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Gegen Shitstorm

Zwang zu Klarnamen im Internet ist notwendig

Walter Brenner ist Professor für Informationsmanagement und geschäftsführender Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Informationsmanagement, Industrielle Services, CRM, Design Thinking und Digital Consumer Business.
Die Vorfälle um den Fussballkommentator Marcel Reif zeigen: Pseudonyme im Internet bieten die Möglichkeit, aus der Anonymität heraus verletzende Angriffe auf Personen durchzuführen. Kann sozialer Druck diesem Verhalten ein Ende bereiten? Oder muss es am Ende einen rechtlichen Zwang zu Klarnamen geben?

Marcel Reif muss man nicht mögen. Wer ihn bei Fussballübertragungen erlebt, wünscht sich sicher oft einen weniger zynischen, weniger flapsigen Kommentator. Aber: Das, was Herr Reif im Moment in den Stadien und im Internet erleben muss, wünscht man niemandem. Die Nachrichtenlage ist eindeutig. Vor dem Stadion wird er bedroht, im Stadion mit Bier beworfen, und in den sozialen Netzen auf unflätigste Weise angegriffen.

Um die Frage, wie sich Chaoten und Kriminelle vor und im Stadion benehmen, soll es an dieser Stelle nicht gehen, wohl aber um die Frage, wo das "soziale" in den sozialen Netzen geblieben ist. Warum ist es möglich, dass sich fehlegeleitete Menschen hinter einem Pseudonym verbergen und aus der Anonymität heraus jeden angreifen können? Natürlich sind dies oft Personen, die nicht in der Lage sind, sich mit einem Marcel Reif zivilisiert auseinanderzusetzen, weil ihnen die Souveränität oder der Intellekt fehlt. Und klar ist auch, dass ein Kern von Fanatikern die Verbundenheit zu ihrem Club ausdrückt, indem es bei der kleinsten Kritik "eins auf die Fresse" gibt. Sind das denn nicht genau die Leute, die sich ritualisierten Prügeleien nach dem Spiel hingeben?

Es wäre also bequem solche Auswüchse auf Realitätsverlust der Handelnden zu schieben und sich nach kurzem Wehklagen wieder in den eigenen heimeligen Facebook-Feed mit natürlich nur netten und geistreichen Nachrichten zurückzuziehen. Man hat ja schliesslich nur vernünftige Freunde. Bis der Shitstorm einen selbst trifft. Denn die Geschehnisse rund um Marcel Reif sind keine Einzelfälle, direkte Angriffe im Internet sind tagtägliche Realität. In den Zeitungen wird darüber berichtet und immer häufiger passiert es auch im eigenen Umfeld, dass jemand durch den Dreck gezogen oder massiv bedroht wird.

Das Internet schützt die Täter

Das Internet schützt die Täter. Getarnt durch ein Pseudonym können sie volles Rohr schiessen. Viele kennen den legendären Cartoon im New Yorker aus dem Jahr 1993, in dem ein Hund dem anderen das neue Medium so erklärt: "Im Internet weiss niemand, dass Du ein Hund bist." Die Episode um Marcel Reif bestätigt einmal mehr die Befürchtung: Wenn wir wesentliche soziale Kontrollmechanismen ausschalten, sinkt die Schwelle sich dem wütenden Mob anzuschliessen - und sei es nur "aus Spass", aber mit ernsthaften Folgen für die Betroffenen.

