SAP verfügt mit dem Produktbereich "SAP Business Intelligence", zu dem BW gehört, über eine Reihe von BI-Produkte, hatte aber einige Defizite gegenüber Spezialisten. Beispielsweise helfen die Werkzeuge der Walldorfer kaum dabei, Daten aus Drittsystemen einzubinden, umfangreiche Datenbestände zu bewältigen sowie auf bequeme Weise Standardberichten zu erzeugen. Speziell der letzte Bereich zählt zu den Stärken von Business Objects. "SAP-Kunden verwendeten beispielsweise Reporting-Tools von Business Objects, weil die Bordmittel des ERP-Anbieters nicht eben zu den besten am Markt zählen", so Carsten Bange, BI-Experte und Geschäftsführer von Barc aus Würzburg. Das sei ja auch der Grund dafür gewesen, dass SAP zeitweilig das Business-Objects-Tool "Crystal Reports" als OEM-Produkt vertrieben habe. Zugleich hatten die Walldorfer versucht, Kunden mit eigenen Frontends zu beglücken - mit wenig Erfolg. "SAP kann mit seinen BI-Produkten nur die Grundbedürfnisse der Kunden abdecken, für das Highend sind andere Lösungen erforderlich", erläutert Christian Glas, Senior Analyst bei PAC in München. "SAP zählt bezogen auf die Anzahl der Installationen zu den Marktführern im BI-Umfeld, doch viele Kunden bekommen die Programme umsonst, da sie Werkzeuge nur im SAP-Umfeld einsetzen", meint der Branchenkenner. DSAG-Chef Wahlers hegt die Hoffnung, dass durch den Business-Objects-Kauf die SAP-Oberflächen für das Reporting benutzerfreundlicher werden. Dies setzt jedoch Anpassungen seitens der SAP voraus, wobei auch der SAP-Anwendervertreter hier noch keine Details kennt.
Bisher existieren nur prinzipielle Skizzen über die Kopplung von SAP Netweaver mit der BI-Umgebung der gekauften Firma Business Objects.Auch die Business-Objects-Produkte für die Integration von Daten und der Verbesserung der Datenqualität ergänzen das Portfolio von SAP. Zur Datenpflege hatten die Walldorfer zwar vor einiger Zeit mit A2i selbst eine Übernahme getätigt und weiterentwickelt, doch dient das Produkt in erster Linie zur Stammdatenverwaltung. Ferner entstand mit dem "Business Intelligence Accelerator" eine spezielle In-Memory-Datenbank kombiniert mit Blade-Server-Hardware, mit der die Walldorfer Kunden eine Option geben wollen, die immer wieder beklagten Antwortzeiten von SAP BW zu verbessern. Die auszuwertenden Geschäftsdaten werden hierzu in den Hauptspeicher geladen. Analysen lassen sich so wesentlich rascher fahren als mit herkömmlichen Methoden. Hilfe suchte sich SAP zudem noch vor kurzem beim Spezialisten für Datenintegration Informatica. Dennoch:"Bei der Technik für Datenintegration zeigt das SAP-Angebot bisher eklatante Mängel, die sich durch den Deal nun aus der Welt schaffen lassen. Das Abkommen mit Informatica steht jetzt allerdings in Frage", meint Gartner-Analyst Bitterer.
Wie SAP die französische Softwareschmiede in den Konzern integrieren wird, steht noch nicht fest. Klar ist, dass Business Objects ein eigener Konzernbereich wird und seine Produkte weiterhin auch an Nicht-SAP-Kunden verkaufen darf. Trotzdem ergeben sich Cross-Selling-Chancen: Dem französischen BI-Anbieter zufolge sind nur 40 Prozent der weltweiten Kunden gleichzeitig SAP-Nutzer. Gartner-Experte Bitterer hat den Eindruck, dass es der SAP vor allem um Marktanteile und Kunden geht und nicht um technische Finessen und eine schnelle Integration der Produktlinien: "Herr Kagermann spürt Oracle im Nacken". Durch den Kauf könne sich die SAP im Wettrennen mit Oracle wieder Luft verschaffen und seine Umsätze steigern. "Die Übernahme zeigt Parallelen zur Automobilindustrie, in der es Konzerne mit verschiedenen Marken gibt".
