Womit booten?

Womit booten? Startprobleme: BHS Corrugated steckt in der NC-Server-Krise

27.03.1998

"Eigentlich brauchen wir nur noch Server, mit denen wir die NCs booten können", konstatiert Elmar Pöpperl, Netzwerkbetreuer bei der BHS Corrugated. "An dieser Stelle hängen wir mit unserer Entwicklung fest."

Das Unternehmen, das im Stammsitz Weiherhammer derzeit 540 Mitarbeiter zählt, fertigt Maschinen zur Herstellung von Wellpappe.Da der Anlagenbauer nach Fernost und in die USA expandiert, müssen in nächster Zukunft etwa zehn Standorte mit der Niederlassung in Weiherhammer vernetzt werden.Dabei setzt das Unternehmen auf den "Standard" und die "universelle Plattform" Intranet, in die sich alle Netze und Applikationen einfügen und von Bayern aus administrieren lassen sollen.

Auch innerhalb der bayerischen Fabrik soll die DV-technische Moderne Einzug halten.In der "Werkstatt" ist eine VAX von Digital Equipment auszumustern, die das PPS-System "Famos" beherbergt.Der Hersteller dieser Produktionsplanung und -Steuerung existiert schon längst nicht mehr, so Pöpperl.

Für ihn ist diese Installation nur noch ein historisches Überbleibsel, das jede Menge Probleme verursacht.Die VAX-Anwendung selbst und die Anbindung erforderte Spezialwissen, das gepflegt werden will."Der Zeit- und Kostenaufwand ist mir zu hoch", so Pöpperl."Erst heute", erzählt der Vielbeschäftigte, "mußte ein Defekt auf einem Produktions-PC behoben werden." Die Aufgabe erwies sich als diffizil, da die PCs via Novell-Netz die VAX-Anwendung ansprechen."Dabei ist es nicht damit getan, einen anderen PC hinzustellen."

Der Einsatz von NCs würde dem fünfköpfigen DV-Team der BHS Corrugated die Arbeit erleichtern.Allein in der "Werkstatt", wie Pöpperl die Produktionsstätte nennt, stehen rund 50 PCs.Für die Wartung der PC-Hard- und Software muß das Mittelstandsunternehmen einen Mann abstellen.

Die PCs dienen unter anderem als Schnittstelle zum Unternehmensnetz, weil sie den Datentransfer zu den CNC-Maschinen regeln.Die entsprechenden Programme werden im Büro erstellt und auf Servern zwischengelagert.Die Aufgabe, die heute fette Clients erledigen, könnten laut Pöpperl gut von NCs übernommen werden, nicht aber von "dummen Terminals".Industrierechner kommen schon gar nicht in Frage, die seien für diese Art der Anwendung einfach zu teuer.

Auch die Produktions-PCs sind zu kostspielig.Sowohl häufige Systemausfälle und aufwendige Administration als auch Hardwarestörungen werden teuer. "Beispielsweise verunreinigt der Metallstaub in unseren Maschinenhallen die Lüfter", führt er aus.Für den Applikationsumfang reichten zudem 468er-Rechner völlig aus, doch diese seien nicht mehr zu bekommen.Pentium-PCs aber erweisen sich als weniger robust.Pöpperl rechnet bei einem Ersatz-PC mit Kosten von 2000 bis 3000 Mark.

Das Endgerät NC verfügt über keine mechanischen Teile wie Lüfter, Festplatten und Controller."Da gibt's eine Platine, einen Monitor, eine Netzverbindung und das war's", so Pöpperl.Fällt dennoch ein Gerät aus, ist es leicht durch ein anderes zu ersetzen, da keine Netz- und Softwarekonfigurationen notwendig werden.

Insgesamt verfügt der Standort Weiherhammer über rund 300 elektronische Arbeitsplätze.Server-seitig sind Unix-, AS/400- und NT-Plattformen im Einsatz. Pöpperl schätzt, daß rund 100 PC-Systeme gegen NCs ausgetauscht werden könnten.

Integrierte Plattform für Informationssystem

Dabei geht es nicht allein um eine kleinere, einfachere Client-Hardware - auch wenn es sehr angenehm ist, wenn in den Büros das Lüftungsrauschen der PCs entfällt, sondern um eine homogenere und wartungsfreundlichere Umgebung sowie um die anwendergemäße Bereitstellung von Unternehmensinformationen.

