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Google Cardboard

Wie eine Pappbox die Digitalisierung weiter beschleunigt

Prof. Dr. Komus – Leiter des BPM Labors – ist Professor für Organisation und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Koblenz. Er ist außerdem wissenschaftlicher Leiter der Rechenzentren der Hochschule Koblenz und Mitbegründer der Modellfabrik Koblenz. Prof. Komus promovierte am Institut für Wirtschaftsinformatik, Prof. Dr. Dr. h.c.-mult. August-Wilhelm Scheer. Vor seiner Tätigkeit als Hochschullehrer war Prof. Komus 10 Jahre lang als Unternehmensberater mit Fragestellungen wie Organisationsgestaltung, IT-Strategien, SAP-Einführung und -optimierung betraut. Herr Komus ist Certified Scrum Master und ECM Master.
Virtual Reality zum Spottpreis: Im Internet gibt es Bastelanleitungen, mit deren Hilfe schon für 10 Euro das Smartphone zur Google-Brille umgebaut werden kann. Durch Augmented Reality ergeben sich auch neue Chancen und Herausforderungen für das Management.

www.google.com/get/cardboard- das ist die URL, mit deren Hilfe aus einem marktüblichen Smartphone eine Virtual-Reality-Brille wird. Ab ca. 10 Euro gibt es die "Brillen", die Googles "Cardboard"-Bauplan-Idee aufnehmen und mit Hilfe von Pappe, zwei einfachen Linsen und einen Magnetschalter ein überraschend intensives Virtual Reality Erlebnis ermöglichen. Technologisch betrachtet wird damit ein handelsübliches Smartphone so in Szene gesetzt, dass die seit langem vielfach thematisierte virtuelle Realität für Jedermann in greifbare Nähe rückt.

Virtual Reality per Pappkarton: Das Smartphone wird zur Google-Brille
Virtual Reality per Pappkarton: Das Smartphone wird zur Google-Brille
Foto: Google

Virtual Reality für Jedermann

Auch wenn in Zukunft wohl kaum der Großteil der Menschen mit Pappkartons auf der Nase anzutreffen sein wird, so macht dieser Anwendungsfall deutlich, wie einfach Virtual Reality und auch Augmented Reality* mit heutigen technischen Mitteln bereits wirtschaftlich realisierbar sind. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte und Moore's Law lehren uns, dass Schwächen und Unzulänglichkeiten aktueller Systeme mit hoher Wahrscheinlichkeit bald der Vergangenheit angehören werden. Pappboxen und der derzeitige Entwicklungsstand von Devices, wie Google Glass, sind erst der Anfang.

Virtual Reality im IT- und Prozessmanagement

Die allgemein bekannten Entwicklungstendenzen in Richtung Digitalisierung, Mobilität und Vernetzung werden durch Virtual Reality und Augmented Reality ergänzt und weiter verstärkt. Was bedeutet dies?

Naheliegend sind die zu erwartenden Veränderungen im Consumer-Bereich. Hier sollen nur Aspekte wie neue Formen des Medienkonsums oder der sozialen Interaktion genannt werden. Diese Veränderungen werden natürlich auch die Produktgestaltung, das Marketing und viele andere endverbraucherorientierte Bereiche verändern. Wir dürfen uns also auf Filme und Onlinetelefonate nicht nur im 3-D, sondern auch im Virtual-Reality-Modus freuen, wie etwa die Virtual-Reality-Besichtigung des Feriendomizils, das uns bisher bestenfalls als 2-D-Film präsentiert wird.

Aber auch im IT- und Prozessmanagement bedeuten diese Möglichkeiten neue Potenziale und Begehrlichkeiten. Mit den Möglichkeiten der kostengünstigen und leistungsstarken Virtual Reality ergeben sich in den Abläufen und in den IT-Anwendungen neue Formen der Wissensvermittlung, der Durchführung, der Dokumentation und der Rückkopplung. Diese werden an vielen Stellen die Entwicklung zu Industrie 4.0 berühren und erweitern.

Ein Beispiel, das die Elemente von Virtual Reality, Augmented Reality und Industrie 4.0 zusammenführt, zeigt, wie dies aussehen kann:

So können Verfahrensanweisungen für den jeweiligen Mitarbeiter, abhängig vom einzelnen Werkstück, auftragsbezogen und mitarbeiterorientiert, einfach und intuitiv begreifbar aufbereitet, selektiert und angepasst werden. Einer Mitarbeiterin der Produktion werden zum Beispiel einfach verständlich und abhängig vom Wissens- und Ausbildungsstand die notwendigen Produktionsschritte an ihrer Station als Virtual-Reality-Animation dargestellt. Je nach bestellter Variante werden nur die Schritte abgebildet, die hier relevant sind. Dies kann bei der Autotür mit einfachem oder hochwertigem Sound-System genauso Anwendung finden wie beim Erstellen eines Versicherungsvertrags in den verschiedenen Varianten.

