computerwoche.de
Newsletter  |   CW-TV  |   Bilder-Galerien  |   Blogs & Forum  |   CW mobil  |   RSS  |   Aboshop


BI & ECM

IBM propagiert das Enterprise 2.0

31.01.2007
Autor(en): Wolfgang Sommergut.
Auf der diesjährigen Lotusphere erregte die Ankündigung von zwei Produkten aus der Kategorie Social Software das größte Aufsehen. Doch hinter den neuen Namen verbergen sich weitgehend bekannte Technologien.

Hier lesen Sie ...

  • Wie die IBM ihr Collaboration-Portfolio auf Basis von Web-2.0-Ideen erneuert;

  • Wo unter der Oberfläche der neuen Social Software die Konzepte des gescheiterten Workplace weiter- leben;

  • Welche Vorteile die IBM für "Lotus Connections" im Vergleich zu freien Web-Tools verspricht;

  • Wie sich Notes in der Version 8 zu einem Client-seitigen Portal wandelt.


Nach dem stillen Ende für die erfolglose "Workplace"-Produktfamilie warteten Beobachter gespannt darauf, wie sich die IBM auf ihrer diesjährigen Lotus-Konferenz in Orlando, Florida, aus der Affäre ziehen würde. Nach fünf Jahren Entwicklungszeit und mehreren Millionen Dollar an Investitionen ließ sich ein Ausstieg kaum rechtfertigen, ohne eine alternative Perspektive aufzuzeigen.

Workplace-Pleite vergessen

Die IBM bewältigte diese Herausforderung durch einen überraschenden Marketing-Coup: General Manager Mike Rhodin bezeichnete reumütig Notes/ Domino als das einzige strategische Messaging-Produkt der IBM, nachdem Workplace dem Groupware-Oldtimer diese Rolle über Jahre streitig gemacht hatte. Zusätzlich präsentierte Big Blue mit "Quickr" und "Connections" zwei Produkte, die ganz im Trend des Web 2.0 liegen. In Anlehnung an diesen Begriff ist bei Social Software für Unternehmen häufig von Enterprise 2.0 die Rede.

Notes 8 ist eine zusammengesetzte Anwendung auf Basis des Expeditor-Frameworks, in dem der bisherige Mail-Client nur mehr als eine Komponente unter anderen läuft.
Notes 8 ist eine zusammengesetzte Anwendung auf Basis des Expeditor-Frameworks, in dem der bisherige Mail-Client nur mehr als eine Komponente unter anderen läuft.

IBMs Schachzug ist deshalb sehr geschickt, weil sich die als konservativ geltende Firma mit den neuen Tools modern und vom Zeitgeist inspiriert zeigen kann - und gleichzeitig all jene Anliegen verfolgt, die schon im Mittelpunkt von Workplace standen: Migration des Collaboration-Portfolios auf eine Java/DB2-Middleware, Teamfunktionen im Kontext anderer Anwendungen ("contextual collaboration") und zusammengesetzte Applikationen im Stil von Portalen.

Name im Stil des Web 2.0

Quickr, dessen Name sich an die populäre Online-Fotoverwaltung "Flickr" anlehnt, zeigt beispielhaft den derzeitigen Kurs der IBM. Als neues Produkt angekündigt, ist es eine stark erweiterte Version von "Quickplace", einem Tool, das unter die Kategorie Instant Collaboration fällt. Die Umbenennung rechtfertigen die Armonker mit zahlreichen neuen Funktionen. Die Versionsnummer 8.0 beweist indes Kontinuität gegenüber Quickplace. IBM bezeichnet Quickr als "Collaborative Content Platform".

