Wie reagiert der EDV-Mensch auf strukturverändernde Methoden

27.11.1974

Besorgt und beunruhigt wird in allen Chefetagen die allgemeine Kostenmisere erkannt, wobei das Tempo der Personalkosten in der EDV im Vergleich zu den Hardware-Mieten beängstigend explodiert. Der Anteil des Wartungsaufwandes zur Pflege existierender Programmsysteme übersteigt oft mehr als 60 Prozent der eingesetzten Manpower Die Verdammnis der Fachabteilungen gegenüber der Schwerfälligkeit der EDV auf die Wünsche des EDV-Kunden führt zur schwermütigen Selbstbezichtigung, altgedienter EDV-Hasen bis hin zur Depression. Was, um Himmels willen, geschieht eigentlich um diese Situation in der EDV zu ändern?

Es gäbe zum Beispiel DPS. Das Demag-Programmier-System (DPS). Entwicklungsbeginn Ende 1970, ist ein System von 4 Generatoren und 29 Programmen, das durch die Gesamtheit seiner Systemkomponenten die Bereiche Fachabteilung - Systementwicklung/Organisation - Programmierung und Rechenzentrum mit einheitlichen, speicherbaren und genormten Sprachbeschreibungen verbindet und die Methoden einer industriellen Fertigung der Industrie auf die Entwicklung, Pflege und Wartung von Programm-Systemen überträgt.

Als der Schreiber dieser Zeilen auf einem hehren Informatik-Kongreß im Frühjahr dieses Jahres die Ehre hatte, über DPS kurz zu sprechen, wagte er am zweiten Tag der Veranstaltung kaum seine Stimme zu erheben. Warum? Nun, am Vortage wurde im Chor so fantastisch konfiguriert, ge-on-lined, ge-processed und mit Entscheidungssimulationen für das Topmanagement, in Modellen per Computer versteht sich, optimiert, daß die Probleme, die DPS lösen hilft, zu vulgär erschienen. Der Tatbestand, Fehlerläufe einer ach so uninteressanten Lohnabrechnung zu verhindern, die Fachabteilungen in den Änderungsprozeß mit einzubeziehen, die Termine einzuhalten, war eine solche Banalität, daß mancher Zuhörer angewidert das Visier herunterließ ob solcher Themen.

Was hat das System bei DPS-Anwendern nun eigentlich erwirtschaftet, so werden Sie sicherlich fragen? Also schön, gerade Sie sollen es wissen:

Vor drei Jahren arbeiteten bei einem Großanwender 70 Mitarbeiter (Organisatoren, Systementwickler, Programmierer), um zirka eintausend Programme für fünf von der Fertigungsstruktur her unterschiedliche Geschäftsbereiche, sogar auf der Basis der Dienstleistungsphilosophie, d. h. mit klarer Kostenverrechnung, mit 1500 Programmen durch 35 Mitarbeiter bedient.

Rechnen Sie jeden Mitarbeiter auf Vollkostenbasis (aber wer tut das schon?) mit 80 000 bis 100 000 Mark pro Jahr, dann sind tatsächlich 3,5 Millionen DM eingespart. Jetzt kommt natürlich die Frage nach der Verbreitung des Systems, das doch eigentlich einen einmaligen Markterfolg haben sollte, nicht wahr?

O nein, lieber Leser, bis heute weit gefehlt! Sie fragen nach dem Warum? Nun, hierzu ein kleines Beispiel außerhalb der EDV.

Wenn Ihr Organisator zum Buchhalter Ihrer Geschäftsbuchhaltung kommt, der sich mühselig mit der Abstimmung seiner Konten herumschlägt, und ihm einen Tischrechner anbietet, wird er seinem Freund und Helfer um den Hals fallen. Wehe jedoch wenn die Buchhaltung über die EDV abgewickelt wird und sogar seine heißgeliebte Kontokarte verschwindet, dann ändert sich ja eine gewachsene Arbeitsstruktur. Was geschieht? Er mauert!

