Digital Asset Management

Wie sich die Seenotretter ins richtige Bild setzen

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) folgt dem Credo „Tue Gutes und rede darüber“. Der Erfolg dieser Strategie ist für die Seenotretter existenziell, denn die Organisation finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Seit rund zwölf Jahren nutzt sie für ihre Bilder, Filme und Dokumente daher ein auf ihre Anforderungen zugeschnittenes Digital-Asset-Management-System.
Die Seenotretter beim Einsatz.
Die Seenotretter beim Einsatz.
Foto: Per Kasch@Severin Wendeler

"Habt ihr Fotos gemacht?" - Am anderen Ende der Leitung ist es einen Augenblick lang still. Draußen heult der Wind. Sogar hier, ungefähr 70 Kilometer im Binnenland, rüttelt der Sturm an den Fenstern. Gerade sind die Seenotretter mit dem Seenotrettungskreuzer von einem Einsatz zurückgekehrt. Sie haben in der Nacht bei schwerem Sturm einen verletzten Fischer von seinem Kutter geholt. "Wir waren draußen, um zu retten. Nicht, um zu fotografieren." Die Stimme des Seenotretters ist bestimmt und ein wenig kühl.

Am anderen Ende der Leitung, in der Bremer Zentrale der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), wird nicht ohne Grund nach Bildmaterial gefragt. Der Pressesprecher benötige Informationen für Journalisten, die von dem nächtlichen Einsatz erfahren haben, erklärt DGzRS-Geschäftsführer Nicolaus Stadeler. Für die Organisation, die in Deutschland für den maritimen Such- und Rettungsdienst zuständig ist, seien Presse- und Fotoanfragen keine Seltenheit. Im Kontrast dazu stünden dagegen die hohe Verantwortung und anspruchsvollen Einsätze, die es nicht immer ermöglichten, die Situation per Handykamera oder Fotoapparat festzuhalten.

Seit über 150 Jahren gibt es die DGzRS. Eine Flotte von 60 Seenotrettungskreuzern und Seenotrettungsbooten ist rund um die Uhr und bei jedem Wetter in deutschen wie auch internationalen Gewässern einsatzbereit. 180 fest angestellte und 800 freiwillige Seenotretter fahren jedes Jahr über 2.000 Einsätze, um Fischern, Passagieren auf Fähren oder Kreuzfahrtschiffen, Seeleuten und Wassersportlern in Not zu helfen. Die Gründe für Seenot reichen von Wassereinbruch oder Feuer an Bord über Verletzungen bis hin zu Sturm oder einfach "nur" technischen Ausfällen.

Bei einem Rettungseinsatz - hier werden zwei gekenterte Segler in der Ostsee geborgen - bleibt kaum Zeit, eine Kamera zu zücken.
Bei einem Rettungseinsatz - hier werden zwei gekenterte Segler in der Ostsee geborgen - bleibt kaum Zeit, eine Kamera zu zücken.
Foto: DGzRS

Sichtbarkeit erhöht die Spendenbereitschaft

Die typisch norddeutsche Bescheidenheit ist bei den meisten Seenotrettern tief verankert. So ungern sie allerdings viele Worte um ihre Rettungseinsätze machen, so wichtig ist es, dass die Öffentlichkeit von ihrer Arbeit erfährt. Der Grund, so DGzRS-Geschäftsführer Stadeler: Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger finanziert sich ausschließlich durch Spenden und das ganz bewusst. Da die Bevölkerung die Organisation trägt, könne die Gesellschaft unabhängige und eigenverantwortliche Entscheidungen treffen, erklärt der Volkswirt.

Die Spendenbereitschaft wiederum steht in engem Zusammenhang mit der Außendarstellung der Gesellschaft. Da die Einsätze der Seenotretter weit draußen auf See ohne Öffentlichkeit stattfinden, sind Fotos und Filmmaterial für die Darstellung ihrer Arbeit unverzichtbar. Gleichzeitig folgt die Entstehung von bewegten und unbewegten Bildern an Bord häufig dem Prinzip Zufall. Wer bei aller Hektik einen Augenblick Zeit hat, zückt die nächstbeste Kamera. Umso wertvoller ist jedes einzelne Bild.

