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WinHEC: Bill Gates zeigt Longhorn-Oberfläche

25.04.2005
Bill Gates höchstpersönlich stellt heute Details der Longhorn-Oberfläche vor. Experten zweifeln, ob Microsoft genügend Innovationen liefern kann, um Kunden auf das nächste Windows zu locken.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Noch rund 18 Monate dürften ins Land gehen, bis Microsoft das angeblich bedeutendste Update für sein Betriebssystem Windows seit zehn Jahren auf den Markt bringt. Doch schon jetzt wird bezweifelt, dass der Redmonder Konzern genug Verbesserungen liefern wird, um Verbraucher und Unternehmen zum Umstieg auf "Longhorn" zu bewegen.

Deswegen steigt heute Firmengründer und Chief Software Architect Bill Gates höchstpersönlich in den Ring und lenkt die Aufmerksamkeit der potenziellen Käufer bei einer Demonstration des aktuellen Entwicklungsstands auf die Unterschiede, die Computernutzer sehen können - die grafische Benutzeroberfläche, also die Icons, Fenster und anderen visuellen Elemente, die Anwendern dabei helfen, die Informationen auf ihrem PC zu organisieren und zu navigieren.

Die Demo ist einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge Teil einer von Microsoft gesponserten Konferenz in Seattle. Neben einem Überblick über den Stand der Windows-Weiterentwicklung werde Gates auch kommende Microsoft-Software, die schneller auf 64-Bit-Prozessoren läuft, sowie eine Reihe neue PC-Designs zeigen, heißt es weiter.

Das Graphical User Interface (GUI), seit langem immer wieder auch Knackpunkt im Wettbewerb mit Apple Computer, entwickelt sich zunehmend zum wichtigsten Verkaufsargument für Longhorn, von dem eine Testversion in diesem Sommer angekündigt ist und das Ende 2006 auf den Markt kommen soll. Neben optischen Veränderungen soll die Schnittstelle enger mit Technik verzahnt sein, die Nutzern dabei hilft, Informationen auf einem Rechner aufzufinden. Diese Kombination soll die Komplexität von PCs verringern, auf denen zunehmend mehr Dateien und Informationen gespeichert werden.

Gleichzeitig verteidigt sich Microsoft damit gegen konkurrierende Technik, darunter die Desktop-Suchprogramme von Google und Yahoo, sowie gegen Apples neues Betriebssystem Mac OS X 10.4 "Tiger", das bereits Ende dieser Woche mit seiner integrierten Desktop-Suchtechnik "Spotlight" auf den Markt kommt.

Neil Charney, Director für Produkt-Management in Microsofts Windows-Sparte, erklärte, die Änderungen an der Windows-Oberfläche kämen in gewisser Weise der Notwendigkeit zuvor, die Festplatte an erster Stelle zu durchsuchen. "Suche ist ein Anzeichen dafür, dass sie tatsächlich nicht wissen, wo Ihre Informationen stecken, dass Sie sie nicht im Griff haben."

Die Verbesserungen der Benutzerschnittstelle, basierende auf der unterliegenden Technik "Avalon", sollen Anwendern umittelbarere visuelle Hinweise auf Art und Anzahl ihrer Dateien geben. Die Icons beispielsweise werden darin zu grafischen Darstellungen individueller Dateien anstelle der bislang in Windows benutzten generischen Icons, die nur den Dateityp erkennen lassen. Fenster können transparent angezeigt werden, um eine bessere Übersicht über die geöffneten Dateien und Programme zu ermöglichen.

Des Weiteren lassen sich Dateien und Dokumente zu "Stapeln" gruppieren. Die Höhe eines solchen Stapels gibt dabei einen ungefähren Eindruck davon, wie viele Files sich darin befinden. Die Organisation von Inhalten soll außerdem durch Keyword-Tagging vereinfacht werden. Solche Schlüsselbegriffe - die im Web Dienste wie flickr oder del.icio.us populär gemacht haben - kann man manuell oder (als Feature neuer Anwendungen) automatisch vergeben. Für jede Datei gibt es ein Pop-up-Fenster, dass wichtige Metadaten (Autor, Keywords und sonstige Kommentare) anzeigt, die auch suchbar sind.