Was dieses Beispiel mit der EDV, der doch so progressiv eingestellten Mannschaft Ihres Hauses, zu tun hat? Oh, sehr viel, nach unserer Erfahrung.

Sehen Sie, wenn wir unsere Präsentationen bei Interessenten durchführen, geschieht vielerlei. Gerade deshalb, weil die EDV-Mannschaft so viel Erfahrung hat, möchte sie doch keinesfalls ihre Spezialprivilegien der "Unabkömmlichkeit" verlieren, wobei Überstunden bis fast zum physischen Zusammenbruch als Orden betrachtet werden. Wenn also DPS die Struktur verändert, die Fachabteilung sogar in den Entwicklungs-, das heißt Mitbestimmungsprozeß einbezieht, ja der Computer selbst wie eine Werkzeugmaschine zur Erzeugung von Programmen (bis zu 80 Prozent maschinell) eingesetzt werden soll, dann geschieht dasselbe wie bei unserem Buchhalter.

Die eine Gruppe rettet sich in die Behauptung, daß im eigenen Unternehmen völlig andere Verhältnisse herrschen. Komisch eigentlich, denn das war immer die Reaktion der Fachabteilung gegenüber der EDV. Die andere weicht auf technische Probleme aus, Bits und Bytes, und daß man das im übrigen alles viel besser selber machen könnte, billiger, schneller und kostengünstiger dazu. Und jetzt sind wir an dem Punkt angekommen, der in unserer Branche am weitesten verbreitet ist und die gefährlichsten betriebswirtschaftlichen.

Auswirkungen hat: Hier beginnt das, was wir "Scheindemokratie" getauft haben. Es ist jenes Verfahren, bei dem unter dem Deckmantel falsch verstandener Mitbestimmung der arme EDV-Manager einer Front derer gegenübersteht, ohne die die Programme nicht laufen, weil

- ohnehin keine oder nur eine überalterte Dokumentation vorhanden ist,

- die Kommunikation mit der Fachabteilung auf der Basis kumpelhafter Verbrüderung von Personen läuft und

- Probleme betriebswirtschaftlichen Nutzen keine EDV-gerechten Vokabeln darstellen.

Ist das wirklich so, werden Sie fragen? Natürlich habe ich stark übertrieben, denn wenn dem überall so wäre, hätten wir ja keine DPS-Anwender und keine ernsthaften Interessenten. Jedoch die Relation ist deprimierend. Und selten ist die Einsicht, daß gigantischer volks- und betriebswirtschaftlicher Unsinn in der EDV die allgemeine Wettbewerbssituation der Firmen mindern.

Das ging ja nun wirklich nicht mehr so weiter. Ständig kamen die Fachabteilungen. "Lieber Herr Trauerwein. . . "

Und keiner erinnerte sich an die "rechtsverbindliche Zweitunterschrift" bei den Projek-vereinbarungen

Was tat man nicht alles, um der verunglimpften Abteilung EDV und ORG Freunde und Ansehen zu gewinnen. Wenn dann die Projekte nicht fertig wurden - Kleinvieh macht auch Mist - erinnerte sich keiner daran waren. Den letzten beißen nämlich die Hunde. Das sollte jetzt ein Ende haben. Aber es war in Teufelskreis: "Was haben Sie sich denn plötzlich so. . ." "Sie sind doch früher auch nicht pünktlich fertig geworden."

Deshalb haben wir jetzt Netzpläne gezeichnet. Und ein wunderschönes buntes Balkendiagramm, Größe 2,20 und 1,60, hängt dräuend an der Wand. Das wirkt Wunder. Man redet ein wenig vom "kritischen Pfad" und "Bottleneck" erwähnt "Einlastung zum Schlupf-Termin" oder dergleichen mehr und die Bewerber schämen sich, ob ihrer "unsittlichen Anträge"

Wir nennen das "Projekt-management". Unsere alten Spezis bezichtigen uns nun der Engstirnigkeit. "Die haben jetzt ein Brett vorm Kopf". Dabei handelt es sich doch nur um ein Balkendiagramm.