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Autorenproteste

Wikipedia-Gründer fordert strengere Kontrolle

30.01.2009
Von pte pte
Die von ihrem Gründer Jimmy Wales geforderte Einführung strengerer Kontrollmaßnahmen auf dem englischsprachigen Wikipedia-Portal hat innerhalb der Autoren-Community der Online-Enzyklopädie eine heftige Protestwelle ausgelöst.

Bislang erlaubte es die Plattform im Grunde jedem Nutzer, selbst verfasste Beiträge einzustellen und bestehende Artikel zu editieren. Dies soll sich nun aber grundlegend ändern. Der Vorstellung Wales' zufolge müssten neue Einträge und Änderungen künftig vor ihrer Veröffentlichung von vertrauenswürdigen Wikipedia-Autoren gesichtet und beurteilt werden. "Ein ähnliches Kontrollsystem ist bei der deutschsprachigen Wikipedia-Variante bereits seit Mai 2008 im Einsatz, erklärt Catrin Schoneville, Pressesprecherin von Wikimedia Deutschland, auf Anfrage von pressetext.

Jimmy 'Jimbo' Wales
Jimmy 'Jimbo' Wales


Während Wales durch die strengere Prüfung vor allem eine Qualitätssteigerung der Wikipedia-Artikel erzielen will, fürchten viele englischsprachige Autoren nun um die Grundwerte der als offene Plattform konzipierten Online-Enzyklopädie. Obwohl sich laut "Guardian"-Bericht in einer aktuellen Umfrage rund 60 Prozent der Community-Mitglieder für einen Test der strengeren Qualitätskontrollmaßnahmen aussprechen, sehen kritische Stimmen darin eine Gefährdung der Zukunft des gesamten Projekts. "Mit 60 Prozent der Stimmen unterstützt zwar die Mehrheit eine strengere Kontrolle, eine Übereinstimmung in dieser Frage gibt es aber nicht", fasst der britische Wikipedia-Autor Jake Wartenberg die derzeitige Stimmung in der englischsprachigen Community zusammen. "Viele Autoren sind zunehmend desillusioniert bezüglich des Projekts und verlassen das Boot", warnt Wartenberg gegenüber dem "Guardian". In den Augen vieler Wikipedia-User würden die aktuellen Änderungspläne die auf Gleichheit beruhenden Grundsätze der Wissensplattform vollkommen über den Haufen werfen.

"Wikipedia ist zwar im Grunde eine offene Plattform, auf der jeder einen Artikel einstellen kann. Schlussendlich entscheiden aber ausschließlich die eigenen Mitglieder darüber, ob ein Beitrag den geforderten Qualitätskriterien entspricht und anschließend auf der Seite veröffentlicht wird oder nicht", erklärte Wales erst kürzlich im Rahmen des com.sult-Kongresses in Wien. Was die konkreten Kontrollmaßnahmen betrifft, gebe es allerdings Unterschiede zwischen den einzelnen Länderversionen der Online-Enzyklopädie. "Die deutschsprachige Seite, die mittlerweile nach Sprachen gerechnet die zweitgrößte Wikipedia-Variante der Welt ist und rund 870.000 Artikel umfasst, ist in puncto Qualitätskontrolle etwas weiter als die englischsprachigen Kollegen", bestätigt Schoneville gegenüber pressetext. Um über eine Einführung des sogenannten "Flagged-Revisions"-Systems auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite zu entscheiden, sei die Befragung der Community sicherlich der richtige Weg. "Ich gehe davon aus, dass eines derart schwerwiegende Änderung nur über die Community geben kann", so Schoneville abschließend. (pte)