X-Window-Terminals - was ist schiefgelaufen?

17.02.1995

X-Window-Terminals haben sich bisher bei weitem nicht so gut verkauft, wie es von Analysten seit Ende der 80er Jahre vorhergesagt worden war. Jonathan Sheldrake* nennt Gruende fuer den Misserfolg und gibt einen Ueberblick zu

Moeglichkeiten und Grenzen der Systeme.

Wuerde es nach den Prognosen einiger Branchenbeobachter aus den spaeten achtziger und fruehen neunziger Jahren gehen, waeren X- Window-Terminals, nach Stueckzahlen gerechnet, in den vergangenen Jahren rasant an den ASCII/ANSI- und 3270/3X-Terminals vorbeigezogen. Tatsaechlich aber werden pro X-Window-Terminal zehn herkoemmliche, dumme Terminals verkauft. IDG-Marktforscher ermittelten, dass 1993 in Europa nur 76 300 X-Window-Terminals ausgeliefert wurden, und auch 1994 duerften die Ergebnisse nicht besser gewesen sein.

Woran liegt es, dass die mutmassliche Antwort auf die Stossgebete der IT-Manager, in denen sie ein Terminal mit ueberlegenen Grafikfaehigkeiten erflehten, das einer Person erlaubt, mehrere Sessions mit verschiedenen Rechnern laufen zu haben, ein solcher Flop war?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Immerhin laesst sich feststellen, dass der von anderen Produkten ausgehende Wettbewerbsdruck und die Grenzen des X-Window-Terminals selbst dazu gefuehrt haben, dass sich inzwischen nicht ein Unternehmen ausschliesslich auf den Bau von X-Window-Terminals konzentriert. Selbst der Marktfuehrer und Wegbereiter NCD bietet heute neben E- Mail- und X-Window- auch traditionelle X-Server-Software an.

Ein Kernproblem der X-Window-Terminals liegt darin, dass die angeblich problemlose Vernetzung mit Hosts anderer Architekturen doch nicht in dem Masse gegeben ist. Tatsaechlich ermoeglicht es das X-Protokoll lediglich, verschiedene Unix-Rechner zusammenzuschalten. Zwar offerieren mehrere Anbieter Connectivity zu IBM-Umgebungen, doch diese hat ihren Preis. X-Window-Terminals sind, zumindest hinsichtlich der Anschaffungskosten, kein billiges Produkt.

Kaum ein Preisvorteil gegenueber dem PC

Der Basispreis ist einer der wesentlichen Gruende dafuer, dass sich das X-Window-Terminal auf dem europaeischen kommerziellen Anwendungsmarkt so zoegerlich durchsetzt. Der Durchschnittspreis von etwa 3500 Mark scheint hoch, verglichen mit einem hochleistungsfaehigen 486er PC, und geradezu Wucher, bedenkt man, dass ein dummes Terminal schon fuer 600 Mark zu bekommen ist. Zusaetzlich zum Anschaffungspreis muss der potentielle Kaeufer die Kosten bedenken, die ihm durch eine eventuelle Erweiterung von CPU, Speicher oder Festplatte des Fuehrungsrechners in seinem Netzwerk und durch den Anschluss des X-Window-Terminals an den Host entstehen.

Im wissenschaftlich-technischen Bereich faellt die Entscheidung fuer die X-Terminals leichter. Mit bis zu 21 Zoll grossen, hochaufloesenden Bildschirmen sind sie den technischen Workstations als Konkurrenzprodukten auf diesem Sektor in puncto Grafikfaehigkeiten haeufig ueberlegen und ausserdem billiger. Insbesondere bei den technischen und wissenschaftlichen Anwendungen, die Grafik voraussetzen, haben sich X-Terminals daher erhebliche Marktanteile erobert. Dieser Entwicklung fielen die altgedienten ANSI-Grafikterminals, etwa der "DEC VT340", zum Opfer, die bei der Bildschirmaufloesung nicht mehr mithalten konnten.

Eindeutig positiv zu bewerten sind die geringen Kosten nach dem Kauf. CPU, Speicher und Festplatte des Zentralrechners lassen sich nach Bedarf erweitern. Damit stehen den Benutzern eines X-Window- Terminals groessere oder schnellere Ressourcen zur Verfuegung, ohne dass dafuer die Geraete an den einzelnen Arbeitsplaetzen aufgeruestet werden muessten. Ausserdem mindert die gemeinsame Nutzung von Rechnerressourcen durch viele Anwender die auf den einzelnen entfallenden Kosten.

Wie bei jeder in der Entwicklung befindlichen Technologie bringen die Hersteller staendig aktualisierte Versionen auf den Markt. So wurde an den meisten Standorten, wo Ende der 80er Jahre X-Window- Systeme installiert wurden, seither mindestens einmal nachgeruestet. Viele IT-Manager hat diese Aussicht abgeschreckt. Sie haben erkannt, dass herkoemmliche Terminals die gleichen Vorzuege bieten, ohne dabei Aufruestungen der Host-Hardware notwendig zu machen. Zudem stellen sie eine ausgereifte Technik dar, die kaum Raum fuer weitere Optimierung laesst. Der IT-Manager, der ein Textterminal fuer eine DV-Anwendung anschafft, weiss, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach mindestens fuenf, vielleicht auch zehn Jahre mit dem Geraet arbeiten kann. Angesichts dieser Fakten ueberrascht es nicht, dass traditionelle Terminals auf dem Sektor der Mehrplatz- und darunter auch Unix-Systeme nach wie vor ueberwiegen.

