EMC-Chefin Bendiek im CW-Interview

"Wir stehen für den Weg in die Cloud"

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Im CW-Interview wirbt Deutschland-Chefin Sabine Bendiek für EMCs Cloud-Strategie und erklärt, wie der Speicherriese mit Big Data Geld verdienen will.

CW: Seit 2003 hat EMC mehr als 60 Unternehmen aus so unterschiedlichen Marktsegmenten wie Dokumenten-Management, Virtualisierung, Sicherheit oder Datenanalyse übernommen. Wofür steht EMC heute?

„IT-Mitarbeiter müssen anfangen, in Services zu denken.“ Sabine Bendiek, EMC Deutschland
„IT-Mitarbeiter müssen anfangen, in Services zu denken.“ Sabine Bendiek, EMC Deutschland
Foto: EMC

BENDIEK: Wir sind eine Technologiefirma mit der Mission, Daten möglichst effizient zu speichern, zu sichern und zu managen. Über den Management-Aspekt findet man auch schnell zum Thema Virtualisierung. EMC kommt ja klassisch aus dem Rechenzentrum. Dort gibt es Compute-, Storage- und Netzfunktionen. In den letzten Jahren haben wir uns auf die Compute-Funktion, sprich die Server-Virtualisierung, konzentriert. Jetzt gehen wir massiv die Virtualisierung von Storage-Ressourcen an. Das ist übrigens auch ein wichtiges Thema auf dem Weg in die Cloud.

CW: Auf der EMC World im Mai hat CEO Joseph Tucci einmal mehr das Thema Hybrid Cloud in den Mittelpunkt gestellt. Fragt man deutsche IT-Verantwortliche nach einschlägigen Projekten oder Plänen, kommt überraschend wenig Konkretes. Woran liegt das?

BENDIEK: In vielen Fällen spielt die Frage nach der Datensicherheit eine entscheidende Rolle. Man sollte sich in Erinnerung rufen, warum Unternehmen überhaupt an Cloud-Konzepten interessiert sind: Sie versprechen sich eine höhere Flexibilität, mehr Effizienz und Agilität. Geht es nun um die Public Cloud, stellen sich viele zunächst die Frage: Wie viel Komplexität und vielleicht auch Sicherheitsrisiken handele ich mir damit ein?
In der Praxis ist es doch so, dass etliche Services aus der Public Cloud ohnehin schon an der IT-Abteilung vorbei beschafft oder einfach genutzt werden. Das bedeutet, dass die interne IT-Abteilung im Wettbewerb mit externen Angeboten steht. IT ist kein Monopol mehr.

CW: Trotzdem dreht es sich meistens um eine Private Cloud, wenn Unternehmen hierzulande Cloud-Pläne verfolgen. Wie wichtig ist das Thema für EMC-Kunden?

BENDIEK: Alle unsere Enterprise-Kunden haben zumindest in einzelnen Bereichen begonnen, Private-Cloud-Konzepte zu implementieren. Wir empfehlen Unternehmen ausdrücklich, nicht mit dem großen Plan für das ganze Rechenzentrum einzusteigen. Sinnvoll ist es nach unserer Erfahrung, mit einem umgrenzten Bereich wie zum Beispiel Engineering oder Produktentwicklung in der Automobilindustrie zu beginnen, wo es etwa darauf ankommt, IT-Dienste schneller als bisher zur Verfügung zu stellen.

CW: Kommen in solchen Fällen auch Public-Cloud-Komponenten in Betracht?

BENDIEK: Das sind klassische Private-Cloud-Projekte, weil die Daten in der Regel sehr sensibel sind. Häufig stellen Kunden so ein Vorhaben zunächst neben die normale Aufbauorganisation, was wir ebenfalls empfehlen. Ein wichtiger Teil des Weges in die Cloud besteht ja darin, zu prüfen, inwieweit sich die Organisation im Rechenzentrum verändern muss. Die Entwicklung geht dann weg von den funktionalen Spezialisten, die beispielsweise nur für das Netz oder die Speicher zuständig sind. Unternehmen brauchen stattdessen das Profil eines Cloud-Architekten, der all diese Themen verbinden kann und den Überblick über sämtliche IT-Dienste hat. Die IT-Mitarbeiter müssen anfangen, in Services zu denken statt in Kategorien wie meine Datenbank, mein Storage, mein Netz.

CW: Wie kann EMC da helfen?

BENDIEK: Wir bieten diverse Schulungsprogramme an, darunter das "Cloud Architect Acceleration Program". Es basiert auch auf unseren eigenen Erfahrungen mit Cloud-Konzepten. Wir hatten um 2008 ja das gleiche Problem wie viele unserer Kunden. Der Platz in unseren Rechenzentren wurde immer knapper, wir sind mit der Komplexität nicht mehr zurechtgekommen, hatten Probleme mit der Klimatisierung und vieles mehr. Vor diesem Hintergrund haben wir sehr konsequent eine Private Cloud umgesetzt und dabei alle proprietären Systeme ausgemustert. Gelernt haben wir dabei, dass Technologie nur eine kleine Etappe auf dem Weg in die Cloud ist. Die weitaus größere betrifft etwa das Produkt-Management, sprich: Welche Services brauchen die Anwender eigentlich? Wie sind diese zu bepreisen und abzurechnen? Und schließlich: Welche Organisation und welche Fähigkeiten sind notwendig? 80 Prozent der Rollen in unserer IT haben sich im Zuge der Cloud-Umstellung verändert.

