Wir machen Verluste im vierten Quartal, aber wir machen keinen Verlust über das gesamte Geschäftsjahr

05.07.1985

Mit Dieter Basziszta, dem Geschäftsführer der Wang Deutschland GmbH in Frankfurt sprach CW-Redakteurin Dr. Claudia Marwede-Dengg

- Auf der Hannover-Messe hieß es von Wang, außer IBM bleiben über kurz oder lang nur noch vier bis sechs wesentliche Anbieter - in der Größenordnung zwischen 20 und 30 Milliarden Dollar Umsatz - übrig, natürlich zählten Sie sich auch dazu. Bleiben Sie angesichts der zu erwartenden Verluste zum 30. Juni bei dieser Aussage?

Erstens: Wir bleiben bei der Aussage. Zweitens: Verluste muß man differenziert sehen. Wir machen Verluste im vierten Quartal, wir machen aber keinen Verlust über das gesamte Geschäftsjahr.

- Gut, aber die Zahlen, die in der Wirtschaftspresse gehandelt werden bewegten sich vor Steuern um die 70 Millionen und nach Steuern zwischen 55 und 65 Millionen Dollar.

Das kann sich nur auf das vierte Quartal beziehen. Wir erwarten für das Fiskaljahr 1985 eine Umsatzsteigerung zwischen sieben und acht Prozent und etwa die Hälfte des Gewinns vom letzten Jahr. Das ist keine offizielle Zahl, sondern eine momentane Annahme. Der Gewinn dürfte um die 100 Millionen Dollar liegen.

- Das ist aber, in Prozenten ausgedruckt, ein ganz erheblicher Rückgang.

Ein Teil des Problems ist natürlich auch daß wir als amerikanisches Unternehmen in Dollar bilanzieren und quartalsmäßig die Bilanz veröffentlichen. Das internationale Geschäft ist sehr positiv verlaufen im Unterschied zu den USA, da begann der Einbruch. In Europa rechnen wir bis Ende des Monats mit einem Wachstum von etwa 30 Prozent über das gesamte Geschäftsjahr. Wir in der Bundesrepublik liegen mit über 30 Prozent an vorderster Front.

- Wieviel tragen die europäischen Töchter zum Gesamtumsatz von Wang bei?

Zwischen 15 und 20 Prozent. Die zwei größten Auslandstöchter sind England und die Bundesrepublik, nimmt man Frankreich noch dazu, so machen diese drei 40 Prozent des gesamteuropäischen Umsatzes.

- Die deutsche Wang betont ja immer wieder den Unterschied zu den USA. Sie erwarten aber offenbar eine wesentliche Verbesserung des Geschäftsklimas in den Staaten erst im Fiskaljahr 1986.

Ja, es ist natürlich klar, wenn Sie die Umsätze der europäischen Tochtergesellschaften in Dollar umrechnen, daß wir das ursprünglich geplante Dollarziel nicht erreichen. Unser Budget in Deutschland beispielsweise wurde auf einem Dollarkurs von 2,79 Mark erstellt, derzeit bewegt sich aber der Dollar bei rund 3 Mark.

- Worauf stützt sich die Prognose, daß es auf dem US-Markt 1986 wieder aufwärts geht? Ist das Zweckoptimismus?

Eines der Probleme bei Wang - das höre ich drüben immer wieder - sind die Produktverzögerungen die zu Buche schlagen. Wir glauben, daß wir die Probleme, die wir damit haben, im Laufe des ersten Quartals in den Griff bekommen haben werden, und dann die Produkte, die angekündigt worden sind, auch tatsächlich liefern, Zum Beispiel Wang Office, das in den Staaten als Non-Network-Version schon verfügbar ist. Es hat wenig Sinn, dieses Produkt in der Bundesrepublik auf den Markt zu bringen, weil die Netzwerke hier sehr viel mehr verbreitet sind als in den USA. Deswegen ergibt sich hier noch eine Verzögerung. Sicher ist es so, daß einige unserer Kunden etwas ungeduldig sind und auf dieses Produkt dringend warten.

- Wie wollen Sie das auffangen?

