mit welchen Produkten IT-Hersteller in die Produktion vordringen wollen;
was Industrial Ethernet bietet;
welche Gefahren die Vernetzung der Maschinen birgt;
warum der Mittelstand Interesse an Product-Lifecycle-Management haben soll.
Anwender aus der Fertigungsindustrie setzen Software vor allem im administrativen Bereich ein. Eine Verquickung mit den Produktionssystemen findet sich nur selten. Beispielsweise verfügen zahlreiche Betriebe des Maschinen- und Anlagenbaus über betriebswirtschaftliche Standardsoftware für die Auftragsverwaltung und die Materialwirtschaft. In den Werkstätten hingegen haben sich vergleichbare Standardsoftwareprodukte noch nicht so stark durchgesetzt.
Auf eine durchgängige IT-Infrastruktur von der Buchhaltung bis hin zur Werkzeugmaschine setzen die verschiedenen IT-Anbieter, die auf der Hannover Messe gemeinsam mit den Herstellern industrieller Produkte die "Digitale Fabrik" und "Factory Automation" zelebrierten. Sie hoffen, dass Industriekunden, nachdem sie in der Buchhaltung, im Ein- und Verkauf sowie in der Konstruktion Software, Computer und Netzwerke eingeführt haben, nun auch für ihre Werkstätten IT-Produkte erwerben.
IT-Firmen liefern Software, Vernetzungstechnik und Netzkomponenten, um die Fertigungsebene mit betriebswirtschaftlicher Software zu verbinden.
Anschauungsunterricht erteilte zum Beispiel das auf Automatisierungstechnik spezialisierte Unternehmen Phoenix Contact, dass auf einem Messestand gemeinsam mit Partnern eine Fertigungslinie für individuell gefertigte Kaffeebecher zeigte. Das nach Ausstellerangaben reale Szenario gestattete es dem Besucher, sich am PC ein wunschgemäß beschriftetes Trinkgefäß herstellen zu lassen. Über die Auftragserfassung in SAP R/3 werden Produktionsaufträge an das Manufacturing Execution System (MES) "Hydra" von MPDV weitergeleitet. Erledigte Aufgaben meldet Hydra an die ERP-Software zurück. Über Terminals ließ sich der Auftragsfortschritt verfolgen. Nach der Qualitätsprüfung, die ebenfalls in Softwaresystemen protokolliert wird, verpackt ein Kuka-Roboter die Tassen und lagert sie in ein Depot ein. Gegen Vorlage einer RFID-Kennung erhielt der Besteller eine Kunststofftasse, in die sein Name per Laser eingraviert wurde.
Damit eine Fertigungssteuerung in dieser Form Wirklichkeit wird, bedarf es zunächst einer gemeinsamen Netzinfrastruktur innerhalb des Unternehmens. In Büronetzen ist Ethernet und das Netzprotokoll TCP/IP allgegenwärtig, im Produktionsumfeld jedoch erst im Kommen. Es ist für Netzwerkspezialisten jedoch nicht damit getan, Kabelstränge bis in die Werkstatt zu verlängern, da in der Produktion sowohl große Hitze als auch starke elektromagnetische Strahlung auftreten kann. "Industrial Ethernet" könnte eine Lösung darstellen. Es weist diese Eigenschaften auf, die bisher nur spezielle Vernetzungsverfahren wie "Feldbus" bieten konnten. Auch Netzkomponenten wie Switches und Firewalls müssen "gehärtet" sein. Vermehrt legen Anbieter von Netzkomponenten deshalb spezielle Produkte auf, die Maschinen sowohl drahtgebunden als auch drahtlos mit der Firmen-IT verschalten.