Das Intranet könne als universelle Plattform die verschiedenen Applikationen, Netz- und Rechnertypen integrieren.Die Informationen und Programme lassen sich zentral administrieren und via Browser adäquat verteilen.Die BHS Corrugated arbeitet an einem Dokumenten-Management- und Informationssystem, an das jeder Arbeitsplatz angeschlossen sein soll.

Bislang etwa werden die Konstruktionszeichnungen auf einem Unix-Rechner erstellt und bleiben auch dort, obwohl die CAD-Informationen auf der PC-Ebene in der Produktion gebraucht würden.Dagegen entstehen etwa die Fertigungsnormen, die ebenfalls verteilt gehörten, auf dem Desktop.Die Heterogenität der Rechnerwelt schafft jede Menge Schnittstellen, die bisher zumindest in den genannten Bereichen nicht überwunden wurden.

So schien angesichts der Vorteile alles klar.Die Firma entschied sich für IBM-NCs, weil der Hersteller im Betrieb "einen guten Stand" hat und weil er die ersten lauffähigen Thin Clients liefern konnte.Doch nun ist der NC-Einsatz gefährdet.Den DV-Spezialisten ist es nicht gelungen, einen funktionierenden Anwendungsverbund zwischen Browser und Server herzustellen.BHS Corrugated probierte NT-Server und die AS/400 sowie die RS/6000 mit dem Betriebssystem AIX 4.1.4 aus."Es funktionierte nicht", so Pöpperl.Die NCs ließen sich nicht vom Server aus booten.Insgesamt erweist es sich für Pöpperl schwierig, an fundierte Informationen zu gelangen, da die IBM die Betreuung des Themas NC an ihre Partner delegiert hat.Das Weiherhammerer Team wollte jedoch nicht auf ein Beratungshaus zurückgreifen.

Modellfabrik

Die DV-Spezialisten der BHS Corrugated gehören zu den Pilgern, die sich durch die Modellfabrik des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), Stuttgart, überzeugen ließen.CeBIT-Besucher erhielten einen Eindruck von der Installation.Aus der Modellan- lage, die mit Gerätschaften aus der Produktion des Sponsors Metabo ausgestattet ist, wurden alle konventionellen Dokumente und Informationsträger von den Arbeitsplätzen verbannt.Statt dessen greifen die Mitarbeiter auf Informationen zu, die ihnen via Browser (Javastations) aus verschiedenen Computerum- gebungen heraus serviert werden.

So lassen sich bei der Endkontrolle im Werkbereich des Modells zusätzlich zu Bildern und Text auch Referenztöne für die Überprüfung der Produkte nutzen. Rufen die Arbeiter Informationen ab, greifen sie dabei auf verschiedene Computerumgebungen zu.

Problem Erstinstallation

Im Prinzip lassen sich NCs von allen Servern aus bedienen, die das Netzprotokoll TCP/IP unterstützen, führt Andreas Neuper aus, bei der Antaris Informations GmbH, Weiden, verantwortlich für den Unix-Bereich.Probleme könne es allerdings bei der Erstinstallation geben, räumt der Fachmann ein.Als Mindestvoraussetzung für die Server-Client-Kommunikation gilt hierbei: Es müssen der Netzservice "Boot-P" und das Basisprotokoll "TFTP" zur Verfügung stehen.Dank dieser Software kann der Server erkennen, welches Gerät im Netz angemeldet ist und somit "bedient" werden muß.

Der Service "Dynamic Host Control Protocol" (DHCP) ermöglicht eine automatische Umsetzung der sechs Byte großen Gerätenummer der NC-Hardware in eine IP-Adresse.Am NC muß nichts konfiguriert werden.

In der Version 4.1.4 des Unix-Betriebssystems AIX zeigen sich beim dynamischen Service DHCP verschiedene Bugs.Umgehen läßt sich das Problem, indem die IP-Adressen händisch in den Server eingegeben werden.Dabei wird den NCs vor dem Einschalten ihre IP-Adressen mitgeteilt.Mit Hilfe von Patches http://www.service.mainz.ibm.com lassen sich die Bugs des 4.1.4-Release beheben.Die Betriebssystem-Updates, etwa 4.1.5 und 4.2.1, weisen laut Neuper diese Bugs nicht mehr auf.OS/400 unterstützt in Version 3.2, 3.7 und 4.1 die Services Boot-P und TFTP.Der Dienst DHCP ist in Release 4.2 berücksichtigt.