SAP will mit Hilfe von Business Objects ERP-Prozesse und Reporting verzahnen und so Defizite im eigenen Softwareangebot beseitigen.
Viele ERP-Hersteller bieten bereits Business-Intelligence-Funktionen an, die sich entweder auf Technik von Kooperationspartnern stützt oder erworben wurde. Infor beispielsweise kaufte mit Systems Union unterschiedliche Lösungen, darunter die deutsche MIS AG. Vor einigen Wochen hatte der Softwareanbieter ein erweitertes Produktangebot für das Corporate-Performance-Management auf den Markt gebracht.
Microsoft agiert in Sachen BI autonom. Die ERP-Produkte der Dynamics-Linien "NAV" und "AX" koppelt der Konzern mit "Reporting Services" der hauseigenen Datenbank SQL Server. Teil der Strategie ist, im "Dynamics Client" betriebswirtschaftliche Funktionen, Reporting und Office-Elemente dem Benutzer in einer Oberfläche zu präsentieren. Oracle entwickelt seit langem eigene BI-Produkte rund um seine Datenbank, gewann aber durch den Kauf von Siebel Systems und Hyperion wesentliche Produkte hinzu, die nun in bestehende Geschäftssoftware sowie in die künftigen Fusion Applications eingebunden werden sollen. Darüber hinaus soll Hyperion als Teil der Fusion Middleware auch als eigenständiges Produkt vermarktet werden ein Weg, den offenbar auch die SAP mit Business Objects gehen will. Noch wenig zu bieten hat Sage. Einfache Report-Funktionen deckt das in diesem Jahr vorgestellte "Sage BI" ab. Für umfangreichere Aufgaben greift der Hersteller auf Produkte von Cognos zurück.
Während SAP bis zur Übernahme von Business Objects nur punktuelle Zukäufe tätigte, befand sich der BI-Hersteller seit Monaten auf Einkaufstour. Beide Hersteller müssen aber noch die neuen Produkte integrieren. Hier ein kurzer Überblick:
Business Objects:
2003: Crystal Decisions (umfangreiche Technik für Standard-Reporting, Erschließung eines weit reichenden direkten Vertriebskanals);
2005: SRC Software (Software für Planung, Budgetierung, Forecasting);
2006: Firstlogic (Spezialist für Datenqualitäts-Management);
2006: ALG Software (Software für Profitabilitäts-Management und Kostenrechnung);
2006: Nsite (Plattform für die Vermarktung von Software-as-a-Service)
2007: Cartesis (Software für Finanzreporting, Planung, Budgetierung, Forecasting, Konsolidierung);
2007: Inxight (Analyse unstrukturierter Daten);
2007: Fuzzy Informatik (Datenqualitäts-Management, Dublettenbereinigung).
SAP
2005: iLytix: (Reporting-Tool)
2007: Pilot Software (Strategy-Management-Software)
2007: Outlooksoft (Konsolidierung, Finanzanalysen und -Reporting).
Im Angebot von Business Objects und SAP gibt es Überschneidungen. Die größten Konflikte sehen Experten bei den Planungswerkzeugen. Business Objects hat hier ein breites, aber noch nicht integriertes Angebot, das vor allem durch Zukäufe entstand. SAP hatte mit der Übernahme der Firmen Pilot Software und Outlooksoft in diesem Jahr ebenfalls Werkzeuge zu den vorhandenen Systemen für die Finanzplanung hinzugefügt. "Das SAP-Management ist nun gefordert, festzulegen, wie es mit den Planungsprodukten weitergehen soll", meint IDC-Mann Naujoks. Deutliche Kritik am Einkaufsverhalten der Walldorfer übt Barc-Chef Carsten Bange: "Der Business-Objects-Kauf lässt die Outlooksoft-Übernahme fragwürdig erscheinen." Rücksicht nehmen muss SAP auch auf die eigenen Anwender. "Viele existierenden SAP-Kunden nutzen den Bex-Client für das Business Informationen Warehouse, der zu einem passablen Analyse-Tool herangereift ist und mit dem Angebot von Business Objects konkurriert", gibt Gartner-Experte Bitterer zu bedenken.
