Ein Leserbrief an eine Kollegin von mir:
Hallo Frau Mesmer,
ich arbeite 17 Jahre in der IT und habe gelernt, dass das Leben nur aus Lügen besteht. Ich glaube keine Industrie lebt so sehr von der Illusion wie die IT.
Nach dem Studium arbeitet ich in einer “Garagenfirma” /Startup in Dortmund. Das erste Projekt war ein Outsourcingprojekt eines großen deutschen Konzerns. Um die Mitarbeiter extrem zu motivieren Überstunden und Wochenendarbeit zu leisten versprach das Unternehmen als Gratifikation ein ganzes Monatsgehalt. Darauf warte ich noch heute.
Im Anschluß daran bekam ich einen Job als Leiter einer Softwareentwicklungsabteilung in Solingen. Der Geschäftsführer verschwieg mir, dass er sich mit seinem Teilhaber gestritten hatte, dieser eine Konkurenzfirma eröffnet hatte und alle Entwickler gekündigt hatten und zu diesem wechselten. Die bis dahin getätigten Entwicklungen nahmen sie mit und sie hatten vor meinen Augen ein Backup gemacht, da ich ja nicht wußte, dass alle gekündigt hatten.
Danach arbeitete ich für einen norddeutschen Großkonzern als externer Mitarbeiter. Man stellte eine Dauerposition in Aussicht und bei der Planung eines Großprojektes war ich maßgeblich beteiligt, um den
strategischen Partner auszuloten. Man einigte sich mit der DV Leitung auf einen der untersuchten Partner, ich beschloss daraufhin nach Norddeutschland zu ziehen und dann bekam der zweitplatzierte den Zuschlag. Als das Projekt gescheitert war erklärte man mir, dass man mich belogen hatte und von vornherein die Absicht bestand den erstplatzierten nicht als Partner zu wählen. Ich kündigte unter lautem Protest.Daraufhin arbeitete ich für ein Ingenieurbüro aus NRW. Diese boten hohe Stundensätze und schnelle Bezahlung. Ich ruinierte mich innerhalb von einem halben Jahr beinahe vollständig, weil man nur alle 3 Monate eine Rechnung bezahlte.
Als sich der Vertriebsmann verselbständigte warb er mich an. Er versprach pünktliche Bezahlung aber ich sollte 20DM am Stundensatz nachlassen. Nach 2 Monaten hörte ich auf. Kein Geld aber dafür wollte der für 2 Jahre Schadensersatz für ihm angeblich entgangene Gewinne. Das sahen die Richter in Köln anders.
Dann hatte ich 6 Jahre Glück. Ich arbeitete als Freelancer für MaK Datasystems bzw. Teamwork, heute Consist International. Korrekte Bezahlung, ehrliche Leute, feinste Projekte.
MaK Datasystems vermittelte mich an einen großen Lebensmittelvertrieb. Nach 2 Jahren bot man mir eine feste Stelle an. Man bot Betriebsrente und nach der Probezeit eine deutliche Gehaltserhöhung. Aus der Betriebsrente wurde nichts, es gab 2 Jahre keine Gehaltserhöhung und stattdessen wurde die 37,5 Stunden Woche auf 40 Stunden angehoben, und da die Tätigkeit extreme Reisezeiten von 10 Stunden pro Woche mit sich brachte kam ich auf 56 Stunden pro Woche im Schnitt ohne die Möglichkeit Überstunden abzubummeln oder bezahlt zu bekommen. Man hielt mich aber für den unverzichtbaren Experten in meinem Fachbereich schlechthin. Ich beendete das Arbeitsverhältnis fristlos, die Kündigung wurde dann in einen Aufhebungsvertrag gewandelt, als es hieß, dass ich auf meine Kosten umziehen solle, da die Dienstreisen nach Süddeutschland zu teuer seien.
Zu meinem aktuellen Projekt werde ich mich erst äußern, wenn ich eine Alternative gefunden habe.
Tatsache ist, dass in unserer Branche “Tarnen und Täuschen” in allen Bereichen zum guten Ton gehört. Der eine verkauft Bananenware als ausgereiftes Produkt, der nächste bietet das ultimative Retailsystem und wieder andere perfektes Systemmanagement Tools oder hervorragende Werkzeuge zur Performanceanalyse, die jegliche know how unnötig machen.
Die IT ist gespickt mit Blendern.
Diesen Leserbrief können Sie in der Form gerne vollständig abdrucken.
Falls jemand persönlich Kontakt zu dem Herrn aufnehmen möchte: Wenden Sie sich doch vertrauensvoll an uns. Ansonsten hoffen wir mal auf ein paar spannende Kommentare…




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