Wie intelligent soll ein BDE-System sein?

25.03.1977

Sicherheit vor allem und Wirtschaftlichkeit sind die wohl wichtigsten Kriterien für die Entscheidung, ob zentrale oder dezentrale Betriebsdatenerfassungssysteme im konkreten Anwendungsfall eingesetzt werden sollen. Wo zum Beispiel nur wenige Signale an weit auseinander liegenden Punkten abgenommen werden müssen, wird sich wegen Leitungskosten ein zentrales BDE-System anbieten.

Wenn dagegen überwiegend manuell erfaßt wird und es sich dabei um kritische Daten handelt, die in jedem Fall bereits bei der Erfassung geprüft werden müssen, dann liegt es nahe, mit Terminals zu arbeiten, die über eine gewisse Eigenintelligenz verfügen. Ansonsten die Parallele zur kommerziellen Datenverarbeitung: Um die Zentrale von Verwaltungsaufgaben für die reine Datenübertragung zu entlasten, werden zunehmend mikroprogrammierte Prozessoren in Konzentratorfunktion zwischen Datenendgerät und Großrechner geschaltet. Darüber hinaus warnen die Experten davor, im BDE-Bereich mit Insellösungen zu beginnen, es sei denn es bestünde bereits ein integriertes Gesamtkonzept, das die aus dem Betrieb kommenden Daten in die zentrale Verarbeitung mit einbezieht. hö

Peter Schulze, Leiter Organisation und Programmierung, Agfa-Gevaert AG, Kamerawerk München

Voraussetzung den sinnvollen Einsatz eines Fertigungssteuerungssystems ist nicht nur die Erfassung, sondern auch die Bereitstellung aktueller und richtiger Daten im Fertigungsbetrieb (Arbeitsfortschrittsdaten, Lagerdaten, Lohndaten, Zeiterfassung - Gleitzeit).

Am besten wird dieser Forderung ein zukunftssicheres Betriebsdaten-Erfassungs (BDE)- und -Auftragssteuerungssystem mit dezentraler Online-Datenerfassung und zentralen, direkt veränderbaren Auskunftsdateien gerecht.

Da es sich in diesem Fall um die aus Gründen der Aktualität in ein BDE-System vorverlagerten Aufgaben des Zentralen Großrechners handelt, muß dieses System wesentliche Eigenschaften - "Intelligenz" des Großrechners besitzen (Dateiverwaltung, Programmiersprachen, Betriebssoftware). Besonderes Gewicht muß auf die Echtzeit-Verarbeitung der Informationen gelegt werden. Verschiedene Hersteller bieten auf dem deutschen Markt geeignete, prozeßrechnerorientierte BDE-Systeme an. Bei der Agfa-Gevaert AG, Kamerawerk München, wird ein entsprechendes System schrittweise bis etwa Mitte 1979 eingeführt. Als Vorstufe hierfür haben die augenblicklich in Fertigung und Lager installierten Offline-Erfassungsgeräte mit Lochstreifen-Anschluß ausgezeichnete Dienste erwiesen.

Ulrich Nelte, Hauptabteilungsleiter Organisation und Datenverarbeitung, MAK Maschinenbau, Kiel

Unser Unternehmen ist derzeit dabei nach der günstigsten Lösung für eine effiziente Betriebsdatenerfassung zu suchen. Was uns abschreckt ist, daß bei Gesprächen mit Anwenderkollegen immer wieder auf den enormen Aufwand und die damit verbundenen Kosten verwiesen wird.

Meiner Meinung nach wird oft bereits bei der Planung ein grundlegender Fehler gemacht - man denkt nämlich nur an die integrierte, allumfassende Gesamtlösung. Meiner Ansicht nach ist es nicht möglich, diesen gesamten Komplex auf einmal umzustellen. Sinnvoller ist es, nach und nach Insellösungen zu schaffen, Teilbereiche zu integrieren und so Stück für Stück zu einem Gesamtsystem zusammenzufassen. Auch hier - wie bei der kommerziellen Datenverarbeitung - geht der Trend ganz klar zur Dezentralisation: So viel wie möglich vor Ort verarbeiten, denn die Verarbeitungszeit im Großrechner ist teuer und durch "Intelligenz am Arbeitsplatz" werden viele Erfassungsfehler vermieden.