Von CW-Redakteur Frank Niemann und Sascha Alexander
Hatte SAP es bisher immer strikt abgelehnt, große Zukäufe zu tätigen, unternehmen die Walldorfer mit der Übernahme von Business Objects nun genau das Gegenteil. Mit dem in Frankreich beheimateten Softwarehaus erwirbt SAP den führenden Hersteller im Business-Intelligence-Markt (BI) und treibt die Konsolidierung in diesem Segment weiter voran. Bislang hatte SAP stets darauf beharrt, Zukäufe nur vorzunehmen, um das Produktangebot technisch zu ergänzen. Nun verleibt sich der Konzern einen Branchenriesen und damit Marktanteile sowie den Zugang zu 44 000 Kunden ein per freundlicher Übernahme, wie beide Seiten betonen. Business Objects soll als eigenständiges Unternehmen weitergeführt werden. SAP zahlt für die Softwareschmiede etwa 4,8 Milliarden Euro. Rund die Hälfte des Kaufpreises will das Unternehmen aus Barmitteln begleichen. Damit zahlen die Walldorfer 42 Euro pro Anteilschein, was einem Aufschlag von 20 Prozent auf den Börsenkurs des Business-Objects-Papiers am letzten Handelstag vor Bekanntgabe des Deals entspricht. Im Laufe des ersten Quartals 2008 will der deutsche Softwarekonzern den Kauf abschließen. Er muss noch von den Kartellbehörden genehmigt werden.
Business Objects als weltweit agierendes Unternehmen hatte sich in den letzten Monaten selbst einige Firmen einverleibt. Dabei verfolgten die Franzosen das Ziel, als BI-Hersteller eine möglichst vollständige Produktplattform aufzubauen, die alle Formen der Datenintegration, das Datenqualitäts-Management, Analyse und Reporting sowie Finanzanalysen und Corporate- Performance-Management (CPM) abdecken sollte. Hinzu kamen neue Ansätze und Vertriebsmodelle wie BI in Kombination mit Suchtechnik, BI für den Mittelstand, mobile BI-Lösungen und BI-Software zur Miete.
Auch gingen die Geschäfte von Business Objects nicht schlecht. Das Unternehmen konnte nach der Delle in 2006 in den letzten Quartalen in allen Regionalmärkten und Produktlinien wachsende Umsätze und Nettogewinne melden. Aufgrund der guten Zahlen hob Business Objects im Juni die Jahresprognose für 2007 leicht an und rechnete mit Umsatzerlösen zwischen 1,52 und 1,53 Milliarden Dollar für das Geschäftsjahr. Allerdings ziehen neue Wolken auf. So gab der Hersteller kurz vor der Ankündigung der Übernahme durch die SAP eine Gewinnwarnung für das noch nicht beendete dritte Quartal heraus. Danach sollen die Umsätze laut CEO John Schwarz weiter kräftig steigen, doch sei mit erheblichen Einbußen bei den Lizenzeinnahmen zu rechnen, die den Gewinn schmälerten. Wahrscheinlich ist das einer der Gründe dafür, dass die Börse auf die Übernahme alles andere als begeistert reagierte.
Gerüchten zufolge waren die Franzosen schon seit einiger Zeit auf der Suche nach einem Investor. Business Objects bestritt dies immer vehement und tut es noch heute. So erklärte Firmengründer Bernhard Liautaud auf der Pressekonferenz anlässlich der Ankündigung, dass Business Objects niemals nach einem Käufer gesucht, allerdings aber oft Anfragen erhalten habe. Mit der SAP habe man seit Juli verhandelt und sei dabei zu dem Schluss gekommen, dass eine Hochzeit Sinn gebe.
"Ob Business Objects wirklich aktiv gesucht hat, ist nicht sicher", vermutet auch Andreas Bitterer, Vice President Research und BI-Experte des Analystenhauses Gartner. Die vielen Zukäufe und das gute Geschäft sprächen eine andere Sprache: "Business Objects wollte der Größte im BI-Markt sein". Auch wollte sich SAP auf dem BI-Gebiet verstärken und könnte durchaus den ersten Schritt getan haben. Andererseits hatten die Walldorfer bisher vor allem auf eigene Entwicklungen, punktuelle Zukäufe und Partner gesetzt. Bitterer zufolge passen aber beide Hersteller gut zusammen. An die jäh beendete Partnerschaft im letzten Jahr zwischen beiden Firmen im Bereich Reporting (Crystal Reports) könne man nun wieder anknüpfen und SAP-Kunden Tools für das Enterprise Reporting bieten, so der Analyst. Zahlreiche Softwarehäuser haben das Crystal-Werkzeug, das als Standardsystem für diese Aufgabe gilt, in ihre Lösungen integriert. Mit jedem Softwaregeschäft verkaufen sie auch Softwarelizenzen für Business Objects.
