Gerüchte beschäftigen die Wall Street

Wird Salesforce.com übernommen?

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Nachdem CRM-Marktführer Salesforce.com offenbar Finanzberater angeheuert hat, um Kaufangebote einzuholen, schießen die Spekulationen ins Kraut: IBM, Microsoft, Oracle oder SAP: Wer kann und will sich Salesforce leisten?
Angeblich auf Käufersuche: Marc Benioff, CEO von Salesforce.com
Angeblich auf Käufersuche: Marc Benioff, CEO von Salesforce.com
Foto: Thomas Cloer

Peanuts sind es wahrlich nicht, die für den Cloud- und CRM-Pionier Salesforce.com zu berappen wären: Das Unternehmen bringt derzeit einen Börsenwert von ungefähr 45 Milliarden Dollar auf die Waage, so dass der Kaufpreis sich wohl auf 50 Milliarden Dollar und mehr belaufen würde. Das schränkt den Kreis der in Frage kommenden Kandidaten ein: Microsoft und IBM gehören dazu, sicher auch Oracle und SAP. Doch kein Hersteller hat sich bislang aus der Deckung gewagt.

Die US-Nachrichtenagentur "Bloomberg" hatte mit Bezug auf anonyme Insider berichtet, Salesforce habe Finanzberater beauftragt, Kaufangebote einzuholen. Sollte es dazu kommen, wäre das für den Käufer ein finanzielles Wagnis. Es wäre aber auch die einmalige Chance, ganz weit in den Zukunftsmarkt des Cloud Computing vorzudringen.

Die Agentur spekuliert, Oracle sei der wahrscheinlichste Käufer, da Gründer Larry Ellison Marktanteile im Cloud-Business suche und zudem tiefe Taschen habe. Außerdem sei Salesforce-Chef Marc Benioff ein Ex-Oracle-Manager und habe seine Anwendungen auf Oracles-Datenbanktechnologie aufgebaut. Doch Oracle Co-CEO Safra Catz wiegelte in einem Gespräch mit "SFgate" ab: Ihr sei es lieber, wenn ein anderer Salesforce kaufe. Das werde zu Unruhe im Markt führen, von der Oracle profitieren könne. Beobachter schließen allerdings nicht aus, dass Catz blufft.

Microsoft - ein heißer Kandidat

Mehr Konsens unter Analysten kommt bezüglich Microsoft auf. CEO Satya Nadella verfolge die Strategie "Mobile First, Cloud First". Zudem seien sich Salesforce-CEO Marc Benioff und Nadella zuletzt näher gekommen - am Vorabend von Microsofts Build-Konferenz in San Francisco (siehe Seite 22) gab es sogar ein gemeinsames Dinner. Ende letzten Jahres hatten die Anbieter auf der Salesforce-Hausmesse Dreamforce eine strategische Partnerschaft angekündigt, die eine enge Integration der Salesforce-Tools mit Microsofts Windows- und Office-365-Welt zur Folge haben soll. "Bloomberg" schrieb nun, Microsoft erwäge ein konkretes Gebot.

"Wir haben null Interesse an Salesforce.com"

Naturgemäß ist auch die weltweite Nummer zwei im CRM-Markt, die SAP AG, im Gespräch. Doch die Walldorfer dementierten: SAP habe nie erwogen, Salesforce.com zu kaufen. Vorstandssprecher Bill McDermott sagte ganz unmissverständlich auf der gegenwärtig laufenden Hausmesse Sapphire in Orlando: "Wir haben null Interesse an Salesforce.com". Schon im Februar 2015 hatte der CEO gegenüber dem "Wall Street Journal" erklärt, man habe durch organisches Wachstum und Zukäufe von Anbietern wie Concur (Reise-Managment), Ariba (Procurement) und SuccessFactors (Talent-Management) ein Cloud-Portfolio beisammen, mit dem man erfolgreich sein könne. Größere Akquisitionen seien nicht zu erwarten.

Big Blue würde sich womöglich verheben

Auch IBM gilt als Interessent, wenngleich das "Wall Street Jornal" darauf verweist, dass Big Blue zwar ein starkes Kredit-Rating, aber anders als Oracle und Microsoft keine so großen Cash-Reserven und zudem hohe langfristigen Verbindlichkeiten habe. Ansonsten würde Salesforce.com aber in die Strategie von CEO Virginia Rometty passen, die den Konzern derzeit rund um die Cloud neu erfindet und Milliardenbeträge in Data Centers, Software und Services investiert.

IBMs Strategie im Bereich der Anwendungen bestand bisher aber eher darin, bestehende Industrielösungen etwa für Banken oder den Handel zu "cloudifizieren" und im As-a-Service-Modell anzubieten. Trotzdem könnte eine Übernahme angesichts der CRM-Marktführerschaft von Salesforce (laut Gartner 16 Prozent Marktanteil) sinnvoll sein. Zudem sei das Salesforce-Portfolio mit den zugekauften Anbietern ExactTarget, BuddyMedia und RelateIQ attraktiv.