Für Montage und Reparaturen

Bei der eigentlichen Durchführung des Arbeitsschrittes können Augmented-Reality-Elemente die Bearbeitung der notwendigen Schritte unterstützen. Die Mitarbeiterin blickt auf die zu montierende Tür und ein Pfeil verdeutlicht, wo ein Element zu verschrauben ist.

Während der Montage werden die notwendigen Dokumentationsschritte voll- oder teilautomatisch durchgeführt. Etwa in Form von Videoaufnahmen des Produktionsschrittes oder durch sprachliche Erläuterungen, die mit Bezug zum physischen Objekt eingesprochen werden. Durch die Erkennung physischer Objekte können schließlich Erkenntnisse über die Verzögerungen, Probleme oder notwendige Bearbeitungsdauer gesammelt und in auswertbare Formate überführt werden. Dies ist die Basis zur Identifikation von Optimierungspotenzialen.

Das dargestellte Beispiel ist sicherlich in der Summe noch Zukunftsmusik, doch zeigen Modellfabriken wie das Rexroth-Werk in Homburg, dass einige Elemente der Vernetzung von Mensch, Maschine und Werkstück schon heute zur Realität geworden sind und welche Rolle Multimedialität, Augmented Reality und Virtual Reality dabei spielen können.

Neue Möglichkeiten - neue Herausforderungen für das IT- und Prozessmanagement

Obige Darstellung zeigt, welche Potenziale, aber auch welche Aufgaben und Herausforderungen für das IT- und Prozessmanagement in den neuen Möglichkeiten liegen.

Damit Virtual und Augmented Reality sowie kontextbezogene Multimediale Inhalte ihren Mehrwert entfalten können, sind sehr gute Kenntnisse der Produkte und Prozesse nötig, hier sogar bis ins Detail des einzelnen Arbeitsschrittes. Dort, wo viele Unternehmen bereits heute mit der formalen Strukturierung, Modellierung und fortlaufenden Optimierung ihrer Produkte und Prozesse überfordert sind, sollen zukünftig Dinge noch detaillierter konzipiert und beschrieben werden. Abhängigkeiten zwischen Mitarbeitern, Prozessen und Einzelaufträgen müssen verständlich und real-time multimedial aufbereitet und zur Verfügung gestellt werden.

Neben den Fähigkeiten zur digitalen Vernetzung wie sie bereits für Industrie 4.0 notwendig sind, bedarf es weiterer Skills bei der multimedialen Darstellung. Inhalte sind so aufzubereiten, dass sie einfach und intuitiv zu verstehen und zu bedienen sind. Eine Fähigkeit, die - vorsichtig formuliert - heutzutage nicht überall zu den Paradedisziplinen der IT- und Prozessbereiche gehört.

Größte Herausforderung: Wartung der Systeme

Oft wird es aber vor allem die größte Herausforderung sein, abzuschätzen, wo Investitionen in derartige Systeme gerechtfertigt sind. Zu berücksichtigen sind Nutzenpotenziale in Form von Qualitätsverbesserung, Fehler-und Kostenreduktion sowie verbesserte Transparenz, Termintreue und Kundenorientierung verknüpft mit neuen Möglichkeiten der Optimierung. Als Aufwände schlagen hingegen die noch detailliertere Definition der Prozesse und ihrer Varianten genauso zu Buche wie die sehr genaue Dokumentation der Soll-Abläufe, deren multimediale Realisierung und die prozessorientierte und technische Integration. (Mitarbeiter, Werkstücke, Aufträge etc.). Auch hier wird es nicht nur die einmalige Erstellung sein, die die größten Aufwände versursacht. Vielmehr wird die erhöhte Komplexität und die Wartung und Pflege der Systeme und Dokumentationen sich als die größte Herausforderung erweisen.

Entsprechend sind vor allem Management-Fähigkeiten gefragt, die dazu beitragen, dass es trotz der weitreichenden Komplexität und der umfangreichen möglichen Betätigungsfelder frühzeitig zu greifbarem Nutzen und Lerneffekten kommt. Außerdem gilt es, eine Fokussierung sicher zu stellen und eine sinnvolle Priorisierung zu gewährleisten. Anders formuliert: Auch hier werden Elemente agiler Methoden wie Scrum und Kanban entscheidend sein, um sich nicht in der Vielzahl der vielversprechenden Möglichkeiten zu verlieren.

Damit die wertschöpfende Nutzung von Virtual Reality im Prozess- und IT-Management so einfach wird wie das Falten einer Pappbox, bedarf es angemessener Technologie-Kenntnisse, aber auch Management-Methoden und Prozesse. IT- und Prozessbereiche sollten schon heute daran arbeiten und dies trainieren- ganz real und - wo nötig - auch ohne Cardboard-Brille.

*Augmented Reality: Hier die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung zum Beispiel durch Überblendung von digitalen Inhalten über das wahrgenommene Bild der Realität.