Während die SAP bis zur Übernahme von Business Objects nur punktuelle Zukäufe tätigte, befand sich der BI-Hersteller seit Monaten auf Einkaufstour. Beide Hersteller müssen aber noch die neuen Produkte integrieren. Hier ein kurzer Überblick:
Business Objects:
2003: Crystal Decisions (umfangreiche Technik für Standard-Reporting, Erschließung eines weit reichenden direkten Vetriebskanals);
2005: SRC Software (Software für Planung, Budgetierung, Forecasting);
2006: Firstlogic (Spezialist für Datenqualitäts-Management);
2006: ALG Software (Software für Profitabilitäts-Management und Kostenrechnung);
2006: Nsite (Plattform für die Vermarktung von Software-as-a-Service)
2007: Cartesis (Software für Finanzreporting, Planung, Budgetierung,Forecasting, Konsolidierung);
2007: Inxight (Analyse unstrukturierter Daten);
2007: Fuzzy Informatik (Datenqualitäts-Management, Dublettenbereinigung).
SAP
2005: iLytix: (Reporting-Tool)
2007: Pilot Software (Strategy-Management-Software)
2007: Outlooksoft (Konsolidierung und Finanzanalysen und -Reporting).
Dementsprechend blieben die Ankündigungen zum weiteren Vorgehen bisher vage. Welche Tools von Business Objects etwa in die SAP-Infrastrukturprodukte "Netweaver" einfließen werden, wollte Kagermann noch nicht erläutern (siehe Grafik: "Die künftige BI-Architektur"). Über Schnittstellen lassen sich Business-Objects-Produkte schon heute mit der SAP-Plattform verbinden. Außerdem stellt der SAP-Chef BI-Funktionen in Aussicht, die dem Anwender einer SAP-Applikation unmittelbar für seine jeweilige Aufgabe zur Verfügung stehen sollen ("Embedded Analytics"). Wer beispielsweise Aufträge bearbeitet, soll unmittelbar Zugriff auf entsprechende Analysefunktionen über die jeweiligen Kunden bekommen. Eingebunden werden sollen diese Merkmale sowohl in die "SAP Business Suite" als auch in das künftige On-Demand-System "Business Bydesign". Business Objects mischt ebenfalls seit dem Kauf des Anbieters Nsite im Software-as-a-Service-Segment mit. Hier hofft man auf Synergien. Des weiteren sind laut Kagermann analytische Applikationen für die wichtigsten Branchen geplant, die die Walldorfer heute bedienen. Dieser Produktansatz geht über die bisherige Produktphilosophie sowohl von SAP als auch Business Objects hinaus. Beide Firmen vermarkteten bisher vor allem BI-Werkzeuge, die dann im Rahmen von Softwareprojekten mit Geschäftsapplikationen verflochten wurden. Die vom Konzernlenker skizzierten Applikationen sollen unter anderem einem Corporate-Performance-Management und Risiko-Management sowie der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften und unternehmerischer Grundsätze (Governance, Risk & Compliance) dienen ? ein Anwendungsgebiet, in das sowohl die SAP als auch Business Objects durch Übernahmen und eigene Produkte in der letzten Zeit bereits verstärkt investiert hatten.
Für den BI-Markt bedeutet die Übernahme ein weiterer Schritt in Richtung Konsolidierung. Schon seit längerem wird vor allem von Analysten diskutiert, wo Business Intelligence im Unternehmen eigentlich hingehört. Bisher dominieren separate, oft abteilungsspezifische Lösungen, die unabhängig von den operativen Systemen für Analysen und Reporting dienen. Doch in dem Maß wie der strategische Nutzen von Geschäftsinformationen für die tägliche Unternehmenssteuerung sichtbarer wird, werden Stimmen laut, BI-Lösungen enger in die Prozesse einzubinden und statt Insellösungen abteilungsübergreifende Systeme aufzubauen, die viele Anwender im Unternehmen mit Informationen versorgen können. Es gibt daher Bestrebungen, BI-Funktionen stärker in Unternehmensanwendungen und die IT-Infrastruktur einzubinden, um sie so allgegenwärtig zu machen. Die BI-Hersteller versuchen sich gegen diesen Sog mit immer breiteren Angeboten, Zukäufen und neuen Vertriebsstrategien zu wehren. Sie betonen stets die Vorzüge eines unabhängigen und offenen BI-Systems ? auch Business Objects hatte so argumentiert. Dennoch nimmt der Druck weiter zu. Vor allem große Hersteller anderer Marktsegment haben gut gefüllte Kassen, um sich schnell in den lukrativen BI-Markt einzukaufen: "Der SAP-Deal verstärkt den Domino-Effekt. Nun stehen nur noch wenige große Steine wie Cognos und SAS Institute.", kommentiert Gartner-Mann Bitterer Doch wie sehr sich auch Hersteller unterschiedlicher Herkunft künftig vermischen und verbinden - eines ist klar: BI als Anwendung wird künftig ihre Bedeutung behalten.