Wenn Sie sehen, was dieses Jahr und im Laufe der letzten zwölf Monate passiert ist: Nixdorf hat sich mit dem 88 BK zurückgezogen und dadurch ein Vakuum hinterlassen, DEC hat, glaube ich, mit dem ALL-In-1 gute Fortschritte gemacht und wir sind etwas im Rückstand. Wie wir das auffangen: Wir haben in Deutschland nicht so viel darüber geredet, sondern haben Produkte verkauft, deutsche Produkte mit deutsche Software in erster Linie, und sind dadurch etwas unabhängiger geworden.

- Aber grundsätzlich bleibt doch - das gilt nicht nur für Wang, sondern auch für alle übrigen Niederlassungen von US-Herstellern in Europa - daß die Töchter einerseits erfolgreich operieren, sich aber andererseits diesem Sog, der aus den Staaten kommt, nicht entziehen können.

Da ist schon was Wahres dran ...

- Wenn man den Umsatz von Wang Deutschland - 210 Millionen Mark - mit dem Umsatz in den USA - 2,4 Milliarden Dollar im letzten Geschäftsjahr - vergleicht, stellt sich die Frage, wie relevant der Beitrag ist, den ein europäisches Tochterunternehmen zur Aufbesserung der US-Bilanz leisten kann?

Das ist schwer, da wir ein reines Vertriebsunternehmen sind. Wenn Sie unsere Kostenstruktur ansehen, erkennen Sie, daß 75 Prozent unserer Kosten personalabhängig sind. Ich kann nur wiederholen: Einer der wesentlichsten Gründe ist der Dollar, der meiner Meinung nach völlig überbewertet ist. Dadurch stellt sich die Situation für uns natürlich ungünstig dar, weil wir Probleme haben, die Ertragsschwelle zu halten.

- Wie sicher - aus der Sicht der Kunden - ist eigentlich, daß es bei weiterhin schlechter Ertragslage nicht auch in Europa zu Auswirkungen auf die Personalstruktur kommt und Wang USA sagt, jetzt müssen wir auch in Europa anfangen zu sparen?

Unabhängig sind wir natürlich nicht, jede multinationale US-Unternehmung hat ja ein sehr ausgefeiltes Berichtssystem. Wir sind sicher sehr viel vorsichtiger bei den Neueinstellungen, um nicht unvorbereitet getroffen zu werden, wenn sich die amerikanische Flaute auf Europa übertragen sollte. Insofern sind wir davon betroffen. Ich meine, es ist sicher auch kein Geheimnis, daß bei einem Umsatzwachstum in den letzten fünf Jahren von durchschnittlich 46 Prozent eine ganze Menge Leute eingestellt worden sind, die Dinge tun, die nicht ganz so wichtig sind. Wir müssen uns also verstärkt bemühen, diese Redundanzen abzubauen.

- Das haben Sie ja auch auf der Hannover-Messe anklingen lassen.

Ich sage jetzt nicht, daß wir Leute freistellen werden, sondern versuchen, sie in andere uns sinnvoller erscheinende Positionen zu bringen.

- Wie das in den USA ja schon im großen Stil passiert ist . . .

Nun, ich bin schon der Ansicht, daß wir das etwas anders machen als die Amerikaner.

- Dann war diese Redundanz offenbar in den Staaten wesentlich stärker als hier?

Zwangsläufig.

- Kommen wir zu den Strategien von Wang. Sie sagten bereits, daß Sie Anfang 1986 eine Reihe angekündigter Produkte ausliefern. Im Bereich Kommunikation gab es neulich ein umfangreiches Announcement in Richtung SNA-Anbindung und dann war auch die Rede von internationalen Standards. Es fällt aber auf, daß OSI bei Wang wohl noch keine große Rolle spielt. Man hat bisher noch nicht klar gesagt, wir gehen jetzt den OSI-Weg, wie das gerade eben zum Beispiel DEC gemacht hat.

