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Fachliteratur/Tim Berners-Lee verteidigt offene Standards

Erfinder des WWW kritisiert die Kommerzialisierung

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von Inge Steutzger* Tim Berners-Lee, der Erfinder des WWW und Chef des W3-Consortium (W3C), erlaubt dem Leser einen umfassenden Einblick in die Geschichte des Web und seine künftigen Entwicklungsmöglichkeiten. Seine technischen Ausführungen verbindet er mit einem scharfen Blick für die politische und soziale Brisanz der Entscheidungen, die das W3C ständig fällen muss.

"Damit Menschen Wissen gemeinsam nutzen können, muss das Web ein universeller Raum sein, den Nutzer über alle Hypertext-Verknüpfungen durchwandern können. Ich verbringe einen Großteil meines Lebens damit, diese Kerneigenschaft auf die eine oder andere Weise zu verteidigen." Berners-Lee spielt mit dieser Äußerung auf seine leitende Funktion im W3C an. Als "herstellerneutrales" Forum gibt das Konsortium Empfehlungen für Technologien ab, die das WWW auch im Sinne seines Erfinders weiterentwickeln, um "das volle Potenzial des Webs auszuschöpfen". Das W3C setzt also keine Standards, betont der Web-Erfinder mehrmals. Er leugnet nicht den kommerziellen Druck auf die Organisation, doch höchste Priorität räumt er seinen eigenen Prinzipien ein.

Berners-Lee verteidigt nach wie vor die dezentrale, von Kontrollmöglichkeiten freie Struktur des Web. Das Web soll seiner Meinung nach allen zugute kommen, Monopolisierungstendenzen bekämpft er auf das Schärfste. Als typisch amerikanisch und zynisch empfindet er die ständig an ihn herangetragene Frage, ob es ihn nicht ärgere, finanziell nicht direkt vom Web profitiert zu haben.

Wichtiger ist ihm, und das vermittelt er dem Leser glaubhaft, das Web als "neue Gesellschaftsform" zu verstehen. Zentralisierungstendenzen, wie sie sich beispielsweise bei der Vergabe der Domänennamen abzeichnen, sind ihm zuwider. So unterstreicht er die Integrität von Jon Postel: Er leitete die Körperschaft, die zunächst die oberste Domänenebene verwaltete (Internet Asigned Numbers Authority = Iana). Nach der Privatisierung der Iana begann das Verschachern der Domänen, die zur Spekulationsmasse verkommen.

Manipulationsmöglichkeiten im Web analysiert Berners-Lee ausführlich. Zukünftig könnten intelligente Suchmaschinen den Nutzer in die Irre führen: Sie würden dann nur noch die Sites der Unternehmen anzeigen, die einen Vertrag mit der Suchmaschine abgeschlossen haben. Von freier Auswahl sei dann keine Spur mehr, was dem Kunden unter Umständen auch noch verborgen bleibt. Software ist bereits in der Lage, über sogenannte Klickmuster einer Person im Web deren Online-Verhalten anzuzeigen und zu überwachen.

Berners-Lee wünscht sich einen permanenten Web-Zugriff für alle Menschen, technisch wäre das kein Problem mehr. Außerdem setzt er auf zukünftige Standortunabhängigkeit, also die Loslösung der Informationen und der entsprechenden Werkzeuge vom Speicherort der Daten. Dazu gehöre auch die Unabhängigkeit von Protokollen. In diesem Zusammenhang diskutiert der Web-Erfinder Vor- und Nachteile von XML.

Sympathisch wirkt die nüchterne und bescheidene Art und Weise, wie Berners-Lee seine Arbeit am Web verständlich erklärt. Ob sich seine hehren Prinzipien durchsetzen, wird sich erweisen.

Tim Berners-Lee: Der Web-Report. Der Schöpfer des World Wide Web über das grenzenlose Potenzial des Internet. München: Econ 1999. 332 Seiten, 49,90 Mark.

*Inge Steutzger arbeitet als freie Autorin in München.

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