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Zeuge stand auf Microsofts Gehaltliste

18.04.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der Wirtschaftsprofessor Kevin Murphy, der als zweiter Zeuge für die Verteidigung im laufenden Microsoft-Kartellverfahren aussagte, war jahrelang als bezahlter Berater für den Softwareriesen tätig. Dies ergab das Kreuzverhör der Anklage am gestrigen Mittwoch. Murphy hatte ausgesagt, dass die von den klagenden neun US-Bundesstaaten geforderten Strafmaßnahmen für Microsofts illegales Betriebssystem-Monopol zu weit gingen und keinerlei klare Vorteile für die Verbraucher bringen würden.

Während des gestrigen Kreuzverhörs förderte Steven Kuney, Anwalt für die Anklage, zutage, dass Murphy vor seiner Arbeit für Microsoft kaum wissenschaftliche Berichte über die Softwareindustrie veröffentlicht hatte. Erst nach seinem Engagement für die Gates-Company äußerten sich der Professor und seine private Beratungsgesellschaft Chicago Partners zu der Branche. Murphy gab zu, dass ein Teil seiner Forschungsarbeiten von Microsoft finanziert wurden. Anwalt Kuney zitierte eines dieser Werke, in dem Murphy zu dem Schluss kam, dass die Einführung von Wettbewerb in einem monopolisierten Markt zu höheren Preisen für die Verbraucher führen könne.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass vor Gericht stehende Parteien Zeugen präsentieren, die auf ihrer Gehaltsliste stehen. Dennoch wirft eine derartige Verbindung ein seltsames Licht auf den Zeugen. Kuney versuchte diesen Eindruck noch zu verstärken, indem er darauf hinwies, dass Murphys Spezialgebiet vor seiner Arbeit für Microsoft der Arbeitsmarkt war. Welche Position die vorsitzende Richterin Colleen Kollar-Kotelly in der Angelegenheit bezieht, ist bislang unklar. Kollar-Kotelly hat sich bislang mit Fragen an die Zeugen zurückgehalten und wenig von ihrer Meinung durchblicken lassen.

Als nächster Zeuge der Verteidigung trat Scott Borduin auf, Chief Technology Officer (CTO) des Softwareherstellers Autodesk. Er kritisierte die von der Anklage vorgeschlagene Sanktion, eine modulare Windows-Version anzubieten. "Ich bin der Meinung, dass diese Maßnahme zu einer Fragmentierung von Windows als stabiler, vorhersehbarer Entwicklungsplattform führen wird", erklärte er. Diese Fragmentierung werde der Softwareindustrie und den Verbrauchern gleichermaßen schaden. Zirka 80 Prozent der Autodesk-Programme sind für Windows geschrieben. Für seine Entwicklungsarbeit habe Autodesk immer genügend technologische Informationen von Microsoft erhalten, führte Borduin aus, ohne dass die Gates-Company dabei ihr intellektuelles Eigentum verraten oder die Sicherheit und Stabilität des Betriebssystems kompromittiert habe. (ka)