Roland Gentner, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), Universität Stuttgart

Betriebsdatenerfassungssysteme müssen so gestaltet sein, daß die Dateneingaben im Produktionsbereich auch von ungeübtem Personal sicher und problemlos vorgenommen werden können. Darüber hinaus sollte ein Betriebsdatenerfassungssystem im Idealfall so viel (Prüf-) "Intelligenz" aufweisen, damit selbst bei Bedienungs- und Eingabefehlern keine falschen Daten in das System gelangen. Bei den hierzu erforderlichen Maßnahmen ist neben Einrichtungen zur Vermeidung von Bedienungsfehlern zwischen Format- und Plausibilitätskontrollen zu unterscheiden.

Formatkontrollen, wie die Anzahl der einzugebenden Stellen oder Rechts-/Linksbündigkeit, sind in der Regel wenig kompliziert aufgebaut

und können deshalb dezentral direkt im Terminal realisiert und abgewickelt werden.

Plausibilitätskontrollen, wie der logische Zeitpunkt, Aufbau und Inhalt einer Meldung, setzen einen Prozeßrechner voraus, der mit Zugriffsmöglichkeit auf eine Fertigungsdatenbank, bestehend aus Arbeitsfolge-, Arbeitsplatz- und Personaldatei, ausgestattet ist.

Produzierte Fehler und eventuell die zu treffenden Maßnahmen können entweder in der Fertigungszentrale oder dezentral direkt am betreffenden Terminal angezeigt werden. Im ersten Fall ist eine kostengünstige Übermittlung der erforderlichen Bedienungshinweise mit konventionellen Hilfsmitteln, zum Beispiel über eine Telefonverbindung zum Terminal, denkbar. Bei einem komfortablen, jedoch teuren Terminal mit alphanumerischer Anzeigemöglichkeit zur Bedienerführung kann der Mensch als der Mittler zwischen System und Bediener entfallen; was jedoch psychologisch nicht immer wünschenswert sein muß.

Die aufgezeigten Kontrollmaßnahmen für Eingabedaten, die sich hinter dem Begriff "intelligent" von Betriebsdatenerfassungssystemen verbergen, müssen im Einzelfall so kombiniert und aufeinander abgestimmt werden, daß eine möglichst fehlerfreie Erfassung der Daten gewährleistet ist. Eine pauschale Aussage über den Grad der "Intelligenz" der Systeme ist ohne Kenntnis der im Hintergrund stehenden EDV-Anlage nicht möglich.

Helmut Hammer, Technischer Leiter, Maschinenfabrik Hermann Traub, Reichenbach a. d. Fils

Den Einsatz eines intelligenten, dezentral arbeitenden Betriebsdatenerfassungssystems kann man nicht pauschal empfehlen. Ein solches System bringt dann den größten Nutzeffekt, wenn es in eine umfassende Fertigungssteuerung und Materialwirtschaft integriert werden kann.

Will ein Unternehmen nur erst einmal bessere Informationen über das Fertigungsgeschehen, die Maschinenauslastung oder für die Mitarbeiter-Einsatzplanung erhalten, kann auch ein vernünftiges Datensammelsystem schon zu guten Ergebnissen führen.

Wir beschäftigen uns bereits seit dem Jahre 1970 intensiv mit der Betriebsdatenerfassung und werden von vielen als Art Pilotbetrieb angesehen, was zur Folge hat, daß wir häufig von Kollegen besucht und befragt werden, die sich - für eine solche Lösung interessieren.

Die Erfassung der Betriebsdaten erfolgt bei uns dezentral am Arbeitsplatz durch den Mitarbeiter selbst. Die Daten werden von einem Prozeßrechner - IBM System /7 gesammelt, geprüft und stehen für den Online-Dialog über einen Bildschirm der Fertigungssteuerung zur Verfügung. In der Werkstatt sind 26 Dateneingabegeräte installiert. Durch eine umfassende Plausibilitätsprüfung im Rechner werden jede Art Eingabefehler festgestellt und an den Geräten angezeigt. Fehlbedienungen und fehlerhafte Daten sind damit praktisch ausgeschlossen. Das gesamte System arbeitet autonom, das heißt eine Verbindung zum Großrechner wird nur nachts zum Generieren der Daten hergestellt.

