Die Verfolger Microsoft, Infor, Sage und Oracle tun sich bislang schwer, den Abstand zu SAP zu verkürzen.
Umsatz 2006: 12,41 Milliarden Dollar (plus 32 Prozent)
Gewinn 2006: 2,47 Milliarden Dollar (plus 32 Prozent)
Mitarbeiter: 41 200
Kunden: 39 400
+ stabile Kundenbasis
+ weit in der Entwicklung der neuen Softwaregeneration
- zögerliche Adaption der neuen Softwarearchitektur
- schweres Standing im Mittelstand
Umsatz 2006/07: 51,12 Milliarden Dollar (plus 15 Prozent)
Umsatz Microsoft Business Division* (MBD) 2006/07: 16,4 Milliarden Dollar (plus 13 Prozent)
Gewinn 2006/07: 14,07 Milliarden Dollar (plus zwölf Prozent)
Mitarbeiter: 76 600
Kunden: 279 800 (Microsoft Business Solutions)
*Neben den Geschäftsapplikationen gehören auch Microsofts Office-Produkte zu MBD
+ breite Produktpalette über ERP hinaus
+ umfangreiche finanzielle Ressourcen
- wenig Erfahrung im Geschäftskunden-Umfeld
- drohende Kannibalisierung durch Softwareservices
Umsatz 2006/07: 18 Milliarden Dollar (plus 25 Prozent)
Umsatz Applications 2006/07: 4,75 Milliarden Dollar (plus 34 Prozent)
Gewinn 2006/07: 5,97 Milliarden Dollar (plus 26 Prozent)
Mitarbeiter: 56 100
Kunden: 275 000 (davon über 30 000 Applications-Kunden)
+ große Kundenbasis aus Datenbank- und Middleware-Geschäft
+ breite Produktpalette
- vage Informationen zu neuer Softwaregeneration "Fusion"
- geht zu wenig auf lokale An-forderungen der Kunden ein
wie die großen ERP-Anbieter auf die neuen Herausforderungen im Markt reagieren;
welche Strategie die einzelnen Hersteller einschlagen;
wo die Stärken und Schwächen liegen.
www.computerwoche.de
593920: Deutscher ERP-Markt im Umbruch;
593350: IDC: ERP-on-Demand verspricht kräftiges Wachstum;
587499: Oracle und Sage setzen SAP unter Druck;
1218817: "SOA ist für ERP keine Silver Bullett".
Auf den ersten Blick sind die Kräfteverhältnisse im deutschen ERP-Markt eindeutig verteilt. Unangefochten dominiert SAP einer Statistik der Experton Group zufolge das hiesige Geschäft mit einem Anteil von 56 Prozent. Abgeschlagen kämpfen die Verfolger Microsoft (fünf Prozent), Infor (vier Prozent), Sage (vier Prozent) und Oracle (drei Prozent) um den Anschluss.
Allerdings könnte das Machtgefüge schon bald durch Service-orientierte Architekturen sowie neue Vertriebsmodelle wie Software as a Service ins Wanken geraten. Viele Hersteller arbeiten mit Hochdruck an einer neuen Softwaregeneration. Dazu kommt, dass große Unternehmen schon weitgehend mit ERP-Anwendun-gen versorgt sind, so dass sich die Anbieter neue Weidegründe bei kleinen und mittelgroßen Firmen suchen müssen. Doch gerade hier bleiben die meisten Kunden ihrer ERP-Hausmarke treu.
Alles Gründe, die Strategien der führenden ERP-Anbieter unter die Lupe zu nehmen. Die computerwoche hat deshalb mit verschiedenen ERP-Experten gesprochen und die Stärken und Schwächen der einzelnen Hersteller analysiert. Der folgende Artikel behandelt die Branchenschwergewichte SAP, Microsoft und Oracle. Eine um die Anbieter Infor und Sage ergänzte Fassung finden Sie auf unserer Homepage unter www.computerwoche.de.