In Deutschland wird die Fusion der beiden Softwareriesen besonders aufmerksam beobachtet. Immerhin gibt es rund 1000 Firmen hierzulande, die die Produkte beider Firmen nutzen, berichtet Jörg Limburg, Regional Vice President Central Europe Business Objects. "Abgesehen vom Mittelstand ist hierzulande nahezu jeder unserer Kunden auch SAP-Kunde". SAP-Anwender entschieden sich dem Manager zufolge für Business Objects, um Fremddaten zu integrieren und ein firmenweites Berichtswesen (Enterprise Reporting) aufzusetzen. Dennoch bezeichnete Limburg das bisherige Verhältnis zur SAP nicht als außergewöhnlich eng. Immerhin habe sich SAP nach der Beendigung der Partnerschaft mit Business Objects dem französischen Anbieter wieder angenähert. Das dürfte laut Limburg nicht nur am lukrativen BI-Markt liegen, sondern auch an einigen Übernahmen von Business Objects. So nutze die SAP Komponenten der Software für Text Mining des Anbieters Inxight und arbeite mit dem Anbieter Fuzzy Informatik beim Thema Datenqualität zusammen. Beide Firmen gehören inzwischen zu Business Objects.
Mit dem Deal reagiert SAP auch auf eine typische Anforderung im Markt: "Kunden erwarten die Kombination von ERP-Produkten und Business-Intelligence (BI)", sagte SAP-Chef Henning Kagermann. Doch offenbar gelang es den Walldorfern trotz ihres umfänglichen Angebots rund um die Data-Warehouse-Software "Business Information Warehouse" weder die Kunden vollständig zufrieden zu stellen, noch eine Produktbandbreite wie die von Business Objects zu erreichen. Und noch etwas spricht für den schnellen Zukauf: Das Interesse an BI ist gewaltig, die Nachfrage steigt derzeit weit schneller als die nach ERP-Produkten. Laut einer Studie der Marktforscher von IDC stiegen im Jahr 2006 die weltweiten Umsätze mit solchen Programmen gegenüber dem Jahr 2005 um 11,5 Prozent auf 6,25 Milliarden Dollar. Kagermann beziffert das jährliche Wachstum in dem Segment auf zehn Prozent. "Der Bedarf an BI-Produkten ist gigantisch, praktisch jeder Kunde fragt danach und ist bereit, viel zu investieren", meint Andreas Zilch. Für das Vorstandsmitglied der Beratungsfirma Experton Group ist der Kauf ein logischer Schritt, auch wenn SAP damit ihre Prinzipien über Bord werfe: "Es war ungeschickt, immer wieder zu betonen, rein organisch wachsen zu können."
SAP hatte der Finanzwelt angekündigt, in den nächsten Jahren zahlreiche neue Kunden hinzugewinnen zu wollen, und dabei BI-Lösungen als einen der Wachstumspfade ausgemacht. Seinen Kunden verspricht der Hersteller jedoch schon seit einiger Zeit eine enge Kopplung von ERP-Software und BI. Nun hat SAP offenbar erkennen müssen, dass sich die gesteckten Ziele mit eigener Technik nicht erreichen lassen.
Mit dem Kauf hoffen die Walldorfer, den Softwarekunden neben einem umfangreichen Applikationspaket auch BI-Produkte aus einer Hand liefern zu können. Dass der Erzrivale Oracle seit dem Hyperion-Kauf genau dazu in der Lage ist, dürfte die Entscheidung für den kostspieligen Zukauf beschleunigt haben. "Der Hyperion-Kauf durch Oracle hat SAP zusätzlich unter Druck gesetzt", ist sich Frank Naujoks, Analyst beim Marktforschungsunternehmen IDC, sicher. Auch für Eric Scherer vom Beratungshaus i2s aus Zürich trieben den Softwarekonzern äußerer Einflüsse zum Milliarden-Deal: "SAP hat den Pfad der Tugend verlassen, weil sie dazu gezwungen wurde."
Alfons Wahlers, Vorstandsvorsitzender der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) war hingegen sehr überrascht von der Übernahme der SAP. Wie viele andere war auch der DSAG-Vorstandsvorsitzende davon ausgegangen, dass der Hersteller vor allem mit dem neuen Mittelstandsprodukt "Business ByDesign" wachsen will.
Andere Beobachter hätten sich sogar ein früheres Handeln der Walldorfer gewünscht und kritisieren nun, die SAP hätte schon vor drei Jahren und für weit weniger Geld in den BI-Markt einsteigen können. Dem entgegnete SAP-Chef Kagermann jetzt, sein Unternehmen habe sich in den zurückliegenden Jahren der Aufgabe gewidmet, das Kernsystem auf eine neue Softwarearchitektur zu stellen. Da dies nun erledigt sei, könne man sich anderen Themen zuwenden.