Konsequenzen aus der Cloud Exchange

Wie der elektronische Cloud-Markt das Sourcing verändert

Hartmut Jaeger ist Strategic Sourcing Advisor bei der pliXos GmbH
Email: hartmut.jaeger@plixos.com



Anfang 2014 wird die Deutsche Börse Cloud Exchange AG den ersten neutralen, sicheren und transparenten Handelsplatz für ausgelagerte Speicher- und Rechenkapazitäten in Betrieb nehmen. Die Umwandlung von IT-Dienstleistungen in ein an der Börse handelbares Produkt ist der Beginn einer neuen Ära im Sourcing - mit weitreichenden Konsequenzen.
Bilaterale Sourcing-Verträge könnten bald der Vergangenheit angehören.
Bilaterale Sourcing-Verträge könnten bald der Vergangenheit angehören.
Foto: rikilo/Fotolia.com

Der Markt für IT-Leistungen erfreut sich weiter stetiger Wachstumsraten, und die Auslagerung solcher Leistungen hat sich weltweit über alle Industrien bis in die öffentlichen Verwaltungen als Management-Werkzeug etabliert. Das belegen Studien von HfS Research Ltd. (Global IT Services Market Size and Forecast 2013), PWC (IT-Sourcing-Studie 2012) sowie der aktuelle "Global ISG Outsourcing Index" (Second Quarter and First Half 2013).

Die Strukturen in diesem Markt sind derzeit aber starken Veränderungen unterworfen. Im klassischen Outsourcing-Markt ist ein Rückgang der Umsätze insbesondere bei großen Verträgen, zu beobachten, der im Widerspruch zum Wachstum des IT-Markts an sich steht. Eine Erklärung für diese Unterschiede liegt sicher darin begründet, dass die Vergabe von Leistungen an externe Dienstleister heute spezifischer ist. Zudem gibt es in gewissen Zeiträumen immer mal wieder einen Trend zum teilweisen Insourcing. Darüber hinaus tendieren die Unternehmen mittlerweile zu kleineren Auftragsvolumina bei kürzeren Laufzeiten. En vogue ist also der flexible Bezug spezifischer Leistungen von unterschiedlichen, spezialisierten Anbietern (Stichwort: Multi-Sourcing) im Gegensatz zu einer Vergabe eines ganzen IT-Leistungsportfolios an ein und denselben Dienstleister.

Verstärkt wird dieser Trend durch das Entstehen einer anderen Angebotsform für IT-Leistungen. Neue Anbieter fokussieren sich auf sehr spezifische, aber standardisierte Leistungen.

Im Cloud-Computing liegt der Schwerpunkt auf eben diesen Standards. Das Produkt wird so bezogen, wie es vom Lieferanten definiert ist. Es ist also nicht der Gegenstand einer vom Nutzer individuell erstellten Leistungsbeschreibung. Die vielen Cloud-Varianten, die heute vermarktet werden, adressieren dabei unter anderem die zusätzlichen rechtlichen beziehungsweise regulatorischen oder sicherheitsrelevanten Anforderungen der Kunden. Der Erfolg des Cloud-Computing, der sich in überproportionalen Wachstumsraten widerspiegelt, ist ein Zeichen dafür, dass die Kunden bereit sind, zugunsten von Flexibilität und Kosteneffizienz die Individualität in der Erstellung oder im Bezug von IT-Leistungen aufzugeben.

Hoher Aufwand für die Übertragung

Die Akzeptanz höher standardisierter Produkte ist aber nur ein Teil der Veränderungen, die im Markt für IT-Leistungen zu beobachten sind. Der andere Teil betrifft die Frage nach der Bindung an einen Dienstleister. Nicht zuletzt der Trend zu kürzeren Vertragslaufzeiten bedingt auch die Bereitschaft, eine Lieferbeziehung wesentlich öfter und kurzfristiger auf den Prüfstand zu stellen. Um andere Angebote im Markt zu nutzen zu können, muss das Unternehmen quasi zwangsläufig in der Lage sein, die bestehende Leistungserbringung auf einen anderen Lieferanten zu übertragen. Hier hängt viel von dem Aufwand ab, der für eine Übertragung geleistet werden muss. Dieser Aufwand ist vor allem dann groß, wenn die alte und neue Leistungserbringung nicht auf denselben Standards beruhen, sondern sehr individuell gestaltet sind.

