CeBIT-Chef Oliver Frese

"Wir müssen die Chance der Digitalisierung begreifen"

13.03.2016
Am Sonntagnachmittag vor der Messeeröffnung machte CeBIT-Chef Oliver Frese deutlich, dass es bei der Digitalisierung um nicht weniger als die Zukunft der deutschen, mittelständisch geprägten Wirtschaft gehe. Dort spielt das gute alte Fax immer noch eine Hauptrolle.

Gemeinsam mit Bernhard Rohleder, dem Hauptgeschäftsführer des ITK-Branchenverbands Bitkom, bemühte sich Frese, die Bedeutung der digitalen Transformation herauszuarbeiten. Auch die CeBIT selbst, so beteuerte Frese, habe sich gehäutet: "Die CeBIT löst sich vom Terminus Computer- oder IT-Messe. Jetzt geht es um die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft." In den Hannoveraner Messehallen gebe es die einmalige Chance für Unternehmen, die Bedeutung der digitalen Transformation für den eigenen Betrieb und die eigene Branche zu verstehen.

Kommuniziert wird immer noch via Fax

Für Oliver Frese, CeBIT-Vorstand der Deutsche Messe, geht es nicht um digitalisierte Prozesse, sondern um digitale Geschäftsmodelle.
Für Oliver Frese, CeBIT-Vorstand der Deutsche Messe, geht es nicht um digitalisierte Prozesse, sondern um digitale Geschäftsmodelle.
Foto: Deutsche Messe

Dass es diesbezüglich gerade im deutschen Mittelstand noch Nachholbedarf gibt, verdeutlichte Bitkom-Sprecher Rohleder. Einer Untersuchung seines Verbands zufolge kommunizieren immer noch 79 Prozent der Unternehmen via Fax. Höher ist mit jeweils 100 Prozent nur der Wert für Festnetz-Telefonie und E-Mail. Online-Meetings und Videokonferenzen nehmen nur 40 Prozent der 1108 Befragten häufig oder sehr häufig in Anspruch, Soziale Netzwerke seien lediglich in einer kleinen Nische wirklich angekommen.

Das Fax liegt immer noch erstaunlich hoch in der Gunst deutscher Anwender.
Das Fax liegt immer noch erstaunlich hoch in der Gunst deutscher Anwender.

Besonders problematisch aus Sicht des Bitkom-Sprechers: Lediglich 58 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass sie über die richtigen Mitarbeiter verfügen, um die Digitalisierung voranzutreiben. Dabei stehe mehr auf dem Spiel als nur das Etablieren digitalisierter Geschäftsprozesse. "Es geht um völlig neue Geschäftsmodelle und die Frage, wer etwa in der datengetriebenen Plattformökonomie die Führung übernimmt." Dies sei eine Kernaufgabe für Vorstände und Geschäftsführungen.

Viele Topmanager werden erwartet

Entsprechend erfreut zeigte sich CeBIT-Chef Frese, dass in diesem Jahr besonders viele dieser Topentscheider für die CeBIT angemeldet seien. Mehr als 2000 Vorstände und Geschäftsführer der höchsten Führungsebene würden erwartet, die Digitalisierung sei nun mal "Chefsache".

CeBIT-Chef Oliver Frese (Mitte) will auf der Mese digitale Geschäftsmodelle erlebbar machen. An seiner Seite: Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder (rechts) und Bitkom-Pressesprecher Andreas Streim (links).
CeBIT-Chef Oliver Frese (Mitte) will auf der Mese digitale Geschäftsmodelle erlebbar machen. An seiner Seite: Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder (rechts) und Bitkom-Pressesprecher Andreas Streim (links).
Foto: Bitkom

Frese nahm zudem Stellung zu den Highlights, die Messebesucher in diesem Jahr zu erwarten hätten. In Halle 11 etwa sammeln sich unter dem Motto "Scale 11" mehr als 300 Startups aus Ländern rund um den Globus, die sich über eine Vernetzung mit anderen IT-Unternehmen und natürlich über neue Kunden freuten. Wer sich für Drohnen interessiert, kommt zudem in Halle 16 auf seine Kosten, wo relativ kurzfristig die "Dronemasters Expo" ausgetragen wird.

Oettinger trommelt für digitalen Binnenmarkt

Politisch soll von der Messe ebenfalls ein Signal ausgehen: Der EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Günther Oettinger, will im Rahmen einer Europa-Konferenz auf der CeBIT den "digitalen Binnenmarkt" auf den Weg bringen. Dort werden Themen wie Plattformen, Standardisierung und Breitbandnetze im Mittelpunkt stehen. In einer Grundsatzrede am ersten Messetag will Oettinger die die Chancen und Herausforderungen Europas beleuchten und einen Ausblick auf die Umsetzung einer entsprechenden EU-Strategie geben.

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"2016 ist das Jahr, in dem wir liefern", hatte Oettinger im Vorfeld der Messe vor der Presse gesagt. "Wir werden in den nächsten Monaten eine ganze Reihe von Gesetzesvorschlägen zur Verwirklichung des digitalen Binnenmarkts vorlegen. 2015 war unsere Arbeit weitgehend von der strategischen Planung und Vorbereitung geprägt. Bis zum Ende des laufenden Jahres lösen wir unser Versprechen ein, die Initiativen auf den Weg zu bringen, die Europa im digitalen Wettbewerb voranbringen."

