Es gibt ein Leben nach der IT

Zwei Nokianer steigen aus

Andrea König lebt als freie Journalistin in Hamburg. Arbeiten von ihr wurden unter anderem in der Süddeutschen Zeitung und im Focus veröffentlicht, seit 2008 schreibt sie auch für CIO.de. Die Schwerpunkte Ihrer Arbeit für die CIO-Redaktion sind Themen rund um Karriere, soziale Netzwerke, die Zukunft der Arbeit und Buchtipps für Manager.
Nach fast 20 Jahren bei Nokia sind die Ex-Manager Ralf Kiwitt und Marcus Jordan heute Unternehmer in der Pflege. Den Firmenwagen haben sie gern gegen eine sinnvolle Tätigkeit getauscht.
Manchmal ändert sich das Leben von jetzt auf gleich sehr gravierend.
Manchmal ändert sich das Leben von jetzt auf gleich sehr gravierend.
Foto: K.-U. Häßler - Fotolia.com

Wie ihr Leben im Herbst 2013 aussehen würde, hätten die beiden ehemaligen Nokia-Manager Ralf Kiwitt und Marcus Jordan sich vor zwei Jahren vermutlich selbst nicht träumen lassen. Im September 2011 erfuhren der damalige IT-Direktor und der IT-Bereichsleiter, die beide fast 20 Jahre bei Nokia beschäftigt waren, dass bei ihrem Arbeitgeber wahrscheinlich ein so gravierender Abbau stattfinden wird, dass sie davon betroffen sein werden.

So weitermachen wie bisher wollte keiner von ihnen. "Natürlich macht man sich dann Gedanken darüber, wie das letzte Drittel des Arbeitslebens aussehen soll. Ich hatte keine Motivation, in einem anderen Konzern eine ähnliche Stelle anzunehmen und dort wieder auf die gleichen Verhältnisse zu treffen", sagt Jordan (Jahrgang 1965). "Ich bin wirklich dankbar für die knapp 20 Jahre bei Nokia. Ich konnte mich in dieser Zeit weiterentwickeln und selbstverwirklichen. Doch zuletzt wurden die Entfaltungsmöglichkeiten immer eingeschränkter", erläutert Kiwitt (Jahrgang 1967).

Wenn die Begeisterung fehlt

In den Monaten nach der Kündigung hatte er ein Outplacement-Coaching und auch einige Headhunter-Anfragen für ähnliche globale Führungspositionen. Aber all dies habe kein Feuer mehr in ihm entfacht. Beide Manager dachten über Alternativen nach und befassten sich mit dem Thema Selbständigkeit. "Ich habe ein Existenzgründerseminar, Messen und Veranstaltungen besucht und mich mit Themen wie der Haftung beschäftigt. Das alles noch ohne über eine bestimmte inhaltliche Richtung nachzudenken", so Kiwitt.

IT-Consulting hätte thematisch nahegelegen, schied aber aus. "Zum einen bin ich kein klassischer Verkäufer und zum anderen hatte ich das Gefühl, dass ich in meinem Leben mal etwas anderes als IT machen wollte, auch inhaltlich sinnvoller. Meine gesamte bisherige Laufbahn war ich immer im Bereich IT und Nachrichtentechnik beschäftigt. Und länger in einem Glaskasten sitzen wollte ich auch nicht", erinnert sich Kiwitt. Auch Jordan wünschte sich einen thematischen Richtungswechsel: "Zuletzt war ich bei Nokia mit dem Thema Outsourcing beschäftigt. Dabei haben wir über Leistungen in gigantischem Umfang verhandelt. Wir haben gute Arbeit gemacht, aber hinter dem Thema habe ich nicht gestanden." Ihm war schnell klar, dass er nach der Konzernkarriere eine sinnvolle Arbeit machen wollte.

Auf der Suche nach dem Sinn

Bei ihrer Suche stießen die beiden auf Home Instead. Anders als die auf die medizinische und die Grundpflege spezialisierten ambulanten Pflegedienste mit ihren minutenweisen Einsätzen bietet das Unternehmen stundenweise Betreuungsleistungen. In den eigenen vier Wänden der Senioren übernimmt geschultes Betreuungspersonal die Aufgaben, die bislang meist von Familienangehörigen wahrgenommen werden, etwa die Betreuung zu Hause, Hilfe im Haushalt und die Begleitung außer Haus.

"Als wir auf Home Instead gestoßen sind, haben wir viel zur Historie, Entwicklung, den Zielen und Inhalten recherchiert. Das hat uns alles überzeugt, deshalb haben wir uns dort gemeldet", erinnert sich Jordan. Kiwitt weiß noch, dass er krampfhaft versucht hatte, einen Haken bei dem Konzept zu finden und das Thema zunächst ganz bewusst sehr skeptisch angegangen ist.

