Wissenslücken kosten Milliarden

Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.
Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren an der IT-Weiterbildung ihrer Mitarbeiter gespart. Experten warnen vor den hohen Folgekosten, die fehlerhafte Softwareimplementierungen und schlampig entwickelte Anwendungen verursachen können.

Hier lesen Sie ...

  • welche Folgekosten fehlende Fortbildung im IT-Sektor nach sich zieht;

  • ob Zertifizierungen das Problem lösen können;

  • warum Firmen über eine kontinuierliche Weiterqualifizierung ihrer IT-Mitarbeiter nachdenken sollten.

Rund 100 Milliarden Euro Schaden haben fehlerhafte IT-Implementierungen in Europa allein im vergangenen Jahr verursacht. Diese alarmierende Zahl haben die British Computer Society und die Royal Academy of Electrical Engineering im Rahmen verschiedener europaweiter Studien ermittelt und jüngst bekannt gegeben. Gleichzeitig seien in den vergangenen beiden Jahren die Investitionen in IT-Trainings und -Zertifizierungen um rund 50 Prozent gesunken - was immense Ausbildungslücken zur Folge habe. Fazit der britischen Marktbeobachter: "Wenn es nicht gelingt, den Wissensstand der britischen Hightech-Profis zu erhöhen, kann dies gravierende Folgen nach sich ziehen."

Declan O'Mahony, Geschäftsführer der Onsite Computer GmbH in Hallbergmoos, ist überzeugt, dass sich die Ergebnisse der britischen Untersuchung auf Deutschland nahezu eins zu eins übertragen lassen. Das IT-Trainingsunternehmen hat zusammen mit dem Marktforschungsinstitut Interrogare jüngst bei deutschen IT-Spezialisten nachgefragt, wie sie ihren Ausbildungsstand beurteilen. O'Mahony: "Die Untersuchung belegt, dass der Ausbildungs- und Zertifizierungsstand der Hightech-Profis große Lücken aufweist. Mehr als 64 Prozent der 517 Befragten bestätigten, dass sie aufgrund von fehlenden Kenntnissen erhebliche Probleme bei der Implementierung von IT-Projekten haben."

Für den Weiterbildungsexperten steht fest, dass mangelhaftes IT-Wissen und vernachlässigte Zertifizierungen ein Grund für die Misere sind. In der Untersuchung gaben nur rund 15 Prozent der Befragten an, dass ihre Zertifizierung auf dem neuesten Stand sei. Besonderen Nachholbedarf sieht Onsite bei dem Zertifikat des Microsoft Certified Systems Engineer (MCSE). 21 Prozent der Befragten gaben zu Protokoll, dass sie dieses Qualitätssiegel nicht besäßen, obwohl es ihre Tätigkeit erfordere.

"Die Nachfrage nach IT-Zertifizierungen ist in den letzten drei Jahren spürbar rückläufig - und das, obwohl die Implementierungsprojekte immer komplexer werden", wundert sich O'Mahony. Seiner Meinung nach sollten die deutschen IT-Chefs sich genau überlegen, welche Gefahren mittelfristig auf ihre Unternehmen zukommen. Der Onsite-Manager: "Häufig betreffen IT-Projekte sensible Bereiche in Unternehmen, da können schadhafte Implementierungen zu massiven Problemen führen."

Weiterbildungsstudien

Nach Schätzungen britischer Marktforscher betrugen die IT-Ausgaben in Großbritannien im Jahr 2003/04 rund 22 Milliarden Pfund. Gleichzeitig ergaben diverse Untersuchungen, dass eine immer größere Anzahl von IT-Projekten fehlschlägt oder wesentlich teurer wurde als geplant. Aufgrund dieser alarmierenden Meldungen befragte die Royal Academy of Engineering (RAEE) gemeinsam mit der British Computer Society (BCS) 70 CIOs, Projekt-Manager und Softwareingenieure nach möglichen Gründen für das Dilemma. Der am häufigsten genannte Grund waren zunehmende Wissenslücken der IT-Profis. Diese Defizite würden verstärkt zu fehlerhaften Implementierungen und sonstigen Schäden führen.

Das Trainingsinstitut Onsite in Hallbergmoos bei München nahm die britische Studie zum Anlass, um gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Interrogare den Kenntnis- und Trainingsstand von IT-Profis weltweit zu untersuchen. Die Marktforscher befragten 517 Unternehmen in 26 Ländern vom Tschad über die Ukraine bis zu den Vereinigten Staaten, ob ihre IT-Spezialisten, Systemingenieure und Administratoren in puncto Ausbildung auf dem neuesten Stand sind. Resultat: 64 Prozent der Hightech-Experten bestätigten, dass sie aufgrund von Wissensdefiziten in ihrem Job teilweise erhebliche Probleme hätten. Dazu gehörten vor allem Fehler bei der Implementierung von IT-Projekten. Diese Aussage gilt auch für die deutschen IT-Profis, die mit 66 Prozent aller Befragten eine relativ große Gruppe darstellen.

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