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Wildfire: Compaq unternimmt neuen High-End-Anlauf

15.05.2000
Software-Verfügbarkeit könnte zum Problem werden

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der texanische IT-Riese Compaq Computer Corp. wird morgen offiziell seine neuen "Wildfire"-Unix-Server der Öffentlichkeit präsentieren - eine Ankündigung von enormer Tragweite für die Zukunft des Unternehmens.

Auch wenn der Hersteller sich bisher nach Kräften bemüht hat, die technischen Details der neuen Systeme geheim zu halten, sind doch schon die meisten Spezifikationen bekannt. Die Wildfire-Maschinen lassen sich mit bis zu 32 Alpha-Prozessoren vom "Typ 21264 EV67" bestücken, die jeweils zu viert auf einem CPU-Board angeordnet und anfänglich mit 729 Megahertz getaktet sind. Die Architektur gestattet eine logische Partitionierung, so dass sich die Betriebssysteme "OpenVMS" und "Tru64" (vormals Digital Unix) simultan betreiben lassen. Später soll auch das Open-Source-Unix Linux unterstützt werden. Zum Start ist offenbar nur die kleinste Maschine "GS80" (acht CPUs) verfügbar, in der zweiten Jahreshälfte folgen die größeren Systeme "GS160" (16 Wege) und "GS320" (32 Wege).

Die Systemarchitektur verwendet zwei Ebenen von Kommunikations-Switches, um die Prozessoren miteinander zu verbinden. Das Design ist so komplex, dass Compaq nach Aussagen von Systems Architect Dave Fenwick eigene Testsoftware programmieren musste, was zu einigen Verzögerungen führte. Ferner lassen sich bis zu 32 voll ausgebaute Wildfires zu einem noch leistungsfähigeren und hochverfügbaren Cluster mit 1024 Prozessoren zusammenschließen, der auch für anspruchsvolle Workloads im Technical Computing ausreichen dürfte.

Mit Wildfire liefert Compaq das erste nennenswerte Technik-Upgrade für die Alpha-Plattform. Auch zwei Jahre nach der Übernahme von Digital Equipment skalieren die 1995 erstmals vorgestellten ehemaligen "TurboLaser"-Server bis maximal 14 CPUs ("AlphaServer GS140"). "Wildfire ist der letzte noch fehlende Baustein, um unsere Vision komplett zu machen", hofft Vice President William Heil, der bei Compaq das Server-Erbe von Digital verantwortet. "Das wird uns eine Menge Aufträge bringen."

Was auch dringend geboten erscheint. Während fünf Jahre und geschätzte 100 Millionen Dollar in die Entwicklung der neuen Systeme flossen, ist Compaqs Marktanteil bei High-End-Unix-Servern auf magere vier Prozent gesunken. Dies ist besonders deswegen bedenklich, weil im Zuge der E-Commerce-Explosion der Bedarf enorm gestiegen ist und beispielsweise Konkurrent Sun Microsystems im vergangenen Quartal seine Server-Umsätze um 50 Prozent steigern konnte. Compaq verdiente unterdessen im vergangenen Geschäftsjahr bei 38,5 Milliarden Dollar Umsatz mit rund 570 Millionen Dollar nur noch knapp ein Drittel des All-Time-Highs aus der Vor-Digital-Ära - mit PCs lässt sich heutzutage kaum mehr Geld verdienen. Die neuen Alpha-Server, bei denen sich die Bruttomargen vermutlich oberhalb von 50 Prozent bewegen, könnten den Gewinn also merklich aufbessern.

Richard Fichera von der Giga Information Group glaubt, dass die Wildfire-Server gerade noch rechtzeitig debütieren. "Die Technik kommt nicht zu spät, um Compaq auf Wachstumskurs zu bringen", meint der Analyst, der darüber hinaus die vor allem für Internet- und Telco-Kunden interessanten (Remote-)System-Management-Funktionen der neuen Server lobt. "Sie haben sich eine Menge Gedanken darüber gemacht, was diese Unternehmen brauchen."

Positiv beeindruckt zeigt sich auch Joseph Polizzi, Chef des Space Telescope Science Institute in Baltimore. Wildfire verschafft Compaq seiner Ansicht nach die nötige Munition im Kampf gegen HP, IBM und Sun. "Wildfire sollte dafür sorgen, dass sie [Compaq] nicht mehr ständig mit Dell statt mit IBM verglichen werden", scherzt Polizzi. Der Erfolg der Systeme hänge allerdings vor allem davon ab, wie Compaq sie vermarkte, glaubt der Wissenschaftler.

Einigen prominenten Kunden dauerte das Warten auf die neuen Systeme allerdings schon zu lange. So entschieden sich Amazon.com und der kanadische Energieversorger TransAlta Utilities unlängst für Unix-Produkte der Konkurrenz (Hewlett-Packard respektive IBM). Nach Angaben von Compaq-Mann Heil liegen aber bereits mehr als 200 Bestellungen für die zwischen 100 000 und einer Million Dollar teuren Wildfires vor. Unter anderem sollen die Suchmaschinen Lycos und Northern Light Technology Inc., der Carrier WorldCom sowie der Online-Broker E*Trade zu den ersten Käufern gehören. Regelrecht begeistert äußerte sich Marshall Peterson von der Biotechnolgie-Firma Celera, die kommerziell das menschliche Genom auswertet. "Nichts kam ansatzweise an Wildfire heran - die Maschinen haben unsere Erwartungen bei weitem übertroffen", meint der Beta-Tester, der ebenfalls zwei Maschinen geordert hat.

Die Konkurrenz gibt sich trotz solch imposanter Referenzen äußerlich gelassen. Auch wenn die Systemdesigner ein technisch führendes Produkt abgeliefert hätten, gebe es nicht genügend Software für die neuen Maschinen. "Es geht nicht mehr um die reine Technik", meint etwa Suns Vice President Shahin Khan. Kunden träfen ihre Kaufentscheidungen heute anhand einer ganzen Reihe von Faktoren, und dazu zähle ohne Zweifel die Verfügbarkeit von Anwendungen. Compaqs geringer Unix-Marktanteil habe vor allem viele Entwickler von Web-Software abspringen lassen. Die Problematik ist Compaq natürlich bewusst - die Texaner investieren deswegen laut "Wall Street Journal" rund 100 Millionen Dollar, um prominente Unix-Anbieter wie Oracle wieder auf ihre Plattform zu locken.

Don Young, Analyst bei PaineWebber, hält Compaqs Ambitionen allerdings für verlorene Liebsmüh. Er geht davon aus, dass die Alpha-Umsätze des Herstellers trotz Wildfire in diesem Jahr um gerade zehn Prozent auf 2,15 Milliarden Dollar steigen werden. "Der Zug ist abgefahren. Ich wünschte, sie hätten ihre Verluste eingedämmt und ihre Zeit nicht verschwendet", lautet das vernichtende Fazit des Experten, der meint, Schuster Compaq solle besser bei seinen PC-Leisten bleiben.