Ich meine, daß OSI ein ganz wichtiges Thema für uns ist. ISDN und OSI "is the name of the game". Es sieht so aus, daß wir uns da als Europäer langsam durchsetzen. Mehr und mehr akzeptieren die Amerikaner, daß die Europäer weiter sind, wenn es um Netzwerke geht. Ich würde sagen, das hat auch die Entwicklungsabteilung von Wang eingesehen. Wir haben eine sehr viel größere Bereitschaft des Zuhörens gefunden. Beispielsweise werden regelmäßig einmal im Quartal einige Leute aus unserem Produkt-Marketing angehört, die dort unsere Wünsche vortragen sowie den Fortschritt bei der Entwicklung überprüfen.

- Hat sich da im Vergleich zu früheren Zeiten etwas geändert?

Ja, mit Sicherheit, das begann eigentlich schon mit der Ergonomie-Thematik, das war in den USA kein Thema, hier aber sehr wohl. Wir waren dabei in vorderster Front und mußten zwangsläufig den deutschen ergonomischen Vorstellungen entsprechend unserer Produkte gestalten. Das war nicht immer einfach, zumal die neuen Leute, die in den USA eingestellt wurden, nicht immer gleich verstanden, wovon wir redeten. Aber nachdem wir nicht ganz unerfolgreich sind, das ist dabei immer wichtig, wird in zunehmendem Maße auf uns gehört und das schlägt sich natürlich in Form von Produkten und Neuorientierungen nieder. Wir haben in Europa auch eine Gruppe "Produkt-Marketing" mit Sitz in London gegründet, das ist eine Koordinierungstelle, wo sich die wichtigsten europäischen Gesellschaften auf die Prioritäten einigen, die wir erreichen wollen. Bildschirmtext etwa ist ein Beispiel für ein deutsches Thema.

- Btx ist da aber sicher ein schwieriges Thema aufgrund der unterschiedlichen Entwicklung in Europa.

Das ist richtig, das ist inzwischen eigentlich ein deutsches Thema geworden. Wir sind dabei, bei einem deutschen Softwarehaus einen Externen-Rechner-Anschluß in Auftrag zu geben. Für Bildschirmtext auf dem PC arbeiten wir ja seit zwei Jahren mit Blaupunkt zusammen.

- In Hannover haben Sie ja auch die sogenannten strategischen Partnerschaften angesprochen, wie Sie sie beispielsweise mit Siemens haben.

Mit Siemens haben wir inzwischen in den USA einen Vertrag unterzeichnet, wie sich das weiter entwickelt, kann ich im Moment noch nicht sagen, die Gespräche werden für Europa in unserer Brüsseler Stelle geführt.

- Sind das Strategien, die sich vorwiegend auf den US-Markt richten, um dort fehlendes Know-how einzukaufen oder von einem anderen Partner zu bekommen, oder bezieht sich das auf den Wang-Markt weltweit?

Nein, diese Strategien müssen immer auf das jeweilige Land abgestimmt sein. Es geht auch nicht in erster Linie darum, Know-how bei anderen einzukaufen, wir verfügen über sehr viel Know-how und haben sicher auch eine Menge zu bieten. Aber wenn Sie an die Normung der Deutschen Bundespost denken, da haben wir natürlich nicht so große Erfahrungen wie vielleicht eine Firma Siemens - zwangsläufig als Nebenstellenanlagenhersteller.

- Apropos Nebenstellen, in Amerika haben Sie . . .

Wir haben 20 Prozent an Intecom gekauft.

- Nun ist Intecom auf dem europäischen Markt nicht vertreten.

Nein.

- Um im Office-Bereich längerfristig Erfolg zu haben, braucht man sicherlich eine Anbindung an die Nebenstellenanlage.

Sie sagen es - Anbindung. Und ich glaube, daß wir darüber nicht hinaus gehen werden oder wollen in den nächsten Jahren. Wir reden, wenn, von einer Anwendung und sehen keine eigene Aktivität auf diesem Gebiet. Wir müssen aber mit wesentlichen Herstellern auf diesem Gebiet kooperieren, um die richtigen Endgeräte für das ISDN-Netz parat zu haben.

- Da schränkt sich natürlich der Kreis der Partner auf die Europäer ein, einfach aufgrund der fortgeschrittenen Entwicklung hier.

Ja, logisch.

