computerwoche.de
Newsletter  |   CW-TV  |   Bilder-Galerien  |   Blogs & Forum  |   CW mobil  |   RSS  |   Aboshop


Green IT
Umwelt und Bilanz schonen

IT-Branche braucht "grünere" Rechenzentren

07.08.2008 um 08:47 Uhr
Damian Schmidt verzichtet gerne auf sommerliche Tage. Zumindest beruflich. Er ist Chef der Strato AG und als solcher Herr über 30.000 Computer.

Das Berliner Unternehmen ist ein Webhoster und vermietet Speicherplatz. Eine Million Privatleute und Unternehmen lassen ihre Websites in den beiden Rechenzentren von Strato pflegen. Wenn es draußen heiß wird, laufen drinnen tausende von Ventilatoren auf Hochtouren, um die empfindlichen Server zu kühlen. Das kostet: Für jedes Grad Celsius jenseits der 30 fallen 10.000 Euro zusätzliche Stromkosten an - pro Tag.

Rechenzentren sind das Rückgrat der IT-Branche. Wer eine E-Mail verschickt, bei YouTube ein Video guckt oder ein Flugticket bucht, lässt die Prozessoren und Festplatten heißlaufen. Firmen speichern Millionen von Kundendaten oder planen die Lieferung von Ersatzteilen für ihre Fabriken. Die Zentren sind unersetzlich - und unersättlich. Weltweit verbrauchten sie 2005 ein Prozent des Stroms, vermuten die Marktforscher von Borderstep, Tendenz: stark steigend. Denn das Datenvolumen wächst rasant. Angesichts explodierender Energiepreise entdeckt die Branche, in der jahrelang nur Leistung zählte, dass Strom sparen nicht nur die Umwelt, sondern auch die Bilanz schont.

Einblick in ein RZ beim Webhoster Strato
Einblick in ein RZ beim Webhoster Strato

Sparen - aber wie? Die Branche ist verunsichert. "Es gibt bisher keinen Industriestandard, um die Effizienz von Rechenzentren zu vergleichen", sagt Patrick Pulvermüller, der das Unternehmen Host Europe lenkt und für den Branchenverband eco auch dem Arbeitskreis Datacenter vorsitzt. Viele IT-Manager wüssten noch nicht einmal die Stromkosten. Um einen branchenweiten Überblick zu bekommen, befragen die eco-Experten derzeit 50 Unternehmen. "Wir wollen verschiedene 'Best-Practice'-Modelle erarbeiten", sagt Pulvermüller - also konkrete Beispiele zum Stromsparen. Ähnliche Ziele verfolgt die internationale Initiative "Green Grid", in der Größen wie IBM, Intel und Microsoft versammelt sind. Die Zeit drängt, denn viele Zentren wurden im "New-Economy"-Boom gebaut und müssen bald ersetzt werden.

Wie sich der Stromzähler bremsen lässt, machen einige Betreiber bereits vor. In Deutschland gehört Strato zu den Vorreitern. "Wir haben den Verbrauch pro Kunde in anderthalb Jahren um 30 Prozent gesenkt", sagt Strato-Chef Schmidt. Der Berliner Anbieter verbraucht jährlich 30 Gigawattstunden in seinen Rechenzentren - genug, um bis zu 5000 Vier-Personen-Haushalte zu versorgen. Die Energiekosten sind dabei der größte Einzelposten, noch vor Personal und Hardware.

Strato kaufte zunächst neue - teurere - Prozessoren von Sun, die auf die Bearbeitung von Internet-Anfragen spezialisiert sind. Rechnen können sie nicht so gut, aber das müssen sie auch nicht. Bei gleicher Rechenleistung brauchen die Chips 90 Prozent weniger Energie als herkömmliche Prozessoren. Ein Großteil des Stroms kommt jedoch gar nicht im Prozessor an, sondern verwandelt sich auf dem Weg dorthin in heiße Luft - etwa im Netzteil. Deswegen prüft Strato nun jedes Einzelteil auf seinen Verbrauch.