"Eine große Anzahl von SAP-Anwendern hat zurzeit nur eines im Sinn: den Umstieg von R/3 auf den technischen Nachfolger ERP 6.0", sagt Christian Glas, Senior Consultant von Pierre Audoin Consultants (PAC) in München. Allerdings gehen viele diesen Schritt nur aufgrund der höheren Wartungsgebühren für Altprodukte, nicht etwa wegen der neuen Service-orientierten Features. Nur für größere Unternehmen spielen auch die neuen Funktionen eine Rolle. Firmen dieser Größe hätten Glas zufolge ohnehin oft individuelle Wartungsvereinbarungen mit SAP getroffen. Die Gebühren-erhöhung sei daher für sie kein Thema.
"Offenbar haben die Anwender mit dem Umstieg wenig Stress und sind mit dem Projektverlauf zufrieden", hat Andreas Zilch, Vorstand der Beratungs- und Markt-forschungsfirma Experton Group, festgestellt. Viele Migrationen vollziehen sich vorerst allerdings rein technisch; es wird lediglich ein Upgrade der R/3-Funktionen auf das neue Release vorgenommen.
Auch wenn R/3-Umsteiger nicht sofort die neue SOA-Technik nutzen, sind sie für SAP wichtig. Denn erst mit ERP 6.0 werden sie potenzielle Abnehmer von Zusatzprodukten wie "Duet" sowie weiterer Netweaver-Komponenten, die ausschließlich mit dem aktuellen ERP-Release funktionieren.
Um das Kernsystem ERP 6.0 herum bietet SAP eine Reihe von Lösungen wie Customer-Relationship-Management (CRM) und Supply-Chain-Management (SCM) sowie ERP-gestützte Branchenanwendungen an. Die für den gehobenen Mittelstand aufgelegten "All-in-One"-Pakete, die über Partner vertrieben werden, setzen ebenfalls auf dem ERP-Kernsystem auf. Nicht so das vor Jahren hinzugekaufte "SAP Business One" für kleinere Unternehmen, das die badischen Softwerker wie All-in-One indirekt vermarkten.
Mit Netweaver hat SAP vor rund vier Jahren eine eigene Infrastruk-tur aus der Taufe gehoben, die heute als Integrationsplattform die Grundlage für die Service-orientierte Applikationstechnik "Enterprise-SOA" (E-SOA) bildet.
Mit "A1S" will der Hersteller im nächsten Jahr ein auf den Mittelstand zugeschnittenes ERP-Gesamtpaket als Software as a Service herausbringen. Damit möchten die Walldorfer Kunden gewinnen, die bislang wegen der drohenden Komplexität einen weiten Bogen um SAP-Produkte gemacht hatten.
SAP ist Marktführer bei Unternehmenssoftware und verfügt über eine relativ stabile Kundenbasis. "Viele IT-Manager halten SAP die Stange", stellt Helmuth Gümbel, Analyst von Strategy Partners, fest. Das liege in erster Linie daran, weil ihr Job davon abhänge. Nach wie vor gelte die ursprünglich für die IBM erfundene Faustregel: "Wenn ein IT-Entscheider nichts falsch machen möchte, dann nimmt er SAP."
"Mit A1S bringt die Firma ein neues Produkt auf den Weg, in das das gesamte ERP-Know-how des Konzerns einfließt", ergänzt IDC-Analyst Rüdiger Spies. Kein anderes Unternehmen der Branche gehe ein solches Wagnis ein.
SAP kann bislang kaum Referenzen für Enterprise SOA vorweisen. Der Hersteller muss alles daransetzen, möglichst viele R/3-Anwender auf ERP 6.0 zu bringen. Sollte dies nicht gelingen, würden Konkurrenten versuchen, daraus Kapital zu schlagen. Zwar hätten Gümbel zufolge viele Anwenderunternehmen eine technische Migration eingeläutet, aber längst nicht so viele, wie SAP glauben machen mag: "Wenn SAP von 7400 Installationen spricht, handelt es sich dabei um Downloads der entsprechenden Lizenzschlüssel." Das heiße aber noch lange nicht, dass die Installationen auch benützt würden.