CW: Sie sagen, alle Ihre Kunden haben zumindest Pläne für eine Private Cloud in der Schublade. Wie steht es mit echten Hybrid-Cloud-Vorhaben, in denen Private- und Public-Elemente verknüpft werden?

BENDIEK: Es gibt Kunden, die erste Piloten machen und auf diesem Feld experimentieren. Produktive Hybrid-Cloud-Implementierungen sind aber zumindest in Deutschland noch die Ausnahme.

CW: Zurück zu Ihrem Kerngeschäft. Infrastrukturkomponenten für die Cloud wie Storage-Systeme und Virtualisierungstechniken offerieren heute viele Hersteller. Was unterscheidet EMC von anderen Anbietern?

BENDIEK: Zum einen unser Anspruch, immer Leading-Edge-Technik in unseren Marksegmenten zu offerieren. Wir investieren jedes Jahr mehr als zehn Prozent des Konzernumsatzes in Forschung und Entwicklung. Das waren 2011 rund zwei Milliarden Dollar. Hinzu kommen die diversen Übernahmen, wo es häufig darum geht, Technologie zu erwerben. Zum anderen wollen unsere Mitbewerber neben dem Produkt- und Beratungsgeschäft auch als Provider agieren. Wir haben uns klar entschieden, dass wir kein Service-Provider sein wollen. Unsere Mitbewerber sind im Prinzip hybrid ausgerichtet und wollen neben dem Produkt- und Beratungsgeschäft auch als Provider agieren.

CW: Sie sehen sich ausschließlich als Enabler für die Cloud?

BENDIEK: Richtig. Wir liefern die Infrastruktur. Und wir haben uns stark dem Thema Virtualisierung verschrieben. Hier waren wir der Wegbereiter und sehen uns auch als Visionär in Richtung eines Software-defined Data Center. Ein weiterer wichtiger Punkt im Vergleich zu unseren Konkurrenten ist, dass wir selbst für diese "Journey to the Cloud" stehen. Wir glauben zutiefst daran, dass dies die nächste große Transformationswelle bringt.

CW: Big Data ist ein weiteres Schlüsselthema, das sich EMC auf die Fahnen geschrieben hat. Mit der Übernahme von Greenplum im Jahr 2010 haben Sie sich Data-Warehousing- und Analytics-Technik ins Haus geholt. Welche Rolle wollen Sie in diesem Markt spielen?

BENDIEK: Zunächst geht es natürlich um die Rolle als Infrastrukturanbieter. Wir liefern Kunden die Plattform. Es gibt hier aber unterschiedliche Paradigmen. Man kann die Technologie einfach auf den Markt werfen und versuchen, sie dem Kunden um den Hals zu hängen. Wir sind uns nicht sicher, ob so etwas erfolgversprechend ist. Big Data bringt viele Veränderungen in den Unternehmen mit sich. Dazu braucht es ausgewiesene Experten wie etwa Data Scientists, die wir ausbilden und auch für Kunden bereithalten. In der Praxis geht es beispielsweise darum, in den Unternehmen die Use Cases für Big Data zu erarbeiten. Erst auf dieser Basis lassen sich die Gesamtkosten vernünftig kalkulieren.

CW: Welche Qualifikationen muss ein Data Scientist mitbringen?

BENDIEK: Er braucht klassischerweise eine mathematisch-naturwissenschaftliche Universitätsausbildung. Und er darf nicht alleine im stillen Kämmerlein sitzen, sondern muss in der Lage sein, mit Menschen zu diskutieren.
Im Gegensatz zu Business Intelligence, wo die zu stellenden Fragen schon feststehen, muss man diese in Big-Data-Vorhaben häufig zuerst einmal herausfinden. Sonst lässt sich kein Nutzen aus den Datenbergen ziehen. Data Scientists müssen dabei unterstützen können.

CW: Wie weit sind die Unternehmen mit dem Thema Big Data?

BENDIEK: Wir befinden uns in einem sehr frühen Stadium. In den Gesprächen, die ich mit CIOs deutscher Unternehmen geführt habe, stellte sich heraus, dass alle das Thema Big Data zumindest zu ihren drei vordringlichsten Prioritäten führen. Der Anteil derer, die Big-Data-Umgebungen produktiv einsetzen, liegt nach meiner Einschätzung im unteren einstelligen Prozentbereich.

CW: Zu den strategischen Prioritäten von EMC gehört die enge Integration der diversen Hardware- und Softwareprodukte im Portfolio, die ja häufig aus Zukäufen stammen. Wie weit sind Sie noch von diesem Ziel entfernt?

BENDIEK: Wir haben heute beispielsweise rund 60 Integrationspunkte zwischen unseren Hardwaresystemen und VMwares Virtualisierungsprodukten. So weit ist keiner unserer Konkurrenten. Natürlich gibt es da aber viele Detailthemen.

CW: Strategische Zukäufe wird es auch künftig geben. In welchen Bereichen will sich EMC verstärken?

BENDIEK: Zum einen werden wir weiter in das Feld Virtualisierung investieren. Das zweite große Thema ist Security, das dritte Big Data.