Genügsamere Hardware, mit der die Chiphersteller nun werben, reicht allein nicht aus. In einem typischen Rechenzentrum verpufft rund ein Drittel der Energie durchs Kühlen. Bei Strato versprühen deshalb Kompressoren einen feinen Wassernebel. Die Verdunstungskälte lässt die Temperatur sinken. Host Europe setzt in einem 2007 erbauten Rechenzentrum nicht nur moderne Klimatechnik ein, sondern spart auch mit Hilfe der Abwärme. Das durch die Server erhitzte Kühlwasser wärmt im Winter die Büros. Lohn: 30 Prozent mehr Energieeffizienz.

Ein Rechenzentrum muss immer Reserven vorhalten. Wenn diese zu groß sind, schlägt sich das aber in der Stromrechnung nieder. Hier setzt IBM an: Der US-Konzern ersetzt viele kleine durch einige große Rechner. Dank intelligenter Software ist so die Auslastung höher, der Verbrauch niedriger - Experten sprechen von Virtualisierung. Nicht zuletzt hilft Software, die unnötige Operationen vermeidet. Strato investierte daher in ein neues Betriebssystem.

Die Beispiele zeigen: Bevor die Webhoster den Verbrauch drücken konnten, mussten sie investieren. "Aber über drei Jahre haben wir durch die niedrigeren Stromkosten Geld gespart", betont Strato-Chef Schmidt. "Ökonomie und Ökologie gehen jetzt in die gleiche Richtung." (dpa/tc)



Seite: 1


Leserkommentare 
(0 Beiträge), 
Kommentieren

Beitrag schreiben

Noch kein Forums-Mitglied?
Dann gleich hier anmelden.


Neu im Virtual Data Center
Virtual Data Center
Im Deutschen Bundestag hat die Fraktion "Die Linke" gefordert, dass Hersteller von Computern und Computerteilen zur Auszeichung des Energieverbrauchs an Geräten und deren Verpackungen verpflichtet werden sollen

Gütesiegel für "grüne" PCs
GREEN IT: CW-REDAKTEURE EMPFEHLEN
Strato bremst die Stromzähler Strato bremst die Stromzähler In Punkto Energieeffizienz gehört Strato zu den Vorreitern in Deutschland. Pro Kunde konnte der Energieverbrauch um 30 Prozent gedrosselt werden.  weiter
Giftmüll in Afrika Giftmüll in Afrika Mit gefährlichen Chemikalien belasteter Elektronikschrott hat in Ghana zu dramatischer Umweltverschmutzung geführt. Die Bevölkerung ist ahnungslos.  weiter
Nicht reden, sondern machen! Nicht reden, sondern machen! Das Hype-Thema Green IT ist zum Marketingtrend verkommen. Andreas Zilch blickt hinter die Fassade und gibt konkrete Tipps für nachhaltige Strategien. weiter
Kein grünes RZ um jeden Preis Kein grünes RZ um jeden Preis Green IT ist eine gute Sache. Keine Frage. Doch Energiesparkonzepte in einem Rechenzentrum umzusetzen, kostet viel Geld. weiter
Teurer Strom pusht Green-IT Teurer Strom pusht Green-IT Bei Investitionsentscheidungen im IT-Bereich wird Umweltverträglichkeit zum wichtigen Argument. weiter
Strato bremst die Stromzähler Giftmüll in Afrika Nicht reden, sondern machen! Kein grünes RZ um jeden Preis Teurer Strom pusht Green-IT
  • Top geklickt
  • Top verlinkt
  • Whitepaper
Frage der Woche

Wer könnte die Probleme mit dem Datenmissbrauch am ehesten lösen?

TESTEN SIE IHR WISSEN KOSTENLOSE NEWSLETTER VON COMPUTERWOCHE
Nachrichten morgens
Whitepaper
Nachrichten mittags
CW-Mittelstand
Highlights der Woche
Hardware
Neu: SAP-Newsletter
Software
Job + Karriere
Open-Source
Stellenmarkt
Produkte + Techn.
Freiberufler
Security