Neben dem Großkundengeschäft sucht SAP nach neuen Einnahmequellen im Mittelstand. Doch ob A1S die Hoffnungen erfüllt, steht in den Sternen. "A1S soll zunächst ein reines Hosting-Angebot sein, was zumindest für den deutschen Mittelstand problematisch ist, denn der ließ sich bislang nicht von der On-Demand-Welle mitreißen", gibt Glas zu bedenken.
Probleme sieht auch Spies auf den Softwarehersteller zukommen. "Niemand weiß, wie man ein On-Demand-Geschäft aufziehen kann und gleichzeitig die bestehenden Partner daran teilhaben zu lassen." Das könne das gesamte Partnerökosystem zerstören.
Durch den Weggang von Shai Agassi besteht nach Ansicht von Glas die Gefahr, dass sich SAP wieder zu einem badischen Softwarehaus zurückentwickelt. Das will SAP verhindern: Der nächste Chef soll nicht aus Deutschland kommen. Damit könnten dem Konzern aber auch drastische Umwälzungen bevorstehen, warnt Gümbel. Mit dem vermutlichen Henning-Kagermann-Nachfolger Leo Apotheker könnte erstmals ein Nicht-Deutscher an der Unternehmensspitze stehen. Dieser dürfte kein Problem damit haben, das Gravitationszentrum der SAP ins Ausland zu verschieben.
Microsoft bemüht sich seit Jahren, sein Standing im Markt für Business-Applikationen zu verbessern. Der Konzern hat sich durch die Übernahmen von Great Plains und Navision in den ERP-Markt eingekauft. Allerdings funktionieren hier die Geschäfte ganz anders als im Consumer-Segment, wo man die Windows- und Office-Boxen nur durchreichen muss. Das musste auch der Riese Microsoft erst lernen. Dem weltweiten Softwareprimus, der seine Produkte ausschließlich indirekt vertreibt, muss es gelingen, die Partner auf die Business-Software einzuschwören. Zudem müssen die Microsoft-Verantwortlichen noch erklären, wie sie sich ihr künftiges Geschäft mit Softwareservices vorstellen.
Microsoft verspricht den Anwendern eine homogene IT-Architektur vom Betriebssystem über die Infrastruktur und Datenbank bis hin zu den Anwendungen und Geschäftsprozessen. Unternehmen sollen durch eine weitreichende Integration der ERP-Software etwa mit Produkten wie SQL Server, Office und Sharepoint überzeugt werden. Der Konzern versteht sich als Lieferant einer Business-Software-Plattform, für die Partner vertikale Lösungen entwickeln und vertreiben.
Der ERP-Entwicklungsfahrplan sieht vor, die technische Grundlage der einzelnen Unternehmenslösungen weitgehend anzugleichen: Dies betrifft den Client, die Datenbank sowie die Ablaufumgebung, die bei Dynamics NAV und AX noch unterschiedlich sind. Das Fernziel ist, Dynamics als Geschäftsprozessplattform weiterzuentwickeln, mit der sich aus Prozessbausteinen aufgabenspezifische Applikationen zusammensetzen lassen (Composite Applications).
"Microsoft arbeitet sich langsam, aber kontinuierlich heran", zieht Gümbel Bilanz. Dem Windows- und Office-Geschäft verdankt das Unternehmen finanzielle Ressourcen wie kaum ein anderer Anbieter. Diese erlauben es Micro-soft, mit Dumping-Preisen auf den Markt zu gehen und den Kunden Geschenke zu machen. Zudem besitzt der Hersteller hierzulande mit Dynamics NAV eine große installierte Basis und eine etablierte Partnerlandschaft.
Mit Dynamics CRM hat der Konzern eine moderne Geschäfts-applikation selbst entwickelt. "Das CRM-Produkt ist Microsofts Speerspitze für ein vereinheitlichtes Applikationsportfolio", erläutert Spies. Zur Produktstrategie meint Analysten-Kollege Zilch: "Firmen, die ohnehin die Anzahl ihrer Softwarelieferanten verringern wollen, kommt Microsofts Plattformansatz entgegen."