Schwachstelle internationales Recruiting

Zu hohe Ansprüche an ausländische Bewerber

Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 18 Jahren. Langweilig? Nein, sie endeckt immer wieder neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und in ihrem eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisert.
Länder wie Kanada, Australien, Norwegen oder Österreich rekrutieren Experten aus dem Ausland schon professionell. In Deutschland scheitern 80 Prozent der Anwerbeversuche an den zu hohen Ansprüchen der Arbeitgeber.

Laut aktuellem OECD-Bericht weist Deutschland zwar ein Zuwanderungssaldo auf, gehört also zu den Gewinnern in Sachen Zuwanderung. Allerdings steckt das Recruiting von Experten aus aller Welt im Vergleich zu Ländern wie Kanada, Australien oder Norwegen hierzulande noch in den Kinderschuhen. Das geht aus zwei Untersuchungen des Personaldienstleisters ManpowerGroup hervor. Demnach gilt Deutschland schon jetzt bei zahlreichen internationalen Arbeitgebern als eine Talentquelle, die es sich anzuzapfen lohnt. Besonders auf technisch versierte Fachkräfte haben es Unternehmen weltweit abgesehen.

Thomas Schonscheck von der Manpower Group moniert, dass Firmen zwar hohe Ansprüche an ausländische Bewerber haben, aber wenig für Integration und Schulung tun.
Thomas Schonscheck von der Manpower Group moniert, dass Firmen zwar hohe Ansprüche an ausländische Bewerber haben, aber wenig für Integration und Schulung tun.
Foto: Manpower Group

"Für Deutschland, das jetzt schon über einen Mangel an MINT-Fachkräften klagt, kann diese Entwicklung fatale Folgen haben", warnt Thomas Schonscheck, Recruiting-Experte der ManpowerGroup Deutschland und Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Personalvermittlung. Während das Arbeiten im Ausland es für deutsche Fachkräfte zunehmend leichter und attraktiver werde, liege die Messlatte für Experten aus anderen Ländern hier nach wie vor hoch. Dazu Schonscheck: "Die Ansprüche an die Bewerber steigen an, ohne dass die Arbeitgeber im Gegenzug ihre Integrations- und Schulungsmaßnahmen ausbauen - sofern sie überhaupt welche etabliert haben." Die Folge: Im vergangenen Jahr beschäftigte laut der ManpowerGroup-Untersuchung "The Borderless Workforce 2011" nur jedes fünfte deutsche Unternehmen Personal aus dem Ausland und rangiert damit im EU-Vergleich nur im Mittelfeld. Ländern wie Norwegen oder Österreich gelängen die grenzübergreifende Personalsuche sowie die Eingliederung der Fachkräfte deutlich besser. Dies zeige zusätzlich, dass die im OECD-Bericht abgebildete Zuwanderung vor allem konjunkturell bedingt ist.

Mangelhaftes Deutsch als größte Hürde

Praktisch alle deutschen Arbeitgeber erwarten von ausländischen Bewerbern perfekte Deutschkenntisse. Eine Hürde, an der viele scheitern.
Praktisch alle deutschen Arbeitgeber erwarten von ausländischen Bewerbern perfekte Deutschkenntisse. Eine Hürde, an der viele scheitern.
Foto: Aspen Photo / Shutterstock.com

Die Anstellung ausländischer Mitarbeiter in Deutschland scheitert in der Regel an den nicht ausreichenden Deutschkenntnissen der Bewerber. Mehr als jedes vierte befragte Unternehmen sieht im fehlenden sprachlichen Know-how die größte Hürde, um Positionen mit Fachkräften aus dem Ausland zu besetzen. Im EU-Durchschnitt scheitert die grenzüberschreitende Rekrutierung nur bei 16 Prozent der Unternehmen an Sprachbarrieren. "Hiesige Firmen stufen bereits bei der Einstellung perfekte Deutschkenntnisse genauso hoch ein wie das fachliche Wissen", erklärt Vera Calasan, Vorsitzende der Geschäftsführung der Manpower Group Deutschland. Deshalb scheiterten schätzungsweise 80 Prozent der grenzüberschreitenden Anwerbeversuche deutscher Unternehmen.

EU-Vorreiter bei der Einstellung ausländischer Talente sind Norwegen und Italien. Dort setzt mehr als jeder dritte Arbeitgeber auf die Talentsuche im Ausland. Der Fokus beim Rekrutieren liegt in diesen Ländern auf dem Potenzial der Bewerber. Sie müssen anfangs nicht hundertprozentig in das Jobprofil passen, wenn sie die nötigen Soft Skills mitbringen sowie den Ehrgeiz, bestehende sprachliche und fachliche Lücken schnell zu schließen. "Ob Rekrutierung im In- oder Ausland - deutsche Arbeitgeber sind gefordert, gezielt Bewerber anzusprechen, die mit absehbarem Aufwand geschult werden können", fordert ManpowerGroup-Chefin Calasan. "Wer auf den hundertprozentig passenden Kandidaten wartet, wird die Talentlücke in seinem Unternehmen nie schließen können."

Eingestellt - allein gelassen

Erfolgskritisch ist außerdem, den ausländischen Fachkräften und ihren Familien ein angemessenes Integrationsprogramm zu bieten - was bisher in Deutschland eher die Ausnahme ist. "Nicht selten glauben die Unternehmen, dass der deutsche Staat den Neuankömmlingen schon bei den anstehenden Behördengängen hilft. Und an Unterstützung beim Aufbau sozialer Kontakte denkt hierzulande so mancher Personalchef auch nicht", weiß Schonscheck.