Welcome Night statt Eröffnungsfeier

Für die CeBIT 2016 ist auch die "Welcome Night" am Montagabend etwas Neues. In den Jahren zuvor hatte es stets eine feierliche Messeeröffnung in Hannovers Kongresszentrum gegeben, an der die Bundeskanzlerin, das Staatsoberhaupt des Gastlandes und viel Prominenz aus Politik und Wirtschaft teilgenommen hatten. In diesem Jahr findet diese Eröffnungsfeier erstmals auf dem Messegelände statt.

Foto: Bitkom

Sigmar Gabriel, der deutsche Wirtschaftsminister, hat sich angesagt, ebenso der Bundespräsident des Gastlandes Schweiz Johann Schneider-Ammann. Außerdem wird der in Wirtschaftskreisen allseits bekannte Schweizer Unternehmer Nicolas Hayek, Gründer der Swatch Group, sprechen. Man darf gespannt sein, was er zur Digitalisierung in seiner Branche, die ja unter anderem von der Apple SmartWatch kalt erwischt wurde, zu sagen hat.

Merkel kommt am Dienstag

Am Dienstag dann wird es den traditionellen Messerundgang mit Bundeskanzlerin Angela Merkel geben. Im Kreise der IT-Hersteller fühlt sich die studierte Physikerin traditionell wohl, zumal vom Branchenverband Bitkom durchaus Unterstützung für Merkels Flüchtlingspolitik kommt. Merkel hat die Digitalisierung der deutschen Leitindustrien als eines ihrer Kernthemen weit oben auf der persönlichen Regierungsagenda stehen.

Salesforce World Tour als Highlight

Ein Highlight aus Sicht von Messechef Frese ist zudem die "Salesforce World Tour", die erstmals Station auf der CeBIT macht. In den Hallen 19 und 20 soll es ein Nonstop-Programm mit Keynotes, Vorträgen und, Live-Demos und Best Practices rund um die CRM-Lösungen von Salesforce und die Digitalisierung insgesamt geben. Frese sprach von einem "neuen Wind für die CeBIT", die nun auch die wichtigste Cloud-Messer der Welt sei - zumal mit Amazon Web Services, SAP, Software AG, Microsoft und anderen jede Menge potente Anbieter vor Ort seien.

Foto: Bitkom

Bitkom-Geschäftsführer Rohleder nutzt die Gelegenheit, um vor der Presse noch einmal den Fachkräftemangel anzusprechen. Insbesondere kleinen Betrieben fehle es an qualifizierten IT-Experten, mit denen sich die Digitalisierung vorantreiben lasse. Nach dem Pisa-Schock habe es für eine Weile so ausgesehen, als sei das Problem erkannt worden. Doch noch immer kämen zu wenige Nachwuchskräfte in den Unternehmen an.

 

Dieter

Digitalisierung um jeden Preis ist nicht zielführend. Das Erstaunen darüber, dass nach wie vor zu einem großen Teil noch immer per Fax kommuniziert wird, lässt ausser acht, dass in vielen Unternehmen bereits papierlose Faxlösungen eingesetzt werden. Videokonferenzen mögen zwar in vielerlei Hinsicht ein probates Mittel sein, um Meetings abzuhalten und Teilnehmer aus den verschiedensten Lokationen an einen Tisch zu bringen; jedoch ersetzt kein Videomeeting den (leider immer mehr vernachlässigten) Kontakt mit den jeweiligen Partner von Mensch zu Mensch. Dies sollte trotz aller Unkenrufe zum Trotz niemals aus den Augen gelassen werden.

Auch die vermeintlich zu wenig genutzte Kommunikation via sozialem Netzwerk stellt nicht zwingend ein Manko dar. Zu viele Informationen werden bereits gutgläubig in fremde Hände gegeben (siehe der Cloud-Wahn) und es besteht überhaupt keinerlei Anlass, kommerzielle Kontakte z.B. über Facebook zu pflegen. Da würde ich einem seriösen Mailanbieter mehr Vertrauen schenken, als dem auf schieren Profit ausgerichteten Facebook.

Es kann nicht zielführend und zukunftsträchtig sein, dass wir die Kontrolle über unser Leben - sei es privat oder geschäftlich - immer mehr voller Vertrauen in die Hände von Konzernen geben und tatsächlich allen Ernstes glauben, dort seien unsere Daten gut aufgehoben. Sicherlich gibt es Ausnahmen, aber Facebook zum Beispiel würde ich zumindest für die kommerzielle Nutzung niemals als einen seriösen Partner und ebensowenig als eine solche Plattform ansehen und nutzen.

Wir treiben den digitalen Wahnsinn so weit, dass wir eines Tages auf Gedeih und Verderb von einem Kabel abhängig sind (oer einem anderen Verbindungsmedium zur Aussenwelt), ohne das wir nackt da stehen, ohne autark bestehen zu können!

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