Erfahrung ist das A und O

Zuerst fest, dann frei

03.11.2010
Der Sprung in die Selbständigkeit sollte gut überlegt sein: Akquise, administrative Aufgaben und mangelnde Disziplin machen Neueinsteigern das Leben schwer. Erfahrungen aus einer Festanstellung können helfen.

Mit 14.000 neuen Unternehmen liegen die Firmengründungen im Hightech-Sektor auf einem niedrigen Niveau, wie eine aktuelle Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt. Vor allem die Zahl der Ein-Personen-Unternehmen ist laut Untersuchung gewachsen, und das, obwohl gerade freiberufliche IT-Experten mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen haben.

Mut zum Risiko zahlt sich aus

"Hightech-Experten, die frisch von der Universität kommen, sollten sich diesen Schritt gut überlegen", warnt Sebastian Rahm, Department Manager im Bereich Recruiting beim Personaldienstleister Hays. Das Gewinnen neuer Kunden sei nun einmal die Basis einer jeden Freiberuflichkeit und bereite den Newcomern große Schwierigkeiten. Daneben mache ihnen aber auch der administrative Aufwand zu schaffen: "Für die Akquise sollte der Freiberufler kommunikativ sein, für die Administration sowie die Honorarfrage den spitzen Bleistift nutzen können", rät Rahm.

Seiner Meinung nach sollten Hochschulabsolventen in der IT-Welt erst einmal für ein paar Jahre in ein Beratungshaus oder ein Anwenderunternehmen hineinschnuppern: "Erfahrungen sammeln, besondere Kenntnisse erwerben, sich Expertenwissen aneignen - all das macht den IT-Profi fit für den Projektmarkt." Spezialwissen und Berufserfahrung seien eine Art Überlebensgarant für die Selbständigkeit.

Oliver Matussek, Consultant Business Application, arbeitete vor seiner Freiberuflichkeit drei Jahre bei einem regionalen Beratungshaus als IT-Berater. Nach und nach wollte er größere Projekte übernehmen: "Um das zu erreichen, hatte ich die Wahl, zu einem größeren Beratungsunternehmen zu wechseln oder als IT-Freelancer zu arbeiten." Da der Projektmarkt damals sehr gut aussah und auch freiberufliche Kollegen ihm zur Selbständigkeit rieten, entschied er sich für Letzteres: "Ich war damals 33 Jahre alt und bereit, das Risiko einzugehen."

Oliver Matussek, IT-Selbständiger: "Ich stand vor der Alternative, zu einem größeren Arbeitgeber zu wechseln oder mich selbständig zu machen."
Oliver Matussek, IT-Selbständiger: "Ich stand vor der Alternative, zu einem größeren Arbeitgeber zu wechseln oder mich selbständig zu machen."
Foto: Oliver Matussek

Matussek wusste, was auf ihn zukam. Schließlich hatte er während seiner Studentenzeit als Wirtschaftsinformatiker mit zwei anderen Studenten zusammen ein Unternehmen im Bereich Web-Design und -entwicklung gegründet. Obwohl er einige Kunden hatte, erkannte Matussek, dass ihm das ganze Thema Web-Design zu technisch orientiert war: "Mir lagen beratende Tätigkeiten mehr am Herzen." Diese Chance wollte er als freiberuflicher IT-Experte ergreifen. Projekte auszusuchen, die zu einem passen, ist seiner Meinung nach der große Vorteil der Selbständigkeit. Heute ist er Berater für sein Spezialgebiet Finanz- und Kostenrechnung in der ERP-Software Dynamics AX. Sein Tipp: Erst einmal in eine Festanstellung gehen und Erfahrungen sammeln.

Sandro Manke, freiberuflicher Consultant mit Schwerpunkt Java- und Web-Entwicklung, wurde sozusagen in die Selbständigkeit geschubst. Nach einigen Studienjahren hatte er sich zunächst für eine Festanstellung entschieden. Das Unternehmen konnte allerdings nach einer gewissen Zeit sein Gehalt nicht mehr regelmäßig bezahlen. Manke: "Da kam ich auf die Idee, mich selbständig zu machen." Die Voraussetzung für die ersten eigenen Aufträge sei sein gutes Netzwerk gewesen. Drei Jahre später wusste der Consultant, dass er es geschafft hatte. Leicht sei es in all der Zeit nicht gewesen: "Zwischendurch hatte ich mit einer Reihe von Fastpleiten, mit falschen Kalkulationen und falschen Angeboten zu kämpfen." Nach seiner Erfahrung ist das A und O des Erfolgs, die Projektarbeit richtig einzuschätzen. Newcomern empfiehlt er, nicht gleich mit großen Projekten zu beginnen, sondern Schritt für Schritt vorzugehen. Der Consultant hat seinen Entschluss, sich selbständig zu machen, nicht bereut: "Letztlich ist es nicht entscheidend, zu welchem Zeitpunkt die Selbständigkeit gestartet wird - viel wichtiger ist die Disziplin."