Ein weiteres wichtiges Konzept sind die sogenannten "virtuellen Ordner", mit deren Hilfe man Dateien an unterschiedlichen Orten anzeigen kann und nicht so wie heute nur an ihrem tatsächlichen Speicherort im Dateisystem. Dabei werden im Prinzip verschiedene Verweise auf die gleichen Informationen angelegt, ohne diese auch mehrfach vorzuhalten. Ein Nutzer könnte beispielsweise nach "Hans" suchen und das Ergebnis, alle Dokumente, in denen "Hans" vorkommt, als virtuellen Ordner speichern - alle Dokumente blieben dabei weiterhin an ihren ursprünglichen Orten gespeichert.

Charney zufolge bemüht sich Microsoft auf diese Weise, den PC stärker an die Art und Weise anzupassen, wie Menschen ihre Informationen erfassen und ordnen. In der Entwicklungsmannschaft für die Oberfläche arbeiten dazu Anthropologen und Soziologen, die den Umgang von Menschen mit Computern untersuchen. In der Vergangenheit, so räumt der Produkt-Manager ein, habe man sich "mit der Arbeitsweise den Anfordungen des Computers anpassen müssen".

Das neue Interface ist eine von verschiedenen Verbesserungen, die Microsoft im Vorfeld seiner jährlichen Konferenz für Hardware-Entwickler (WinHEC) propagiert. Weitere gibt es etwa in punkto Sicherheit gegen so genannte Phishing-Angriffe, die dazu dienen, persönliche Daten von Computernutzern zu stehlen.

Microsofts Management betont dabei stets, dass die neuen Features noch längst nicht komplett sind und sich natürlich bis zur Auslieferung des neuen Betriebssystems Ende 2006 nach ausführlichen Beta-Tests auch noch ändern könnten. In dem Entwicklungsprojekt, dem sicher umfangreichsten in Redmond seit "Windows 95" vor zehn Jahren, gab es bereits eine Reihe wichtiger Kurskorrekturen.

Im letzten Sommer beispielsweise wurde die Dateispeicherungstechnik "WinFS" über Bord geworfen, die zuvor als Kernkomponenten von Longhorn bezeichnet worden war, das seit langem erwartete Release aber noch weiter hätte verzögern können. Konkurrenten bieten unterdessen ohnehin schon eigene Technik an, die Nutzern bei der Suche nach Informationen hilft - Google etwa offeriert eine kostenlose Desktop-Suche, mit der sich Dateien nach Schlüsselbegriffen durchforsten lassen.

Und Apple, das grafische Benutzeroberflächen in den 1980er-Jahren mit populär gemacht hatte, bietet schon heute viele der Features an, die Microsoft für Longhorn verspricht. Mit dem Tiger-Release von Mac OS X will der Hersteller aus Cupertino seinen technischen Vorsprung nochmals ausbauen. Die darin integrierte Spotlight-Suche indexiert Dateien automatisch und kann sie bereits nach Eingabe des ersten Buchstabens aufzulisten beginnen (eine Demo findet sich hier). Damit lassen sich ebenfalls virtuelle Ordner - in Tiger heißen sie "Intelligente Ordner" - erstellen, auch innerhalb von Anwendungen wie "Mail".

Apple-Chef Steve Jobs klagte dann auch auf der Hauptversammlung seiner Firma in der vergangenen Woche auf die Frage nach Longhorn, Microsoft versuche Apple zu kopieren. "Es spricht aber Bände, dass Tiger Ende dieses Monats herauskommt, das ist dann zwei Jahre vor dem Termin, an dem Longhorn erscheinen wird", so der Apple-Chef. Microsoft wollte diese Bemerkungen nicht kommentieren [und braucht dies wohl auch so lange nicht zu tun, wie Apple Mac OS X nicht für x86/x64-Architekturen anbietet, Anm. d. Red].

Seine Avalon-Engine für fortschrittliche grafische Effekte wird Microsoft (wie auch andere Longhorn-Kerntechniken) auch für seine älteren Systeme Windows XP und Server 2003 anbieten. Organisations-Features wie die Keyword-Suche bleiben aber Longhorn vorbehalten.

Branchenkenner halten es derzeit für alles andere als sicher, dass die neuen Features in Longhorn überzeugend genug sein werden, um Nutzer davon zu überzeugen, das neue Betriebssystem auf ihre Rechner zu spielen oder sich deswegen neuen Hardware zuzulegen. Bei aller Anstrengung, Innovationen zu schaffen, hat Microsoft zusätzlich das Problem, dass sich viele Leute daran gewöhnt haben, wie Windows heute arbeitet. "Was für den einen ein cooles Feature ist, empfindet ein anderer als störend", warnt Michael Cherry, Analyst bei Directions on Microsoft. "Sie wandern auf einem sehr dünnen Grat." (tc)