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Worldcom: Falschbuchungen in Milliardenhöhe

26.06.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der US-Carrier Worldcom hat in seinen Bilanzen Falschbuchungen über 3,85 Milliarden Dollar entdeckt. Als erste Konsequenz feuerte das angeschlagene Unternehmen seinen Finanzchef Scott Sullivan. Ab Freitag will Worldcom außerdem damit beginnen, aus Kostengründen rund 17 000 Mitarbeiter zu entlassen.

Wie sich bei einer firmeninternen Untersuchung herausstellte, wurden operative Kosten als Investitionsausgaben bilanziert. Nach US-GAAP müssen sie jedoch in die Gewinn- und Verlustrechnung aufgenommen werden. Mit dem Schachzug wurde der Eindruck erweckt, dass der Konzern in den vergangenen fünf Quartalen Profite und einen positiven Cashflow erzielt habe. In Wirklichkeit betrug der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) im vergangenen Geschäftsjahr nur 6,3 Milliarden Dollar, der Ebitda-Profit im ersten Quartal 2002 schrumpfte auf 1,37 Milliarden Dollar. Resultat ist ein Nettoverlust in beiden Berichtszeiträumen. Worldcom hingegen hatte für das Geschäftsjahr 2001 ein Plus von 1,4 Milliarden Dollar ausgewiesen. Den Überschuss in den Monaten Januar, Februar und März bezifferte die Company auf 130 Millionen Dollar. Der seit Ende April amtierende Konzernchef John Sidgmore kündigte an, die Ergebnisse sobald wie möglich zu korrigieren.

Nach eigenen Angaben hatte Worldcom die Unregelmäßigkeiten bereits im April entdeckt, kurz nach dem Rücktritt des langjährigen CEO und Firmengründers Bernard Ebbers (Computerwoche online berichtete). Die damals neu beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG befand den Fall als ernst genug, um die US-Börsenaufsicht SEC zu informieren. Unabhängig davon hatte die SEC bereits eigene Nachforschungen bei Worldcom begonnen. Mit der Enthüllung droht dem finanziell stark angeschlagenen Carrier aus Clinton, Mississippi, einmal mehr der Bankrott: Der von der Branchenflaute gebeutelte Konzern steht bei den Gläubigerbanken mit über 30 Milliarden Dollar in der Kreide und verhandelt noch immer erfolglos über einen dringend benötigten Kredit in Höhe von fünf Milliarden Dollar.

Nach einer Herabstufung durch die Investmentbank Salomon Smith Barney hatte die Worldcom-Aktie bereits am Montag die kritische Ein-Dollar-Marke unterschritten (Computerwoche online berichtete). Am gestrigen Mittwoch erreichte die Talfahrt des Papiers mit einem Kurseinbruch von über 60 Prozent auf 35 Cent einen dramatischen Höhepunkt. (mb)