Marcus Jordan (rechts im Bild) baute einen Betreuungsdient in Mülheim an der Ruhr auf, Ralf Kiwitt in Leverkusen.
Marcus Jordan (rechts im Bild) baute einen Betreuungsdient in Mülheim an der Ruhr auf, Ralf Kiwitt in Leverkusen.
Foto: Home Instead

Dass das Unternehmen nach einem Franchise-System arbeitet, sagte den beiden zu: "Die Idee mit dem Franchising hat mir besonders gut gefallen, weil man dabei abgefedert ist", so Jordan. "Franchise mit seinem doppelten Netz bot sich für einen Branchenwechsel an. Die Rahmenbedingungen sind geleitet, doch man ist sein eigener Chef, kann sich weiterentwickeln und seine eigenen Erfahrungen selbstständig einbringen", ergänzt Kiwitt.

Einen Branchenwechsel beurteilt man bei Home Instead durchweg positiv: "Den größten Erfolg haben Franchise-Systeme, die mit Quereinsteigern arbeiten. Gerade aus der IT kommen lernbereite Menschen, die im Dienstleistungsbereich von ihrer analytischen Stärke profitieren. Die ehemaligen Manager haben Lebenserfahrung, kennen sich mit Mitarbeiterführung aus und bringen meist auch den nötigen Schuss Marketing- und Verkaufserfahrung mit", sagt Knut Pauli, der die Pressearbeit von Home Instead betreut. Bei Home Instead müssen die Manager zu Unternehmern werden. "Sie bekommen ein erprobtes Geschäftsmodell mit einem hohen Maß an Standardisierung, das sie tagtäglich in Gang setzen müssen", so Pauli. Die beiden ehemaligen Manager entschlossen sich zu einem Einstieg bei Home Instead, investierten ihre Abfindungen und wurden zwei von weltweit knapp 1.000 Franchise-Partnern des Unternehmens. Jordan baute einen Betreuungsdienst in Mülheim an der Ruhr auf, Kiwitt in Leverkusen.

Bilanz nach fünf Monaten Selbständigkeit

"In den ersten Monaten musste ich mich um Themen wie Auflagen, die Pflegekassenzulassung und Personalsuche kümmern. Es ist auch jetzt immer noch sehr spannend, denn schließlich steckt viel Geld im Unternehmen", erinnert sich Jordan. Auch Kiwitt erlebte besonders die ersten Monate als sehr spannend "gemischt mit Bauchschmerzen. Doch es ging sehr schnell mit den ersten Kundenanfragen und bis jetzt habe ich alle meine selbst gesetzten Ziele und Prognosen weit übertroffen", so seine Bilanz.

Fünf Monate nach dem Start ihrer Selbständigkeit im Frühjahr 2013 merkt man den beiden Ex-Nokianern die Zufriedenheit über ihre neue Tätigkeit deutlich an. "Es kommt wesentlich mehr zurück als in meinem früheren Job. Meine Arbeit ist sinnvoll und ich sehe jeden Tag das Ergebnis", sagt Jordan. "Die Seniorenbetreuung ist keine Raketenwissenschaft sondern sehr geradeaus. Ich fühle mich nicht als Samariter, denn als Unternehmer denke ich auch betriebswirtschaftlich", so Kiwitt. Doch ihm gefalle sehr, dass er nun eine inhaltlich wertvolle Aufgabe übernommen habe, mit einem starken Team eine qualitativ hochwertige Dienstleistung anbiete und durchweg sehr gutes Feedback von Kundenseite erfahre. Im Moment kann er sich nicht vorstellen, jemals wieder angestellt zu sein.

Von ihrer früheren Managementtätigkeit profitieren die beiden auch als Unternehmer. "Ich bin es aus meiner Zeit im Konzern gewohnt, den Überblick zu behalten und Menschen zu führen und zu motivieren. Von den fachlichen Inhalten der Pflege verstehe ich nichts, aber dafür habe ich ein tolles Team. Ich übernehme vor allem die Aufgabe eines Repräsentanten und einer Verwaltungskraft", erläutert Jordan.

Kiwitt hatte bei Nokia die Verantwortung für Mitarbeiter in 30 Ländern weltweit. "Jeder bringt seine individuellen Stärken und Schwächen mit, die man bestmöglich einsetzen muss. Das ist in meiner jetzigen Aufgabe nicht anders und gelingt mir gut", sagt er. Die IT-Themen fehlen ihm inhaltlich nicht, lediglich sein international verteiltes Team fehlt ihm. Heute fährt er nicht mehr regelmäßig nach Helsinki, Dallas, Singapur oder Peking sondern nur noch fünf Kilometer bis zum Büro, was wiederum auch seiner Familie zu Gute kommt.