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WWDC: Steve Jobs erklärt Mac OS 9 für tot

07.05.2002
Steve Jobs trug gestern in seiner Keynote zur Apple-Entwicklerkonferenz das klassiche Mac OS zu Grabe. Gleichzeitig präsentierte er "Jaguar", das nächste Major Release von Mac OS X.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Theatralisch fiel Steve Jobs' Einleitung seiner Keynote-Ansprache zur Apple World Wide Developers Conference (WWDC) in San Jose gestern Abend 19 Uhr MESZ aus: Ein Sarg stand auf der Bühne, dem Jobs eine Schachtel mit dem "alten" Betriebssystem Mac OS 9 entnahm. Dieses wurde daraufhin für tot erklärt - zumindest was die Entwickler angeht (dass die Anwender es wohl noch eine Weile verwenden werden, wurde im Verlauf der Ansprache deutlich).

Foto: Macwelt
Foto: Macwelt

Danach appellierte Chefentwickler Avie Tevanian, der schon an der Carnegie Mellon University den Mach-Kernel, heute Grundlage des ansonsten stark an Free BSD orientierten Unix-Fundaments von Mac OS X, aus der Taufe gehoben hatte, an die Entwickler, doch bitteschön ganz wunderbare Anwendungen für die neue Betriebssystemgeneration zu schreiben. Mehr als 3000 Applikationen liegen übrigens laut Apple inzwischen nativ für OS X vor. Die Zahl registrierter Entwickler sei seit Einführung des Betriebssystems im März 2001 um mehr als 100 Prozent gestiegen; 46 Prozent der Developer kämen inzwischen aus der Unix- oder Java-Ecke.

Anschließend ging es vor allem um das nächste Major Release von OS X, das derzeit unter dem Codenamen "Jaguar" gehandelt wird und "Ende des Sommers" auf den Markt kommen soll.

Jaguar, das vermutlich die Versionsnummer 10.2 tragen wird, soll gegenüber der aktuellen Version jede Menge Verbesserungen und Neuerungen bringen. Dazu gehören

ein neuer Finder mit integrierter Suchfunktion, Beschleunigung durch Multithreading und den aus OS 9 bekannten "Spring Loaded Folders";

ein vereinfachter Finder für Kinder;

mehr Kompatibilität mit Windows-Netzen (u.a. VPN über PPTP);

"Sherlock 3" mit integriertem HTML-Rendering zur direkten Anzeige im Web gefundener Seiten;

"Quicktime 6" mit MPEG-4 (falls das bekannte Lizenzierungsdilemma gelöst wird) und AAC-Kompression;

"Quartz Extreme" - die Beschleunigung des PDF-basierten 2D-Grafiklayers vermittels der Hardware. "Damit sind wir 'den anderen' zwei Jahre voraus", prahlte Jobs. Wermutstropfen: Hierfür sind mindestens AGP2X und 32 MB Videospeicher nötig - ältere Macs (und auch aktuelle Portables) schaffen das nicht;

"Universal Access" - allerlei Tools für behinderte Menschen, zum Beispiel Quartz-basierte Bildschirmlupe oder ein "Screen Reader", der Worte unter dem Cursor automatisch vorliest;

"Inkwell" - vom guten alten "Newton" entlehnte Handschrifterkennung für alle Programme, die Texteingaben akzeptieren, bis hin zum Unix-Terminal;

"Rendezvous" alias "ZeroConf", eine Netztechnik für automatische und dynamische Vergabe von Adressen. Klingt irgendwie nach Suns Jini und soll ein offener Standard werden;

ein verbessertes "Mail"-Programm mit Regeln (Spam-Filter) und der Möglichkeit, über mehrere Mailboxen durchsuchen;

"iChat" für AIM-komaptibles Instant Messaging (laut Jobs erstmals mit offiziellem Segen des Online-Riesen);

"Adress Book", integrierte systemweite Datenbankfunktionalität für jede Anwendung, verknüpft mit Bluetooth und LDAP, sowie

Updates im Unix-Unterbau wie FreeBSD 4.4, GCC3-Compiler, CUPS-Druck, Posix-Erweiterungen und IPv6/IPsec.

Ferner kündigte Jobs an, in einer Woche am 14. Mai werde es Neuigkeiten von der Server(-hardware)-Front geben. Gerüchte berichten bereits von einem dedizierten Apple-Server im Rackmount-Formfaktor. (tc)