Dieses sehr anspruchsvolle Online-Betriebsdatenerfassungs- und Auftragssteuerungssystem empfehlt sich jedoch nur dann einzuführen, wenn die Organisation des Gesamtunternehmens so aufgebaut ist, daß der wesentlich verbesserte Informationsfluß aus der Werkstatt auch tatsächlich genutzt wird. Es ist sinnlos, mit einer Online-Datenerfassung zu beginnen, wenn die Eingangsdaten nicht aktuell sind und die anschließende Datenverarbeitung nur periodisch und zeitverschoben erfolgt.

Ein wichtiger psychologischer Aspekt sollte ebenfalls nicht übersehen werden, der auch in vielen Fällen die Einführung einer aktuellen Betriebsdatenerfassung erschwert. Registriert und geprüft wird die Auftragserledigung durch den Mitnachweis der Mitarbeiter. Besonders in Betrieben mit Akkordlohn wird eine derartige Erfassung meist abgelehnt, da die Befürchtung besteht, daß die Freizügigkeit der Leistungsberechnung hierdurch beeinträchtigt wird. Im Falle eines Prämienlohnes, bei dem nur durchschnittliche Zeitgrade des Mitarbeiters zugrunde gelegt werden, ist dieses Problem nicht in dem Maße vorhanden, so daß auch überlegt werden sollte, ob eine Änderung des Entlohnungssystems nicht in diesem Zusammenhang empfehlenswert ist. Eine optimale Steuerung des gesamten Fertigungsprozesses verlangt eine aktuelle fehlerfreie Betriebsdatenerfassung. Es ist zu wünschen, daß sich in Zukunft eine aufgeschlossenere Haltung der Betriebsräte und Gewerkschaften in dieser Frage durchsetzt, da hierdurch eine wesentliche Möglichkeit zur Steigerung der Produktivität von Fertigungsbetrieben gegeben ist. Die durch Einführung von Betriebsdatenerfassungssystemen befürchtete verstärkte Leistungskontrolle der Mitarbeiter ist nicht einmal als Nebeneffekt beabsichtigt und sollte daher auch nicht als Grund für die Ablehnung solcher Systeme weiterhin angesehen werden.

Hansjürg Mohr, Leiter der Datenverarbeitung und Organisation, Zahnräderfabrik Renk AG, Augsburg

Um eine effektive Betriebsdatenerfassung durchführen zu können, solle meiner Meinung nach unbedingt eine dezentrale Lösung eingesetzt werden. Die eingegebenen Betriebsdaten müssen von der Fachabteilung - in diesem Fall den Mitarbeitern an den Maschinen - sofort geprüft werden können. Es sollten keine Zwischenträger eingeschaltet werden wie etwa reine Ablochbelege, die erst über einen langwierigen Postweg durch Werktransporte zur Zentrale gelangen und dort wiederum von Personen, die mit dem eigentlichen Fertigungsgeschehen nichts mehr zu tun haben, gelocht und geprüft werden. Hierdurch entstehen zusätzliche Fehler, die vermieden werden können, wenn das Fachpersonal an Ort und Stelle diese Prüfung während der Eingabe vornehmen kann. Ob nun die "Intelligenz" am Arbeitsplatz selbst oder über eine Leitung in einem Prozeßrechner oder Betriebsdatenerfassungssystem verfügbar ist, spielt keine wesentliche Rolle. Wichtig ist die Kommunikationsfähigkeit der Erfassungsgeräte, die auch Abfragen ermöglichen und eine frei programmierbare Bedienerführung zulassen müssen.

Allein durch die Bedienerführung konnten wir bei unserer BDE-Anwendung die Fehlerrate ganz entscheidend minimieren. Die Eingabegeräte müssen - trotz Intelligenz - so ausgerüstet sein, daß das Fachpersonal während der Dateneingabe und -abfrage die dicken Werkshandschuhe anbehalten kann. Aus diesem Grund bin ich strikt gegen eine sogenannte "Volltastatur", bei der sich die Eingabefehler häufen können. Zudem muß der Mitarbeiter jederzeit und an allen Stellen des Fertigungsbetriebes, wo BDE-Geräte stehen, eingeben und abfragen können. Günstig sind - wie in unserem Werk eingesetzt - Steckausweise, die den Arbeiter per Programm autorisieren, am Gerät zu arbeiten.