Quickr ersetzt Quickplace

Unter der aufgehübschten Web-2.0-Oberfläche findet sich denn auch viel Vertrautes. Dazu gehören einerseits die von Quick- place bekannten Teamfunktionen wie etwa Dokumentenablagen, Diskussionsforen und einfaches Projekt-Management. Eine Reihe von Anwendungsschablonen soll dem Konzept der Instant Collaboration treu bleiben. Zum anderen beerbt die Software die Dokumenten-Management-Komponente von Workplace. Produkt-Manager Marc Pagnier bezeichnete Quickr in dieser Hinsicht als die nächste Version des "Portal Document Manager". Entsprechend bietet Quickr gegenüber Quickplace umfangreiche DMS-Funktionen wie Check-in und Check-out sowie eine wesentlich mächtige- re Workflow-Engine. Als Enter- prise-2.0-Anwendung lässt Quickr die Unterstützung für Blogs, Wikis und RSS/Atom nicht vermissen.

Nach Angaben von Pagnier soll es künftig das einzige Dokumenten-Management-Tool im Lotus-Portfolio sein. Damit stellt es die Zukunft des Veteranen "Domino Document Manager" (früher "Domino.Doc") in Frage. Sein offizielles Ende wollte die IBM noch nicht bekannt geben, vielmehr steht die Version 8 vor der Tür. Aber die technische Verschmelzung der beiden Produkte ist bereits beschlossen. Das gilt etwa für die neuen Konnektoren für Desktop-Anwendungen, eine der wesentlichen Neuerungen von Quickr. Sie stellen aus Autorenwerkzeugen oder Mail-Clients via Web-Services die Verbindung mit dem Server her. Zudem erlauben sie eine Form der Contextual Collaboration, indem sie die Quickr-Funktionen in MS Office, Lotus Notes oder den Windows Explorer einbetten. Dadurch lassen sich direkt aus diesen Anwendungen Dokumente in das Repository übertragen oder Anträge im Rahmen dokumentenbasierender Workflows genehmigen.

Content-bezogene Zusammenarbeit bezieht sich nicht nur auf Dokumente, die von Projektbeteiligten in Teamräume hochgeladen werden. Als DMS-Frontend soll Quickr auch den Zugriff auf Content-Repositories gewähren. Die Unterstützung von NSF-Datenbanken gehört zum Lieferumfang der ersten Version, die für Mitte 2007 geplant ist. Adapter für Sharepoint- und Filenet-Speicher sollen im Lauf des zweiten Halbjahres hinzukommen.

Notes- und Portal-Varianten

Die technischen Grundlagen von Quickr setzen den Kurs in Richtung Java/SQL-Datenbank fort und kommen gleichzeitig den Wünschen der traditionellen Notes-Anwender entgegen. Die Software erscheint in zwei Varianten, eine beruht auf Domino, die andere auf dem "Websphere Portal Server". Die Domino-Variante lässt sich auf Basis einer mitgelieferten Laufzeitumgebung installieren oder alternativ auf vorhandenen Domino-Servern ab der Version 6.5. Sie hat gegenüber der Portal-Server- Variante den Vorteil, dass sie Offline-fähig ist. Dafür verantwortlich ist eine Technik, die bereits vor Jahren unter der Bezeichnung "Domino Offline Services" eingeführt wurde und die Basis für iNotes bildet. Sie erweitert die Web-Anwendung um eine lokale Datenbank und den von Notes bekannten Replikationsmechanismus.

Ankündigungen auf der Lotusphere 2007

  • "Lotus Quickr" ist ein Update für "Quickplace" und gleich- zeitig der Nachfolger für den "Portal Document Manager". Die Software klinkt sich über Connectoren in Desktop-Anwendungen ein und kann am Backend über das "Java Content Repository API" (JCR) auf verschiedene Dokumentenspeicher zugreifen. Es soll eine Ausführung auf Basis von Domino und Websphere Portal Server geben.

  • "Lotus Connection" wurde von der IBM als Social Software angekündigt und enthält Profile für Personen, Wikis, Weblogs, Social Bookmarks und den "Activity Explorer".

  • Die nächste Ausführung von Notes/Domino, das unter dem Codenamen Hannover entwickelt wurde, kommt als Version 8 Mitte 2007 auf den Markt. Eine öffentliche Beta erscheint Anfang Februar. Die wesentlichen Neuerungen betreffen den Client, der künftig auf dem Java-Framework "Expeditor" basiert.