- Aber auch da kann man über Partner wohl noch nicht reden?

Nein, Sie sehen ja, daß sich Newcomer sehr schwer tun, in die Postgremien zu kommen, es wäre sicher einfacher, wenn hierzulande an eine Deregulierung der Bundespost gedacht würde.

- Die US-Unternehmen können sich ja zusammentun und darauf hinwirken.

Ich glaube nicht, daß das realistisch ist.

- Kommen wir noch einmal auf die Produktstrategie von Wang und in diesem Zusammenhang auch auf die Ankündigungen der Konkurrenz zurück. Wie weh tut Ihnen denn das neueste IBM-Announcement in Sachen /36 und /38?

Die Preisreduktion haben wir in Europa nicht sofort erwartet. Das Geschäft beginnt allmählich ähnlich zu verlaufen wie im PC-Bereich, wo keiner mehr Geld verdient inklusive der IBM, die jetzt eingeholt wird durch ihre eigenen Maßnahmen. Das sage ich nicht ohne Schadenfreude. Die meinen offenbar, daß sie das jetzt auch auf die /36 ausdehnen müssen. Das heißt, daß der Verdrängungswettbewerb im PC-Bereich sich jetzt auch in den Bereich der Minicomputersysteme der unteren Preisklasse verlagert.

- . . . und damit ist absehbar, daß diese Veränderung immer weiter in

die höheren Bereiche geht?

Ja, da liegt zwar, da es um unsere Gewinnmarge geht, einerseits ein Problem darin, andererseits gehen wir aber in zunehmendem Maße in Richtung Projektgeschäft. Wenn Sie sich unsere Kunden in der Bundesrepublik anschauen, so verkaufen wir ja nicht nur Systeme, sondern in zunehmenderem Maße Projektgeschäfte, Beratung, Lösungen. Diese Strategie haben wir seit zwei Jahren eingeschlagen und verfolgen sie mit größter Konsequenz. Insofern sind wir nicht so sehr betroffen. Wir stehen jetzt kurz vor der Ankündigung des "Unbundling", wir gehen in die Richtung, daß wir unsere Dienstleistungen besser gestalten und dann vermarktet werden. Die Entscheidung muß letztlich der Kunde treffen, das Produkt ist ja nicht nur die Hardware. Jeder namhafte Hersteller beginnt massiv mit der Softwareakquisition und wir sind da praktisch nur einer von mehreren, die das gleiche tun. Es wird erst dann problematischer, wenn wir auch noch die Software verschenken. Das hat IBM ja in den USA bereits getan. Das ist dann eine weitere Verschärfung des Verdrängungswettbewerbs.

- Sehen Sie denn in den USA irgendwelche regulierenden Kräfte, die zumindest in Teilbereichen sagen, so geht es nicht mehr, und die IBM Einhalt gebieten?

Mir ist nichts bekannt, es sind allenfalls Spekulationen, über die man redet, aber ich sehe nicht, daß es da konkrete Vorstellungen gibt. Es würde ja auch den Prinzipien der Reagan-Regierung völlig widersprechen, da kann man wohl nichts erwarten.

- Von dieser Seite erwarten Sie also keine Unterstützung?

Das erwarten wir nicht.

- Wie sind aber die Möglichkeiten etwa der europäischen Regierungen oder der EG-Kommission? Da tut sich in letzter Zeit sehr viel und man hat durchaus den Eindruck, daß einige die Gefahr sehen.

Vermutlich werden die Europäer eher etwas tun als die Amerikaner, das zeichnet sich ab. Es wäre schade wenn ein Unternehmen das Weltmonopol hätte. Andererseits war IBM immer einer unserer Mitarbeiter im Textbereich und wir haben uns trotzdem erfolgreich behauptet. Die kochen auch nur mit Wasser, wir sehen das gelassen.

- IBM hat aber, um im Bild zu bleiben, erhebliche Wasserreserven.

Ja, das stimmt, aber Wasser IBM in erster Linie bezogen auf finanzielle Mittel, weniger im Produktbereich. Da sieht man einige unserer Stärken, in der Richtung haben wir auch noch einiges vor.