Muss also ein rechtlicher Zwang zu Klarnamen im Internet her? Zunächst sind wir der Meinung: "Nein". Es kann nicht sein, dass uns einige Verrückte die Freiheit nehmen, unter Pseudonym ein Online-Spiel zu geniessen, zu chatten oder politische Kommentare zu veröffentlichen. Wir müssen aber ernsthaft darüber nachdenken, welche Möglichkeiten des sozialen Zwangs wir haben, die beschriebenen Auswüchse wirksam einzudämmen. Ein Vorschlag: Wer in sozialen Netzen nicht mit Klarnamen zu seinen Aussagen steht, muss temporär oder dauerhaft ausgeschlossen werden können, ähnlich einem Stadionverbot. Wer soll entscheiden über Ausmass und Dauer des Ausschlusses? Dies wäre eingehender zu diskutieren, basisdemokratische Entscheidungen wären denkbar. Ein solcher Mechanismus muss in angemessener Form zum Standard werden. Und technisch ist es auch möglich, den Zugang zu einem sozialen Netz zielgerichtet zumindest deutlich zu erschweren - zum Beispiel, indem das eigene Smartphone komplett ausgeschlossen wird.

Wenn das alles nicht hilft und verletzende Shitstorms weiter zunehmen? Dann müssen Gesetze her, die soziale Netze ab einer bestimmten Marktdurchdringung zwingen, Klarnamen und echte Profilfotos ihrer Besitzer durchzusetzen. Wer die Entwicklung der Piratenpartei in Deutschland verfolgt hat, insbesondere den ausfallenden und selbstzerstörerischen Umgang untereinander auf der Plattform "Liquid Feedback", bekommt eine Vorahnung, dass wir als Gesellschaft auf absehbare Zeit zur Erkenntnis gelangen müssen: Auch im Internet ist niemand vogelfrei! Und dass wir zivilisatorische Errungenschaften entsprechend verteidigen - Pressing und Gegenpressing, wie Marcel Reif sagen würde.

Gleiche Regeln wie im wirklichen Leben

Die Verwendung von Klarnamen im Internet ist nach unserer Meinung im Zuge der Reifung und Professionalisierung des Internets ohnehin notwendig. Die Digitalisierung erfasst immer mehr Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft, die digitale Welt ist für uns alle Realität. Niemand bestellt das Uber-Taxi mit der Adresse "stadionfan78", erst Recht nicht, wenn dessen Profilfoto ein Fussball ist. Wir gehen schliesslich auch nicht maskiert zur Arbeit, und so praktisch Tarnkappen, -ringe und -mäntel auch erscheinen mögen, sie bleiben Siegfried, Frodo und Harry vorbehalten. Die Vorgänge um Marcel Reif machen einmal mehr klar, wie wichtig es ist, dass im Internet die gleichen Regeln gelten müssen wie im realen Leben. Klarnamen sind ein wichtiger Schritt um eine neue Stufe der Digitalisierung zu erreichen.

Einige Lesende werden nun sicher emotional reagieren. Meinungsfreiheit! Informationelle Selbstbestimmung! Verfolgung politisch Andersdenkender! Selbsternannte "Internetexperten" oder selbstverliebte "Anarcho-Querdenker" packen gerne diese Hämmer aus und dominieren damit die öffentliche Diskussion in merkwürdiger Art und Weise. Aber alles-oder-nichts-Argumente gelten nur in einem Bereich, den schon Kinder wie folgt lernen: "Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füge auch keinem anderen zu." Und das bedeutet nun einmal, alles dafür zu tun, um wüste Beschimpfungen, Morddrohungen oder Schlimmeres auch im digitalen Leben zu unterbinden. Menschenrechte gelten auch online.

Es gibt viele gute Gründe, um unter Pseudonym aufzutreten. Aber es gibt auch ebenso viele schlechte und damit verbunden die Notwendigkeit, Klarnamen in einigen Bereichen der digitalen Welt durch sozialen, wirtschaftlichen, und wenn nötig rechtlichen Druck durchzusetzen. Die vorgeschlagene Ächtung von Chaoten ist vielleicht nicht die bestmögliche Lösung, aber ein guter Anfang, um eine längst überfällige Debatte ganz sachlich anzustossen. Und im Übrigen: Google weiss inzwischen ganz genau, wann vor dem Bildschirm ein Hund sitzt, und häufig auch wie er heisst.