  • Sametime 7.5.1 soll im zweiten Quartal verfügbar sein. Es bietet Video-Konversationen zwischen zwei Teilnehmern und Integration mit MS Office. Das Tool für Unified Communications soll dann auch für Linux-Server und Mac-Clients verfügbar sein.

  • "Websphere Portal Express Version 6.0" richtet sich an Unternehmen bis 1000 Mitar-beiter. Diese kleine Ausführung des Portal-Servers kommt im Februar auf den Markt und enthält das Entwickler-Tool "Lotus Components Designer".


Wissens-Management 2.0

Für Portal-basierende Varianten sollte zukünftig der auf Eclipse beruhende Rich Client solche Funktionen anbieten, die aber für Quickr 8.0 noch nicht zur Verfügung stehen. Die ebenfalls für das zweite Halbjahr 2007 angekündigte Personal Edition beschränkt sich auf die Funktion einer persönlichen Dateiablage. Statt auf der lokalen Festplatte gespeichert zu werden, können Dokumente mit Hilfe der Personal Edition in eine Datenbank auf dem Server transferiert werden. Die als öffentlich gekennzeichneten Daten lassen sich von Kollegen aus dem Reposi- tory abrufen.

Bereits im Rahmen des Knowledge-Managements der 90er Jahre bemühte sich die IBM um Lösungen für das Auffinden von Informationen und Wissens- trägern in Unternehmen. Damals sollte der "Discovery Server" Daten aus unterschiedlichen Quellen durchforsten, automatisch kategorisieren und anhand von Metainformationen Experten für diverse Fachgebiete ermitteln. Die Software verschwand vom Markt, aber das Anliegen blieb, besonders für die typischen IBM-Großkunden. Mit "Lotus Connections" nimmt Big Blue einen neuen Anlauf und besinnt sich dabei auf Konzepte, die seit einiger Zeit erfolgreich im Web praktiziert werden. Das Produkt umfasst eine Funktion zur Verwaltung von Bookmarks ("Dogear"), ein Weblog-System auf Basis des Open-Source-Tools "Roller", Wikis, Unterstützung für Profilseiten, die vom IBMs internen "Blue Pages" abgelei- tet wurden, sowie den erstmals mit Workplace ausgelieferten "Activity Explorer".

Integrierte Social Software

IBM charakterisiert Lotus Connections als Social Software. Sie übernimmt damit wesentliche Konzepte des Web 2.0.
IBM charakterisiert Lotus Connections als Social Software. Sie übernimmt damit wesentliche Konzepte des Web 2.0.

Im Vergleich zu den meist kostenlosen Online-Diensten unterstreicht die IBM, dass ihre Lösung keine Sammlung von verschiedenen Web-2.0-Funktionen sei, sondern ein integriertes Produkt. Dies äußert sich etwa darin, dass auf der Profilseite eines Mitarbeiters die von ihm am häufigsten vergebenen Schlagwörter ("Tags") in Form einer Tag Cloud eingeblendet werden. Connections extrahiert sie aus den Lesezeichen, die eine Person in Dogear hinterlegt hat, oder aus ihrem Blog, wo Tags den Inhalt von Einträgen beschreiben sollen.

Connections ist eine Java-Anwendung auf Basis des Websphere Application Servers und benötigt im Gegensatz zu anderen Collaboration-Tools im IBM-Portfolio kein Portal. Sie kann für die Erstellung von Benutzerlisten auf diverse LDAP-konforme Verzeichnisse zugreifen. Als Standard-Client dient ein Ajax-getriebenes Web-Frontend. Zusätzlich klinkt die IBM Connections auch in den Kontext an- derer Desktop-Anwendungen an. So zeigt ein Popup-Fenster über den Einträgen der Sametime-Kontakte nicht nur den Online-Status der betreffenden Personen an, sondern auch die Titel der letzten Blog-Postings oder die kürzlich gespeicherten Bookmarks. Eine ähnliche Integration ist auch für Notes 8 geplant. Zusätzlich sollen künftig die Konnektoren von Quickr die Möglichkeit bieten, Dokumente nicht nur in ein Content-Repository zu speichern, sondern beispielsweise dafür auch ein Lesezeichen in Dogear zu hinterlegen. IBM-Sprecher erklärten auf der Eröffnungsveranstaltung das seit Jahren virulente Metadatenproblem durch die freie Verschlagwortung für gelöst. Sie soll nicht nur auf Daten in Connections angewandt werden, sondern etwa auch in Quickr, um Dokumente zu klassifizieren.

