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Worldcom beantragt Gläubigerschutz

22.07.2002
Am Sonntagabend hat der angeschlagene US-Telco Worldcom wie erwartet Insolvenzantrag gestellt - den mit auf 107 Milliarden Dollar bezifferten Vermögenswerten größten der US-Geschichte.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der angeschlagene US-Telecom-Konzern Worldcom hat am Sonntagabend nicht unerwartet beim Konkursgericht für den Southern District of New York Antrag auf Gläubigerschutz gemäß Paragraf elf des US-Konkursrechts gestellt. Der Vorstand hatte dies zuvor auf einer Sitzung am Nachmittag einstimmig beschlossen. Außerdem wurden Nicholas Katzenbach (80), früherer Staatsektretär, Staatsanwalt und Harvard-Rechtsprofessor, sowie Dennis Beresford (64), Buchhaltungsprofessor an der University of Georgia und Ex-Chairman des Financial Accounting Standards Board, als Nachfolger für die geschassten Verwaltungsratsmitglieder Bernie Ebbers (Ex-CEO) und Scott Sullivan (Ex-CFO) berufen.

CEO John Sidgmore glaubt an eine erfolgreiche Sanierung - ob er im Amt bleibt, ist indes ungewiss.
CEO John Sidgmore glaubt an eine erfolgreiche Sanierung - ob er im Amt bleibt, ist indes ungewiss.

Das Unternehmen, mit 35 Milliarden Dollar Jahresumsatz zweitgrößter Carrier und ISP der Vereinigten Staaten, drückt eine Schuldenlast von 41 Milliarden Dollar. Der Insolvenzantrag soll eine umfassende Reorganisation ermöglichen, der operative Betrieb möglichst uneingeschränkt weitergehen. Worldcom und seine Tochter MCI bedienen rund 20 Millionen Verbraucher sowie Tausende Firmenkunden.

Seine Vermögenswerte beziffert Worldcom, das kürzlich durch massiven Bilanzbetrug in die Schlagzeilen geriet, mit 107 Milliarden Dollar. Der Insolvenzantrag ist damit mit Abstand der größte der US-Geschichte. Enron, das zuvor den traurigen Rekord innehatte, kommt auf Aktiva im Wert von 63,4 Milliarden Dollar. Analysten halten allerdings eine Bewertung von Worldcoms Vermögen mit aktuell 15 Milliarden Dollar für realistischer.

Die Liste der Worldcom-Gläubiger, größtenteils Anleihenbesitzer und Kreditgeber, liest sich laut "Wall Street Journal" wie ein Who-is-who der der Wall Street. Allein die J.P. Morgan Trust Co. verwaltet demnach Wechsel im Wert von 17,2 Milliarden Dollar. Bei der Deutschen Bank steht Worlcom mit 241 Millionen Dollar in der Kreide; 203 Millionen schuldet der Konzern ABN Amro. Der Antrag auf Gläubigerschutz bezieht sich übrigens auf Worldcom selbst samt rund 180 US-Töchtern; die Auslandsgesellschaften sind nicht betroffen.

Worldcom will sich von unwichtigeren Aktivitäten trennen und auf sein Kerngeschäft fokussieren, um nach Abschluss des Konkursverfahrens wieder als lebensfähiges Unternehmen dazustehen. "Wenn wir ohne unsere Schuldenlast neu beginnen können, dann können wir eine führende Rolle in der Branche einnehmen", glaubt CEO (Chief Executive Officer) John Sidgmore, der vorerst im Amt bleiben will. Auf Druck der Gläubiger wird ihm vermutlich ein Chief Restructuring Officer unterstellt, um den Umbau des Konzerns in die Wege zu leiten.

Die Schaffung dieses Amtes war eine der Kernvoraussetzungen für die Bereitstellung der Übergangsfinanzierung ("Debtor-in-possession-financing"), die unter ein Konsortium unter Führung von Citigroup sowie aus J.P. Morgan Chase und GE Capital bereitstellen will. Die hier zugesagten zwei Milliarden Dollar, von denen 750 Millionen bereits gesichert sind, muss das Konkursgericht allerdings zunächst genehmigen. Der Überbrückungskredit hätte gegebenenfalls höchste Rückzahlungspriorität vor allen anderen Außenständen.

Ebenfalls ganz oben auf Worldcoms Prioritätenliste steht die Begleichung von Rechnungen so genannter "Critical Trade Vendors", die für die Aufrechterhaltung des operativen Betriebs überlebenswichtig sind. Erste juristische Gefechte könnten hier um den Status der regionalen "Baby-Bell"-Telefongesellschaften drohen, die Worldcom möglicherweise als Versorgungsunternehmen klassifizieren könnte und damit nicht sofort ausbezahlen müsste. Verizon (dem Worldcom 121 Millionen Dollar schuldet), SBC, BellSouth sowie Qwest können sich aber mit gewissem Recht darauf berufen, dass Worldcom ohne Anschluss an ihre Netze gar nicht funktionsfähig wäre.

Ganz am Ende der Konkurs-Futterkette stehen die Kleinaktionäre, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in dem Insolvenzverfahren leer ausgehen werden. Rund drei Milliarden Aktien von Worldcom befinden sich aktuell in Umlauf.

Ex-CEO Bernard Ebbers muss Worldcom noch einen privaten Kredit über 408 Millionen Dollar zurückzahlen.
Ex-CEO Bernard Ebbers muss Worldcom noch einen privaten Kredit über 408 Millionen Dollar zurückzahlen.

Ein wenig ungewiss erscheint die Zukunft von CEO Sidgmore, der offenbar bei einigen Gläubigern auf der Abschussliste steht. Sidgmore hat bislang jegliche Mitwisserschaft an den Bilanzmanipulationen geleugnet. Dennoch könnten ihm seine Nähe zu Amtsvorgänger Ebbers und Finanzchef Scott Sullivan sowie mangelndes Vertrauen in seine Management-Fähigkeit zum Verhängnis werden. Sidgmore selbst glaubt nicht, dass sein Abgang Worldcom nützen würde. "Wenn Sie glauben, dass die Company liquidiert wird, dann wäre das richtig", erklärte der CEO. "Wenn Sie aber glauben, dass wir die Company wieder aufbauen, wäre es genau das Falsche."Kenner erwarten, dass sich Worldcoms Cashflow unter Gläubigerschutz signifikant verbessern könnte und der Konzern einen Großteil des Zwei-Milliarden-DIP-Kredits gar nicht beanspruchen müsste. Unter anderem entfallen die Zahlung von rund 500 Millionen Dollar Zinsen pro Quartal an die Obligationsinhaber.

In seiner Wall-Street-Blütezeit im Sommer 1999 verzeichnete Worldcom eine Marktkapitalisierung von rund 120 Milliarden Dollar. Am vergangenen Freitag sank der Börsenwert auf nur mehr 280 Millionen Dollar - das ist deutlich weniger als die 408 Millionen Dollar, die das Unternehmen Bernie Ebbers als privaten Kredit eingeräumt hatte. Zurückgezahlt hat Ebbers trotz Verkauf seiner kanadischen Ranch (Computerwoche online berichtete) seine Schulden bislang nicht - möglichweise bleibt auch ihm nur eine persönliche Insolvenz (nach Paragraf sieben des Konkursrechts), falls das Konkursgericht das Geld für Worldcom schneller zurückfordert als innerhalb der bislang vereinbarten Fünfjahresfrist. (tc)