Einfache Interaktion im Netzwerk moeglich

Anbieter und Distributoren von X-Window-Terminals betonen auch deren Sicherheitsvorteile. In der Tat garantieren sie, da sie kein Laufwerk haben, verglichen mit einem PC mehr Schutz gegen Diebstahl, Beschaedigung oder Virenbefall. Gleiches gilt aber auch fuer Terminals und die hybriden plattenlosen PC-Terminal-Produkte wie HPs Windows-Client. Darueber hinaus bieten die meisten groesseren PC-Hersteller mittlerweile auch plattenlose Versionen ihrer PC- Produkte.

Fuer X-Window-Terminals spricht, dass sie im Netz komfortabel sind. Der Benutzer kann mit allen Rechnern im Netz kommunizieren, sofern der Server-Teil von X auf dem Bildschirm erscheint. Damit wird die Interaktion zwischen den Teilnehmern eines Netzwerks erheblich einfacher als beim konventionellen Terminal. Allerdings ist dies nicht bei den PC-Anwendungen moeglich, mit denen die meisten Endbenutzer im kommerziellen Bereich ueblicherweise arbeiten. Tektronix und Digital haben eine Loesung fuer dieses spezielle Problem entwickelt, auf die spaeter noch naeher eingegangen wird.

Eine Bereicherung, die seit kurzem von sich reden macht, ist die X-Window-Server-Software. Im Netzwerk-Server installiert, macht sie praktisch PCs zu X-Window-Terminals. Zu den Hauptanbietern in diesem Bereich gehoeren Hummingbird, NCD, Visionware und WRQ. Diese Loesung bietet beinahe alle Vorteile von X-Window-Terminals, ist dabei aber deutlich kostenguenstiger. Ausserdem verwendet sie ueblicherweise Hardware, die in kommerziellen Einsatzbereichen bereits vorhanden ist, naemlich 486er oder noch leistungsfaehigere PCs.

Allerdings gibt es hierbei ein entscheidendes Problem: Um die X- Server-Software optimal zu nutzen, muss oft ein groesserer Bildschirm her, da ein 14- oder 15-Zoll-VGA-Monitor nicht die erforderliche Groesse und Aufloesung bietet. Immerhin kann der Endbenutzer bei der X-Server-Software seine angestammten DOS- und Windows-Anwendungen behalten. Seine urspruenglichen Hardware- und Software- Investitionen sind also geschuetzt.

Zudem erlaubt die X-Window-Server-Software PC-Endbenutzern die Arbeit mit Unix, ohne dass sie sich dafuer mit den Feinheiten des Betriebssystems vertraut machen muessten. Der vielleicht groesste Vorzug der neuen Anwendung liegt in der Omnipraesenz der PC- Plattform begruendet. Ganz ohne Frage ist der PC im Unternehmensbereich das meistverbreitete Desktop-Geraet, und diese Tatsache hat mehr als jede andere dazu beigetragen, dass die X- Server-Software sich so deutlich gegen das X-Window-Terminal durchsetzen konnte.

Tektronix und Digital, zwei Marktfuehrer im Bereich der X-Window- Terminals, haben eingesehen, dass diese zwar im Unternehmensbereich durchaus einen festen Platz innehaben, die herkoemmlichen Terminals aber keinesfalls verdraengen werden und den PC schon gar nicht. Zudem stellt sich den Benutzern der vorhandenen X-Terminals ein grosses Problem: Sie koennen von diesen aus nicht auf PC-Anwendungen zugreifen, sondern benoetigen dafuer einen PC.

Sowohl Tektronix als auch Digital haben Produkte entwickelt, die Terminal-, X-Window- und PC-Sessions gleichzeitig auf einem einzigen Geraet ausfuehren koennen. Das Digital-Konzept stuetzt sich auf die Hardware und stellt eine Kombination aus 3270/ASCII- Terminal, X-Window-Terminal und PC dar. Demgegenueber hat Tektronix ein Softwareprodukt vorgestellt, bei dem mehrere X-Terminals mit Windows-, Windows NT-, DOS- und OS/2-Standardanwendungen laufen sowie 3270- und ASCII-Terminal-Sessions ausfuehren koennen. Da diese Produkte erst seit November auf dem Markt sind, laesst sich ihr Erfolg noch nicht mit Sicherheit beurteilen. Es waere jedoch erstaunlich, wenn die IT-Abteilungen nicht die Vorteile saehen, die sich fuer sie aus der Zusammenfassung all ihrer bisherigen und neuen Anwendungen in einem Desktop-Geraet ergeben.

Diese Produkte und andere zu erwartende Neuerungen legen die Vermutung nahe, dass die Stand-alone-X-Window-Terminals auf dem Markt fuer kommerzielle Desktop-Anwendungen auf Dauer nicht ueberleben werden. IT-Abteilungen, die mit einer Neuanschaffung in diesem Bereich liebaeugeln, sollten bei ihrer Kaufentscheidung an der X-Server-Software und den Digital-Tektronix-Loesungen keinesfalls vorbeisehen.

Dedizierte X-Window-Terminals haben eine Zukunft, doch wird diese wohl eher in wissenschaftlichen und technischen Nischen liegen, wo es in hohem Masse auf gute Grafikfaehigkeiten ankommt, und weniger in gaengigen kommerziellen Anwendungen.

* Jonathan Sheldrake ist freier Journalist in London. Seinen Beitrag uebersetzte Susanne Vogel.