Spezifische Lösung für effektives Daten-Management

Der DGzRS steht nur ein sehr kleines Team zur Verfügung, um die entstandenen Bilder unterschiedlichster Art zu managen. 2004 entschied sich die Organisation für die Digital-Asset-Management-Lösung Cumulus von Canto, über die inzwischen mehr als 70.000 Bilder in mehreren Katalogen verwaltet werden. Mitarbeiter des Bereiches Presse- und Öffentlichkeitsarbeit kümmern sich um die Pflege der Dateibestände, Zugriff auf den Katalog haben jedoch alle Mitarbeiter. So ist es möglich, dass Fotos, die auf hoher See aufgenommen werden, direkt in die Datenbank eingespeist werden. Auch auf Speichermedien, über Sharing-Plattformen oder per Mail erreichen viele privat aufgenommene Bilder die Seenotretter und werden in das System eingepflegt.

Um die richtigen Bilder und Videos im passenden Moment aufzufinden, ist eine hohe Metadatenqualität entscheidend. Es komme zum Beispiel vor, dass ein Journalist eine spektakuläre Rettungsaktion noch einmal aufgreifen will, die mehrere Jahre zurückliegt, berichtet Stadeler - so jüngst geschehen im Fall des Brands der Fähre "Lisco Gloria" im Jahr 2010 oder beim fast legendären "Dreisprung" des Seenotrettungskreuzers "Hermann Helms" aus Cuxhaven.

Der Bedarf einer konsequenten Datenbankpflege zeigt sich auch am Beispiel eines Hobbyfotografen, der am Darßer Ort per Zufall den Seenotrettungskreuzer "Theo Fischer" aufnahm und das Bild per Mail an die DGzRS-Zentrale sandte. Er gab es unter der Bedingung frei, dass sein Name bei jeder Verwendung des Bildes genannt wird.

Ähnlich ist die Situation bei Fotografen, die die Seenotretter zum Teil jahrelang begleitet haben, etwa der Fotograf Peter Neumann vom Yacht Photo Service. Die DGzRS darf seine Bilder jederzeit kostenlos für eigene Publikationen verwenden. Auch andere Fotografen stellen der DGzRS ihre Bilder honorarfrei zur Verfügung - aber eben oft mit der Einschränkung, die Aufnahmen nicht an Dritte weiterzugeben, sondern in dem Fall an den Fotografen zurück zu verweisen.

Solche Informationen lassen sich in der Datenbank eines Digital-Asset-Management-Systems mit den jeweiligen Bildern verknüpfen, um insbesondere zu gewährleisten, dass Urheberrechte dauerhaft berücksichtigt werden - auch bei personellen Wechseln, Urlauben oder Krankheitsfällen im Presseteam.

Mehr als ein Fotoarchiv

Viele der 70.000 Datensätze, die die Seenotretter inzwischen verwalten, werden nicht veröffentlicht, sondern vor allem für Schulungszwecke genutzt. Die Teams können dafür von unterschiedlichen Standorten auf die digitalen Assets zugreifen. Viele Dateien dienen zudem der Dokumentation, beispielsweise beim Bau neuer Seenotrettungskreuzer oder dem Umbau eines Anlegepontons.

Auch Spurensuche betreiben die Seenotretter mittels der Datenbank: Alte, sepiafarbene Fotos, eingescannt für das digitale Zeitalter, tragen Fragezeichen in den Notizen: Welcher Vormann - im Volksmund Kapitän genannt - war das? Erkennt noch irgendjemand die Station? Manchmal lässt sich die eine oder andere Information noch nachtragen.

Tausende von Thumbnails geben nur einen Bruchteil der Informationen wieder, die die Datenbank enthält. Sie bildet Geschichte und Gegenwart der DGzRS gleichermaßen ab - und ist auch für die Zukunft gerüstet: Das stets veränderbare System des Digital-Asset-Management-Systems entwickelt sich mit den Anforderungen, die die Organisation stellt.