Auf Nachfrage von Fertigungsbetrieben hofft zum Beispiel Enterasys, das in Hannover einen "I-Series Industrial Switch" präsentierte. Ein Treiber für die durchgängige Vernetzung ist dem Unternehmen zufolge die Fernwartung. Servicetechniker könnten sich aus der Distanz auf Industrieanlagen kümmern, statt vor Ort zu arbeiten. Fehler ließen sich so rasch beheben und Software-Updates einfacher einspielen, als dies über dedizierte Modemstrecken möglich ist. Viele Maschinen verfügen bereits über eingebaute Computer mit integriertem Web-Server. Enterasys zufolge sprechen auch Kostenargumente für Industrial Ethernet: Ein Port koste rund drei Dollar, während ein Anschluss mit Feldbustechnik auf rund 20 Dollar komme.
Allerdings steigen mit der Vernetzung der Office- und Fertigungsbereiche auch die Sicherheitsanforderungen: Hacker und Viren könnten prinzipiell auch im Maschinenpark ihr Unwesen treiben, denn auch auf den mit Netzzugängen ausgestatteten Anlagen laufen Computer mit Betriebssystemen wie DOS und Windows. Anders als bei PCs im Büro kann dort aber nicht eben mal ein Patch eingespielt werden. Vertragsgemäß darf in der Regel nur der Leasinggeber oder ein Wartungstechniker des Maschinenherstellers Software verändern. Zudem arbeiten zahlreiche Produktionssysteme noch mit alten Systemsoftware-Releases wie etwa Windows 95, die bekanntlich zahlreiche Sicherheitslücken aufweisen. Noch größer ist indes die Gefahr, dass Servicetechniker vor Ort oder über eine Remote-Verbindung durch Bedienfehler Schaden anrichten. So verwundert es nicht, dass so manches Industrieunternehmen dankend abwinkt, wenn Anbieter es für eine komplette Vernetzung seines Office- und Industriebereichs begeistern wollen.
Dies hat Sicherheitsspezialisten auf den Plan gerufen. Sie bieten zum Beispiel "gehärtete" Firewall-Appliances an, die auch in staubigen, heißen Umgebungen genutzt werden können. Der Anbieter Innominate beispielsweise entwickelt mit "Mguard" spezielle Firewalls für Werkstätten. Neuerdings kann Mguard elektronische Schlüssel automatisch an angebundene Komponenten verteilen. Sie sollen eine sichere Authentifizierung etwa von externem Wartungspersonal gewährleisten. "Allein schon wegen der Fernwartung von Maschinen durch den Hersteller ist eine Abschottung von Produktionsmaschinen empfehlenswert", rät Wolfgang Blome von der Unternehmensberatung Blome + Partner aus Bonn.
Wie der Experte versichert, ist der Siegeszug von Industrial Ethernet praktisch nicht mehr aufzuhalten. Kritiker räumten zwar ein, die Ethernet-Technik sei kaum geeignet, um beispielsweise in Echtzeit Maschinensignale zu transportieren, doch diese Argumentation stamme oft aus dem Lager der Feldbushersteller, die auch weiterhin Geschäfte machen wollten.
Neben den Netzspezialisten wollen auch Softwarehäuser die Produktion erobern. Ein Schlagwort lautet Manufacturing Execution Systems. Das sind Programme, die Betriebs- und Maschinendaten erfassen und Fertigungsvorgänge bis in den Bereich von Millisekunden steuern können. Unternehmen wie die bereits erwähnte MPDV versuchen hier nach dem Vorbild von SAP in der betriebswirtschaftlichen DV, die Werkstätten mit Komplettlösungen zu erobern. Doch obwohl MPDV als MES-Marktführer gilt, gibt es hierzulande lediglich 500 Installationen. Etwa 150 davon sind Anbieterangaben zufolge mit einem SAP-System gekoppelt. Die Walldorfer selbst bieten keine eigenen MES-Funktionen an, sondern liefern Integrationsbausteine für solche Programme. Mit "xMII" (Manufacturing Integration and Intelligence) vermarktet der ERP-Primus eine Composite Application, mit der Daten aus ERP- und MES-Umgebungen kombiniert in einer gemeinsamen Oberfläche angezeigt werden können. Doch gemessen an der Anzahl der in Hannover ausstellenden Anbieter ist die anfängliche Euphorie für MES, zu der auch der Branchenverband VDMA beigetragen hatte, etwas verflogen.