Status Quo in Deutschland

Wie Unternehmen mit Industrie 4.0 umgehen

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Erst jeder dritte CIO beschäftigt sich mit Industrie 4.0. Viele Unternehmen haben die Verantwortlichkeiten noch nicht geregelt. Das ergab eine Experton-Studie.

Als "eines der wichtigsten Zukunftsthemen für die gesamte deutsche Wirtschaft" bezeichnet die Experton Group, München, Industrie 4.0. Die Analysten verstehen darunter Lösungen, Prozesse und Technologien der sogenannten vierten industriellen Revolution, die einen hohen Einsatz von IT und einen hohen Vernetzungsgrad der Systeme beschreiben. Den Status Quo dessen erhebt Experton in einer Anwenderstudie unter 368 Entscheidern.

Glaubt man den Befragten, haben sich sieben von zehn (70 Prozent) zumindest schon einmal mit Industrie 4.0 beschäftigt. Allerdings ist das eine weitgefasste Definition, denn 29 Prozent geben an, im Unternehmen seien keine Aktivitäten geplant. 22 Prozent stecken in der Informationsphase.

Experton schreibt Industrie 4.0 ein erhebliches Marktpotenzial zu. Nach den Zahlen der Analysten werden deutsche Unternehmen bis 2020 knapp elf Milliarden Euro für Produkte und Services ausgeben.

Die Studienautoren haben gefragt, wer sich in den Unternehmen mit Industrie 4.0 beschäftigt. Das ist in den meisten Fällen die Produktion (52 Prozent). Die Geschäftsführung liegt mit 45 Prozent erst an zweiter Stelle - und der IT-Chef mit 34 Prozent der Nennungen an dritter. Studienleiter Michael Weiß spricht von "deutlichem Nachholbedarf".

Schlechtes Alignment rächt sich jetzt

Für Weiß rächt sich hier das mangelnde Alignment. "Business-IT Alignment ist in den deutschen Unternehmen zu lange nicht richtig gelebt worden", sagt er. "Der Fachbereich hat seine Forderungen an die IT gestellt. Die IT hat dann etwas entwickelt und bekam nach der Fertigstellung zu hören, das sei aber nicht das, was man sich vorgestellt habe."

Wie komplex und multidimensional sich das künftige Zusammenspiel von IT und Business gestaltet, zeigt sich daran, dass rund vier von zehn Unternehmen noch keinen klaren Verantwortlichen für Industrie 4.0 benannt haben. Lediglich 14 Prozent nennen den CIO. Weiß sieht hier aber den IT-Chef gefragt, auch wenn der eine oder andere IT-Entscheider in diese Rolle sicher "noch hineinwachsen" muss. "Das ist eine sehr gute Gelegenheit für den CIO, den Mehrwert der IT am Gesamt-Business-Prozess unter Beweis zu stellen", sagt der Studienleiter.

Nach Beobachtung des Analysten entwickeln manche Unternehmen die Position eines Innovation Managers auf Vorstands-Level. "Ein technisch-/fachlicher Hintergrund ist auch dafür unabdingbar, aber die Offenheit für völlig neue Geschäftsmodelle muss gegeben sein", so Weiß.

Vorbildprojekt bei BMW

Die Frage, die ein Innovation Manager sich stellen muss, lautet: Wie können wir aus den neuen technologischen Möglichkeiten neue Geschäftsideen ableiten? Hier ist Kreativität gefragt - und Mut. Vorzeigebeispiel ist für Weiß BMW. Der Autobauer hat ein Elektro Hybrid-Fahrzeug entwerfen lassen - von einem völlig neuen Team, das von der traditionellen Auto-Entwicklung unbelastet war. Dabei kamen nicht nur ganz neue Fertigungstechniken zum Einsatz, sondern auch ein neues Mobilitäts-Konzept für den Konsumenten. BMW definiere damit den Automobilbau neu, lobt der Analyst.

Andreas Zilch, Lead Advisor der Experton Group, findet in puncto Verantwortlichkeiten versöhnliche Worte: "Hier sehen wir eine große Chance für den IT-Bereich und auch für den CIO, sich positiv für den Unternehmensnutzen zu positionieren. Es handelt sich um ein Business/IT Thema und die IT sollte die Verantwortung insbesondere für horizontale Vernetzungsprozesse übernehmen."