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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Überstunden an die Firma verschenken


tevion
09.05.2004, 12:15
Hallo Herr Müller,

ich bin Junior-Software-Entwickler. Bei uns sind im Team einige, die jeden Monat unbezahlte Überstunden an die Firma verschenken. Ich habe nicht den Eindruck, dass denen die Arbeit soviel Spaß machen würde.

Natürlich ist das deren Sache. Aber ich befürchte, dass sie diejenigen, die keine Überstunden verschenken, damit unabsichtlich unter Druck setzen. Das ganze kommt natürlich auch auf den Chef an, wie der das handhabt, d.h. ob er dann von allen unbezahlte Überstunden "verlangt" (inoffiziell) und wie er das "belohnt" bzw. bestraft.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass durch sowas die Gruppen-Solidarität sinkt, damit auch der Teamgeist leiden könnte und das Klima sich verschlechtert.

Ich denke, Engagement drückt sich in vielen Dingen aus. Dass durch Überstunden mehr Leistung rauskommt, muss bestimmt nicht immer so sein.

Wenn man mir einen 42-Stunden-Arbeitsvertrag gibt mit entsprechendem Gehalt, dann hätte ich keine Probleme damit. Aber ich habe schon so meine Probleme, Stunden an die Firma zu verschenken. Soviel Spaß macht mir der Job nicht, da der IT-Chef uns mit einem Anwendungs-Framework arbeiten lässt, das einfach zum k... ist. Notfalls wird jetzt Off-Shoring gemacht mit billigen Indern statt auf ein produktiveres Anwendungs-Framework zu setzen.

Daheim nutze ich ab und zu die Zeit, um mich persönlich weiterzubilden, was ich in der Firma größtenteils nicht kann. Da lerne ich wenig, was mir nützen könnte bei anderen Firmen. Daher auch meine geringe Bereitschaft zu verschenkten Überstunden.

Nun die Fragen. Wieso werden Überstunden von den Firmen nicht bezahlt? Unser Zeitsystem ist so, dass Überstunden leicht verfallen können. Also nicht so wie bei anderen Firmen, wo man hunderte Stunden ansammeln kann.

Was erwarten sich Mitarbeiter vom Verschenken von Überstunden? Ich habe mal gefragt, aber da kam von einem Kollegen nur eine gereizte, ausweichende "Antwort".

Und wie hoch ist der Faktor unbezahlte Überstunden verschenken bei der Karriere? Ich könnte mir auch vorstellen, dass man an Respekt verliert, wenn man sich billig verkauft. Kommt sicher auch auf die Firma an.

Vielen Dank schon mal für Ihre Einschätzung. Andere Leser sind natürlich gerne eingeladen, ebenfalls ein Feedback zu dem Thema zu hinterlassen.

Gruß,

Tevion

Studentin
10.05.2004, 12:53
"Was erwarten sich Mitarbeiter vom Verschenken von Überstunden? Ich habe mal gefragt, aber da kam von einem Kollegen nur eine gereizte, ausweichende "Antwort"."
"...ich befürchte, dass sie diejenigen, die keine Überstunden verschenken, damit unabsichtlich unter Druck setzen."
Ich kenne ein paar solcher freiwillig-Überstundenmacher. Aber so wie ich das bei denen mitbekomme, sind eigentlichen diese diejenigen, die unter Druck sind. Und zwar unter ihrem hausgemachten Druck. Nach dem Motto "wenn ich besonders viel arbeite, wirke ich besonders engagiert und verliere meinen Job als letzter." Mittlerweile hat doch jeder Angst um seinen Job. Ob diese Theorie aufgeht, weiß ich natürlich nicht...

O.Müller
10.05.2004, 18:28
Hallo Tevion,

ein schwieriges Thema ist das schon mit den Überstunden... Was tun?
Ich fange einfach mal damit an, wie ich das handhabe mit Überstunden.
Bei uns in der Firma herrscht dasPrinzip der Vertrauensgleitzeit, d.h. die Stunden werden überhaupt nicht erfasst, jeder ist selbst für sein Zeitkonto verantwortlich. Ich mache also meine Arbeit, versuche gute Projekte abzuliefern und schaue in der Regel gar nicht auf die Uhr. Es hat mich bisher auch noch nie jemand gefragt, wie lange ich gearbeitet habe. Letztendlich zählt, was bei meiner Arbeit rauskommt. Sitze ich da 12 Stunden am Tag dafür oder brauche ich nur 7?? In der Regel wohl mehr als 7 aber auch nicht jeden Tag 12. Ausserdem glaube ich, dass mein Output nicht beliebig durch mehr Zeit steigerbar wäre, irgendwann ist mein interner Akku einfach leer und ich brauche die Pause.
Ich versuche dabei auch, mich nicht von Kollegen die länger da sind unter Druck setzen zu lassen, sondern lediglich maximal gute Arbeit abzuliefern.
Meiner Meinung nach gibt es also keinen Grund besonders lange im Büro zu sein, neben der Quantität zählt ja auch die Qualität. Sollten Sie Probleme bekommen, weil Sie nicht so lange arbeiten wie Ihre Kollegen, dann verweisen Sie doch auf das was Sie geleistet haben. Würden Sie bei ein paar Stunden mehr Anwesenheit auch mehr leisten oder wirklich nur anwesend sein?
Man muss also nicht unbedingt Überstunden der Firma schenken. Andererseits glaube ich auch, dass Sie nicht kleinlich jede Minute abrechnen sollten, wenn mal irgendwo das Feuer brennt und daher etwas länger gearbeitet werden muss. Gegenseitiges Vertrauen und Geben und Nehmen ist wohl die beste Voraussetzung.
Noch konkret auf Ihre Fragen:
Warum werden Überstunden verschenkt?
Da müssten Sie eigentlich Ihre Kollegen fragen, mir fallen da folgende Antworten ein: Aus Angst um den Arbeitsplatz, um sich für eine Beförderung hervorzutun, um von eigener Ineffizienz abzulenken bzw. das Arbeitspensum doch noch zu schaffen und natürlich spielt auch der Gruppendruck eine Rolle. An manchen Stellen ist das "einfach so üblich", "man macht das so". Fragen Sie doch mal einen Investmentbanker...
Wieso werden Überstunden von der Firma nicht bezahlt?
Auch das kann verschiedenste Ursachen haben. Gibt es rechtliche Probleme oder Probleme mit dem Betriebsrat bei Überstunden? Sind die Überstunden stillschweigend mit dem normalen Gehalt abgegolten? Will die Firma gar nicht, dass Überstunden gemacht werden? Werden Überstunden gegen Freizeit gerechnet? All das können Gründe sein und natürlich will ich auch nicht ausschliessen, dass manche Firmen ihre Mitarbeiter einfach auch nur ausnutzen wollen. Wie das in Ihrem Fall ist, kann ich natürlich nicht sagen.
Was ist der Einfluß auf die Karriere?
Sicherlich ist es nicht gut, wenn Sie der erste sind, der nach Hause geht, dann haben Sie wohl wirklich zu wenig Arbeit oder sind nicht genügend gefordert. Ich glaube aber nicht, dass Sie mehr Karriere machen, wenn Sie immer der letzte sind, persönlich bin ich der festen Überzeugung, dass letztendlich zählt was Sie abliefern und nicht, wie lange Sie dafür gebraucht haben.
Versuchen Sie also einen Mittelweg zu finden, von dem beide, Ihr Arbeitgeber und Sie profitieren.