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Xerox feuert CEO und President Rick Thoman

12.05.2000
Paul Allaire übernimmt erneut das Ruder

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - In einem überraschenden Schritt hat sich das immer noch vor allem mit Kopierern assoziierte US-Unternehmen Xerox Corp. von seinem CEO (Chief Executive Officer) und President Rick Thoman (55) getrennt. Sein Vorgänger Paul Allaire will für die kommenden zwei Jahre die Geschicke des Unternehmens wieder selbst bestimmen. Als President und COO (Chief Operating Officer) unterstützt ihn dabei Marketing-Chefin Anne Mulcahy (47), die bereits seit 1976 für Xerox arbeitet. Neues Führungsgremium wird ein "Office of the Chairman", dem darüber hinaus Finanzchef Barry Romeril und Vice Chairman William Buehler angehören.

Der ehemalige Topmanager von IBM, der das Amt erst im vergangenen April von Allaire übernommen hatte, konnte offenbar die in ihn gesetzten hohen Erwartungen nicht erfüllen. Obwohl der Abgang angeblich "in beiderseitigem Einverständnis" erfolgte, handelt es sich offenbar um einen klassischen Rausschmiss. Das "Wall Street Journal" zitiert einen Insider mit der Aussage, Allaire habe in der vergangenen Woche den Vorstand auf seine Seite gebracht und Thoman anschließend mit der Entscheidung konfrontiert. "Thoman wusste von nichts. Er dachte, er steht besser da", erklärte der Informant.

Thoman erklärte, er wisse noch nicht, wohin ihn seine weitere Karriere nun führen werde. Er äußerte sich enttäuscht darüber, dass es ihm nicht gelungen sei, in einem so großen Unternehmen wie Xerox einen "kulturellen Wandel" durchzusetzen. "Ich bin enttäuscht, dass dies länger gedauert hat und sowohl finanziellen Schaden für die Shareholder als auch menschliche Pein für unsere Mitarbeiter zur Folge hatte", entschuldigt sich der geschasste Ex-CEO.

Konkrete Gründe für die Entlassung konnte oder wollte Paul Allaire nicht nennen. Er erklärte allerdings, Xerox brauche nun "eine Führung mit mehr Xerox-Erfahrung und -Background." David Nadler von der New Yorker Delta Consulting Group, die Xerox seit Jahren berät, bringt ein wenig mehr Licht ins Dunkel: "Rick hatte zwar die richtige strategische Ausrichtung, konnte diese aber nicht effektiv umsetzen." Dies, meint Nadler, habe "beide Seiten frustriert".

Noch im vergangenen Jahr hatte Paul Allaire die hervorragende Qualifikation Thomans über den grünen Klee gelobt. Bei IBM war der Gerstner-Zögling zuletzt CFO (Chief Financial Officer) gewesen; zuvor hatte er den PC-Bereich verantwortet. Thoman erschien mithin als der richtige Mann, um Xerox wirtschaftlich erfolgreich ins digitale Zeitalter zu führen. Daraus wurde bis dato nichts.

Anfang Oktober vergangenen Jahres schickte zunächst eine Gewinnwarnung für das dritte Quartal die Xerox-Aktie um knapp 25 Prozent in den Keller. Im März dieses Jahres kündigte das Unternehmen dann die Entlassung von 5200 Mitarbeitern oder fünf Prozent seiner gesamten Belegschaft an. Am vierten April schließlich musste Xerox für das erste Quartal des laufenden Fiskaljahres einen Fehlbetrag von 243 Millionen Dollar ausweisen. Die Xerox-Aktie hat in den vergangenen neun Monaten mehr als 60 Prozent an Wert verloren und dümpelt derzeit bei knapp über 25 Dollar.

Xerox kämpft weiterhin mit dem Übergang in die "New Economy". Neue Produkte, unter anderem hochleistungsfähige digitale Drucker/Kopierer-Kombinationen, sahen noch vor Jahresfrist nach einem echten Verkaufsschlager aus. Konkurrenten wie die japanische Canon Inc. konterten allerdings rasch mit vergleichbaren Systemen; gleichzeitig sank - nicht zuletzt durch das Problem 2000 - die Investitionsbereitschaft der Unternehmenskunden. Außerdem übernehmen in vielen Büro inzwischen hochleistungsfähige PC-Drucker die Aufgaben, die früher der Kopierer hatte - und das oft genug sogar bei geringeren Kosten.

Historisch betrachtet hat Xerox es schlicht verschlafen, eine Reihe enorm wichtiger Innovationen kommerziell zu verwerten. Im berühmten Forschungslabor PARC (Palo Alto Research Center) des Unternehmens wurden unter anderem die grafische PC-Benutzeroberfläche, der Laserdrucker und Ethernet aus der Taufe gehoben - vermarktet und weiterentwickelt wurden diese Techniken aber stets von anderen.

Analysten befürchten bereits, dass Thomans Entlassung nur ein erstes Anzeichen einer weiteren negativen Entwicklung darstellt. "Das wirft nur noch mehr Fragen auf. Heißt das, dass noch mehr Köpfe rollen werden?", fragt sich beispielsweise Brian Clancy, Analyst bei Safeco Asset Management.

Delta-Berater Nadler sieht unterdessen in Anne Mulcahy bereits die kommende Frau bei Xerox. "Sie ist wohl der nächste CEO - wenn sie ihre Sache jetzt gut macht. Sie vereinigt das Beste aus dem alten und neuen Xerox", glaubt der Analyst.