"Wir brauchen keine zwei Millionen Kunden"

30.09.1994

CW: Warum hat Vines sich nie so gut verkauft wie Netware?

Mahoney: Hat es schon. Aber die adressierte Zielgruppe war von vorneherein kleiner. Wir haben von Anfang an unsere Produkte fuer grosse Organisationen entwickelt. Novells Vision lautet dagegen: Jeder ist ein potentieller Kunde.

CW: Aber waehrend Banyan lediglich zu den 40 groessten Softwarelieferanten zaehlt, gehoert Novell zu den groessten vier. Bestaetigt das nicht die Richtigkeit von Novells Strategie und die Fehlerhaftigkeit Ihres Vorgehens?

Mahoney: Wir brauchen keine zwei Millionen Kunden, um erfolgreich zu sein; wir benoetigen einige tausend grosse. Das ist ein grundlegender Unterschied in den Geschaeftsstrategien. Wenn Novell weiterhin so erfolgreich sein will, muessen sie Microsoft schlagen - eines der erfolgreichsten Unternehmen ueberhaupt. Banyan dagegen kann gleichzeitig mit Unternehmen wie Novell, Microsoft oder Lotus reuessieren. Einfach weil das, was wir tun, nicht deckungsgleich ist mit dem, woran sie arbeiten. Wenn wir unser Geschaeft richtig managen und richtig handhaben, koennen wir sehr erfolgreich und sehr profitabel wachsen.

CW: Wird in Zukunft fuer Netware und Vines ueberhaupt noch ein Markt existieren, wenn Produkte wie Cairo und Unix-basierte Client- Server-Umgebungen die traditionellen Netzwerk-Betriebssysteme ersetzen?

Mahoney: Wenn wir ueber das NOS allgemein - nicht ueber Vines oder Netware - sprechen und Netzwerk-Betriebssysteme als Werkzeuge definieren, die in erster Linie File- und Print-Sharing ermoeglichen, dann hat Microsoft sicher jede Moeglichkeit der Welt, diese Dinge zu Commodities zu machen.

CW: Braucht Banyan weiterhin Vines, um zu ueberleben?

Mahoney: Wegen unserer Kunden muessen wir weiterhin in dieses Produkt investieren, und ich glaube, wir werden noch eine ganze Weile auf dieser Basis arbeiten. Ganz offen, in Vines stecken die Dinge, die unsere Enterprise Network Services ausmachen. Alles was gut ist an Vines, bringen wir auch in andere Umgebungen wie Netware und offene Unix-Plattformen. Unser Geschaeft ist und bleibt es, Services auf unternehmensweiter Basis anzubieten.

CW: Wie steht es mit Ihren Plaenen bezueglich DCE?

Mahoney: Viele unserer Kunden haben sich DCE angesehen und glauben, dass es eine sinnvolle Sache ist. Wenn bestimmte Elemente von DCE wichtig werden und Hersteller beginnen, sie auszuliefern, und wir es benoetigen, um entsprechenden Support zu geben oder um selbst Produkte herauszubringen, werden wir es schneller unterstuetzen als irgend jemand anderer. Wenn Sie die Architektur von Vines und ENS mit der von DCE vergleichen, stossen Sie auf grosse Aehnlichkeiten. Tatsaechlich sind sie fast identisch.

CW: Wie wichtig ist fuer Sie Messaging, und wieviel Aufmerksamkeit widmen sie Lotus Notes?

Mahoney: Wir haben nichts anzukuendigen, aber wir werden weiterhin mit Lotus kooperieren, um festzustellen, wie gut unsere Produkte zusammenarbeiten. Sollte ein hoeheres Integrationsniveau moeglich sein und beide Unternehmen koennen die Investition rechtfertigen, sind wir bereit dazu. Wir benutzen selbst Notes. Zum einen arbeiten wir damit, um unsere Geschaefte zu managen, und zum anderen, um die Applikationen verstehen zu lernen. Notes wirkt sich nicht negativ auf unser Geschaeft aus, das gleiche gilt umgekehrt auch. Unsere groessten Kunden benutzen beide Produkte und forden uns und Lotus auf, mehr gemeinsame Denkarbeit zu leisten. Aber es werden noch zwei, drei Jahre ins Land gehen, bevor wir Notes wirklich verstehen und wissen, welche seiner Funktionen Teil des Netzwerks und welche Teil der Applikation sein sollen. Ich bin beispielsweise fest davon ueberzeugt, dass Messaging zum Netzwerksektor gehoert - genauso wie das Directory.

CW: Aus heutiger Sicht: Was haetten Sie in den vergangenen Jahren besser anders machen sollen?

Mahoney: Ich haette einen effektiveren Weg finden sollen, um unser internationales Geschaeft auszubauen. Wir agieren in einer weltweit taetigen Branche und beschaeftigen uns mit globalen Problemen, da sollten wir international staerker praesent sein, als wir es heute sind. Das haette fuer Banyan einen enormen Unterschied gemacht.

David Mahoney ist Mitbegruender, Chairman und Chief Executive Officer von Banyan Systems. Das Gespraech fuehrte Don Tennant, Redakteur der Computerworld Hongkong.