Workplace unter der Haube

Nach dem Scheitern von Workplace, das Mike Rhodin mit Bezug auf Clayton Christensens Business-Bestseller salopp mit einem "Innovator?s Dilemma" erklärte, leben nicht nur die Konzepte dieser Produktlinie fort. Vielmehr beruht die nächste Version von Notes auf Basistechnologie, die ebenfalls im Rahmen des 2001 ausgerufenen Java-Kurses entstand. Der unter dem Codenamen "Hannover" entwickelte Client fußt auf dem "Expeditor"-Framework, das seinerseits auf "Eclipse" aufsetzt. Es bietet die Grundlage für alle zukünftigen Rich Clients aus dem Lotus-Portfolio und des Portal-Servers.



Seite: 1 2  weiter


Leserkommentare 
(0 Beiträge), 
Kommentieren

Beitrag schreiben

Noch kein Forums-Mitglied?
Dann gleich hier anmelden.

INHALT DIESES ARTIKELS
BI & ECM: CW-REDAKTEURE EMPFEHLEN
SAPs BI-Strategie zwischen Umbau und Aufbruch SAPs BI-Strategie zwischen Umbau und Aufbruch Kunden von SAP-Software für Business Intelligence und Partnern wird Einiges abverlangt: Produkte sind abgekündigt, und nicht jeder Dienstleister bleib ... weiter
Mind Mapping verbindet Office, Datenbanken und Web Mind Mapping verbindet Office, Datenbanken und Web Mit MindManager 8 ermöglicht Marktführer Mindjet die Nutzung zusätzlicher Informationen und Inhalte in der Mind-Mapping-Software und verspricht mehr B ... weiter
Die HanseMerkur setzt im Online-Vertrieb auf Open Source Die HanseMerkur setzt im Online-Vertrieb auf Open Source Der Versicherer baute innerhalb weniger Monate drei Portale auf. Umsatz und Traffic ließen sich steigern. weiter
Stammdaten deutscher Firmen strotzen vor Fehlern Stammdaten deutscher Firmen strotzen vor Fehlern Laut einer aktuellen Umfrage hat nur jedes sechste Unternehmen seine Materialstammdaten im Griff.  weiter
EMC sucht die Allianz mit SAP und Microsoft EMC sucht die Allianz mit SAP und Microsoft Mark Lewis, EMCs President für Content Management und Archivierung, setzt auf Web-2.0-nullige Benutzeroberflächen und den Ausbau des Lösungsgeschäfts. ... weiter
SAPs BI-Strategie zwischen Umbau und Aufbruch Mind Mapping verbindet Office, Datenbanken und Web Die HanseMerkur setzt im Online-Vertrieb auf Open Source Stammdaten deutscher Firmen strotzen vor Fehlern EMC sucht die Allianz mit SAP und Microsoft
  • Top geklickt
  • Top verlinkt
Aktuelle Umfrage

Wie viele Tage haben Sie im vergangenen Jahr blau gemacht?

  • Whitepaper
FEATURED LINKS

KOSTENLOSE NEWSLETTER VON COMPUTERWOCHE
Nachrichten morgens
Whitepaper
Nachrichten mittags
CW-Mittelstand
Highlights der Woche
Hardware
Neu: SAP-Newsletter
Software
Job + Karriere
Open-Source
Stellenmarkt
Produkte + Techn.
Freiberufler
Security