriese endlich erwachsen werden und mit ihm die weltweit 16.000 Mitarbeiter. Damit tut sich Google aber schwer - wie ein Besuch im Forschungszentrum in Zürich beweist.

Weiße Tafeln ersetzen die Tapeten. Sogar in der Kantine. Wohin man schaut im Bürokomplex in der Züricher Altstadt, überall hängen "Whiteboards", weiße Notizflächen, die Eiskunstlaufbahnen der Generation Textmarker. Stoisch nehmen sie alles auf, was kreative Geister den ganzen Tag lang ausbrüten: den Gag des Tages, ein neues Produkt oder eine spinnerte Vision für 2030. Hier, bei Google, sehen die Tafeln stets aus wie Wandzeitungen. Jeder Mitarbeiter soll seine Ideen jederzeit der Kritik der anderen aussetzen. Im Büro, im Meeting, beim Kantinen-Plausch, beim Billard im Café: eine neue Idee? Sofort aufschreiben! Nur ein Ort bleibt ausgenommen vom weißen Tafelwahn - die Toiletten. Dort hängen Denksportaufgaben über dem Pissoir.

Willkommen im innovativsten Unternehmen des 21. Jahrhunderts, dem Epizentrum des Internets, dem coolsten Unternehmen der High-Tech-Industrie, dem Angstgegner von Microsoft - willkommen bei Google in Zürich, im Zentrum für Softwareentwicklung für Europa, den Nahen Osten und Afrika. 300 Software-Profis grübeln hier auf über 12.000 Quadratmetern. Bald sollen es 800 sein. Wenn alles gutgeht. Wenn. Immer mehr Anleger zweifeln an Google. Nachdem der Aktienkurs von 80 Dollar 2004 bis auf knapp 740 Dollar Ende 2007 emporgerast war, sackte er in nur drei Monaten bis auf gut 400 Dollar ab. Wo bisher stets Ausrufezeichen standen, steht nun ein Fragezeichen - hinter Googles Zukunft. In den USA dräut eine Wirtschaftskrise. Die Klickzahlen auf Google-Anzeigen wachsen nicht mehr, und weniger Klicks gleich weniger Umsatz. Und Microsoft schickt sich an, Yahoo zu kaufen, um Google zu attackieren.

Am Donnerstag legt Google seine Quartalszahlen vor. Und wehe, wenn sie schlecht ausfallen. Dann ist sie wieder da, die Kernfrage: Ist Google doch nur ein "One Trick Pony", ein Zufallstreffer, der sich nur einmal landen und nicht wiederholen lässt? Google hatte das Suchen im Internet revolutioniert und drückte Pioniere wie Yahoo an die Wand. Ende 2007 betrug sein Anteil am Suchmarkt weltweit 62,4 Prozent - der von Microsoft 2,9 Prozent. Das ermittelten die Marktforscher von Comscore. Mit "Google Apps", einer web-basierten Bürosoftware, möchte der Konzern "Microsoft Office" bedrängen. Und seine Gründer Sergey Brin und Larry Page machte Google zu Milliardären. Sämtliche Gegenangriffe auf den quietschbunten Namenszug verpufften wirkungslos - bisher.

Nun ist die erste Krise da, und die 16.000 Mitarbeiter von Google müssen beweisen, dass das, was sie den lieben langen Tag in ihren Büroparallelwelten auf weiße Tafeln kritzeln, auch das Geschäftsmodell von Google nach vorn bringt. Das erst zehn Jahre alte, verspielte Riesenkind Google mit 150 Milliarden Dollar Börsenwert muss erwachsen werden, aber es mag noch nicht so recht. Peter Pan bleibt lieber in seinem Nimmerland.

Das Forschungszentrum in Zürich scheint ein perfektes Beispiel dafür zu sein - ein "Neverland" für Software-Freaks. Schon in der Lobby laden Flipperautomaten zur Kurzweil ein. Drinnen dienen alte Seilbahngondeln, verziert mit Herzchen-Gardinen, als Besprechungskabinen. Ein Hund liegt vor einem Glasbüro und blinzelt in die Sonne. Aus dem ersten Stock führt eine Rutsche in die Kantine. Die heißt "Milliways", so wie das "Restaurant am Ende des Universums" aus dem kultig-kreativ-wirren Science-Fiction-Klassiker "Per Anhalter durch die Galaxis" des Briten Douglas Adams. Vieles hier ist so quietschbunt, als wären bei Google gerade die Teletubbies explodiert.

Wenn es nach Nelson Mattos geht, wird Google so kultig, kreativ und wirr bleiben. Der gebürtige Brasilianer mit dem schwarzen Kraushaar ist "Vice President Engineering". 15 Jahre forschte er bei IBM, davor lehrte er mal an der Universität Kaiserslautern. Nun ist Mattos "Lead" in Zürich, Primus inter Pares in einer Truppe handverlesener Software-Ingenieure. Einen Steinwurf von der Eidgenössischen Technischen Hochschule entfernt leitet der 49-Jährige den größten Ableger von Google außerhalb der USA.

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