Eigene Korrekturen

Wo Forrester bei den Cloud-Prognosen irrte

17.01.2013 | von 
Werner Kurzlechner
Werner Kurzlechner stellt regelmäßig Rechtsurteile vor, die Einfluss auf die tägliche Arbeit von Finanzentscheidern nehmen.
Nur vier ihrer Prognosen zu Cloud Computing vom Vorjahr wurden Wahrheit, stellen Forrester-Analysten fest - und wagen neue Voraussagen, etwa zum Tod von PaaS.
Forrester-Analyst James Staten: "Eine virtualisierte Infrastruktur ist keine Cloud, Folks!“
Forrester-Analyst James Staten: "Eine virtualisierte Infrastruktur ist keine Cloud, Folks!“
Foto: Forrester

Rebellisch, ungehörig, abenteuerlustig, oft genug pseudocool und meistens noch nicht ausgewachsen – für wen gilt das in aller Regel? Richtig, pubertierende Teenager. Passt aber auch irgendwie zum Markt für Cloud Computing, findet James Staten, Analyst bei Forrester Research. „Wie es oft in unseren Teenager-Jahren geschieht, ändern sich unsere Zukunftswünsche rasch mit den Irrungen und Wirrungen des Marktes“, schreibt Staten im Forrester-Blog. Soll heißen: Die Mode ändert sich, auch bei den Dienstleistungen aus der Wolke.

Den Vergleich zwischen der Cloud und unreifen Teenagern zog Forrester bereits vor einem Jahr. Anlass genug für Staten, das Bild jetzt nochmals aufzugreifen und Bilanz über die Entwicklung der Lage im Jahr 2012 zu ziehen. Der aktuell virulenteste Befund: Platform-as-a-Service (PaaS) scheint für sich alleine an Bedeutung zu verlieren. Sowohl Microsoft als auch Google hätten auf Kundenwünsche reagiert und ihr Cloud-Angebot um Infrastructure-as-a-Service (IaaS) ergänzt, so Staten.

Die Entwickler in großen Firmen wollten keine geschlossenen Systeme und auch keinen Ausschluss aus der Konfiguration von Middleware-Plattformen, analysiert Staten weiter. Die Anwender seien offenkundig stärker an einem IaaS-plus-Modell interessiert, in dem eine IaaS-Plattform als Basis um eine Reihe mundgerechter Services ergänzt werde. Möglicherweise stehe tatsächlich der Tod von PaaS im ursprünglichen Sinne bevor, so Staten. Eine harte Prognose will der Analyst daraus zwar nicht machen, überprüft dafür aber die eigenen Voraussagen für 2012. Die Bilanz: Vier Aussagen bewahrheiteten sich, vier entpuppten sich als falsch. Für zwei Prognosen ist das Urteil offen.

Irrtum 1: Forrester war davon ausgegangen, dass die Unterschiede zwischen Cloud Services und traditioneller IT klarer würden. Das sei traurigerweise so nicht eingetreten, konstatiert Staten. Und daran seien nicht die Anbieter Schuld, sondern die I&O-Teams in den Unternehmen. „Eine virtualisierte Infrastruktur ist keine Cloud, Folks!“, stellt Staten klar. Das ändere sich auch nicht, wenn man es den eigenen Entwicklern so zu verkaufen versuche. Self-Service bedeute Self-Service – und zwar ohne Vermittlung durch Help Desk oder I&O-Team. „Sie sollten ihren Entwicklern Autonomie gewähren“, rät Forrester.

Irrtum 2: Teenager überschreiten gerne Grenzen. Forrester fürchtete, dass die auch in der IT der Fall sei. Anlass zur Sorge war vor einem Jahr die wachsende Neigung vieler Firmen, Produktions-Applikationen, intellektuelles Eigentum, Kundendaten und andere kritische Daten in die Cloud verlagern zu wollen. Die Analysten erwarteten schlimme Rechtsfolgen für diese Firmen. Zum Glück sei dies so nicht eingetroffen, schreibt Staten. Aber bei den Verantwortlichen für IT-Sicherheit sollten nach wie vor die Alarmglocken schrillen, wenn derlei sensibles Material in die Public Cloud wandern soll.

Irrtum 3: Vor einem Jahr rechnete Forrester damit, dass konservative Politiker die Freiheit in der Cloud durch paternalistische Eingriffe abschaffen könnten. Der harte Kern der Republikaner im US-Präsidentschaftswahlkampf bereitete diesbezüglich laut Staten ebenso Sorge wie Entwicklungen in der EU und China. 2012 sei es aber am Ende nicht so gekommen, die Gefahr bestünde gleichwohl fort.

Irrtum 4: 90 Prozent der Cloud-Entwickler verfügen neben ihrem Firmen-Account auch noch über einen persönlichen Zugang zu den Clouds ihrer Wahl. Forrester ging davon aus, dass der eine oder andere dieses Instrumentarium für Hackerangriffe oder andere Aktivitäten gegen das eigene Unternehmen missbrauchen könnte. Aber auch das sei bislang nicht eingetreten.

Wahrheit 1: Die Schatten-IT trat tatsächlich verstärkt ans Licht, wie Staten feststellt. Allerdings sei damit einhergegangen, dass die I&O-Abteilungen oft das Cloud Management übernommen hätten, was Forrester nicht unbedingt gutheißt. Außerdem habe erst jedes fünfte Unternehmen interne Cloud-Richtlinien definiert.

Wahrheit 2: Reselling reicht in der Cloud nicht, warnte Forrester Systemintegratoren und IT-Dienstleister. Einige Channel-Partner hätten mittlerweile die benötigten Skills entwickelt, um die Anwender bei Konfiguration, Integration, Monitoring und Ergänzung von Cloud Services für den individuellen Bedarf zu unterstützen. Staten lobt hier die Cloud Brokerage Services von Tata Consultancy Services und Wipro, aber auch die Aktivitäten von Arrow und IngramMicro. Aber noch würden die neuen Pfade zu selten beschritten.

Wahrheit 3: Es gibt einige der vorausgesagten Fortschritte bei der Zertifizierung von Clouds und der Schulung. Neben HP und EMC hebt Forrester hier insbesondere das Cloud Admin Training-Programm von Rackspace hervor. Von Amazon, Google, Microsoft und Salesforce.com komme aber noch zu wenig, ebenso von Hochschulen, Industrieverbänden und privaten Schulungsspezialisten.

Wahrheit 4: Netflix hat unter anderem seine Provisioning- und Load-Balancing-Tools via Open Source zugänglich gemacht. Staten rät Entwicklern, diese Möglichkeiten nun auch zu nutzen.

Offen 1: Die These der Analysten aus dem Vorjahr lautete, dass Anwenderfirmen größere Cloud-Ausfälle wie bei Salesforce.com, AWS und Azure ohne substanziellen Schaden überstehen. Die Message dabei: Die Zuverlässigkeit der Anwendungen sollte nicht den Cloud Providern überlassen werden; dafür hätten die Anwender schon selbst zu sorgen. Weitgehend hätten die Firmen hier ihre Hausaufgaben gemacht, wenngleich das Risiko von Performance-Einbußen immer noch vorhanden sei, so der Forrester-Blogger.

Offen 2: Forrester geht nach wie vor davon aus, dass die Ausgaben für die Public Cloud früher oder später formell budgetiert werden. Das sei zwar immer häufiger der Fall, aber bei weitem noch nicht die Regel.

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag der CW-Schwesterpublikation CIO.de. (mhr)