Wirklich flexibel werden Cloud-Angebote erst dann, wenn auch der Wechsel zwischen unterschieldichen Cloud-Anbietern flexibel gestaltet werden kann. Dazu müssen sich die Cloud-Anbieter aber auf Standards einigen und den technischen Rahmen schaffen, damit die Kunden den Wechsel auch mit geringstem Aufwand vollziehen können. Die Definition austauschbarer Cloud-Produkte muss allerdings auch von Kunden unterstützt werden - durch die Bereitstellung standardisierter Schnittstellen.

Die Deutsche Börse Cloud Exchange (DBCE) hat nun einen solchen Rahmen für Standardisierung und Wechselfähigkeit der IT-Leistungen geschaffen. Die Standardisierung wird hergestellt über eigene und damit lieferantenunabhängige Produktstandards (in einer neutralen Cloud-Architektur-Software hinterlegt), definierte rechtliche Rahmenbedingungen (über die Zulassungsbedingungen), Service Level Agreements und Abwicklungsmethoden. Die Wechselfähigkeit einschließlich Clearing und Settlement wird durch die Softwarekomponenten von Zimory umgesetzt. Damit sind die technischen Voraussetzungen für die Erfüllung einer Lieferbeziehung geschaffen.

Standardisierte und neutrale Produktdefinition sowie Wechselfähigkeit sind die Voraussetzungen dafür, dass tatsächlich die Mechanismen einer Börse greifen: Auf einer Handelsplattform können Angebot und Nachfrage für ein wohldefiniertes Produkt abgeglichen, also eine Lieferantenbeziehung im Sinne einer Börsentransaktion ausgeführt werden.

In der Planung sind im ersten Ansatz zwei Infrastruktur-Produktfamilien: Rechnerkapazität und Datenspeicher. Die Produkte unterscheiden sich durch bestimmte Parameter, beispielsweiseVertragslaufzeit, Volumen und Lieferort. Grundsätzlich lässt sich das Konzept aber auf alle IT-Leistungen ausweiten, die sich ausreichend standardisieren lassen und für die Wechselfähigkeit herstellbar ist. Neben den Infrastrukturprodukten sind hier Anwendungsentwicklung und bestimmte Geschäftsprozesse als Kandidaten für eine Weiterentwicklung des Handelsplatzes zu sehen. Die Firma Plixos will noch in diesem Jahr einen B2B-Marktplatz für Anwendungsentwicklung eröffnen; dessen Weiterentwicklung zur Börsenfähigkeit ist die logische Konsequenz

Neue Preisfindung und -modelle

Am Frankfurter Börsenplatz wird heute nur noch für das Fernsehen gehandelt.
Am Frankfurter Börsenplatz wird heute nur noch für das Fernsehen gehandelt.

Mit der Verfügbarkeit der Handelsplattform und der kurzen Zeit, in der eine Transaktion abgeschlossen werden kann, erhalten die Produkte auch in viel höherer Frequenz neue Preise. Für die Bewertung eines Sourcings, sei es über die Börse oder bilateral auf eher individueller Basis, stehen damit tagesaktuelle Preise zur Verfügung. Diese lassen sich noch durch auf die Produkte bezogene Indizes ergänzen. Zudem können Trends und Volatilitäten abgeleitet werden.

So verändert sich generell die Gestaltung von Preismodellen in Sourcing-Verträgen. Selbst in Verträgen, die ein ganz individuelles, klassisches Sourcing zum Gegenstand haben, kann das Preismodell die Entwicklung an der Börse berücksichtigen. Bislang basieren diese Preismodelle auf einer Momentaufnahme zum Zeitpunkt der Ausschreibung und Vertragsverhandlung mit entsprechenden Klauseln für Preisanpassungen und Mengenveränderungen (ARC/RRC-Modelle für Mehr- oder Minderabnahmen). Neue Preismodelle können sich hingegen auf den Kursverlauf an der Börse beziehen - dies schließt auch die Preisanpassung für veränderte Abnahmemengen ein.

Die Ableitung von Preisen für nicht börsengehandelte Angebote lässt sich dabei mit Sicherheit einfacher gestalten, als die Dienstleister es derzeit annehmen. Mit einer wachsenden Anzahl von IT-Leistungen, die über die Cloud Exchange handelbar sind und für die kontinuierlich aktuelle Preise gefunden werden, wird sich auch die Preisentwicklung komplexer und langfristiger Sourcing-Verträge künftig an der Cloud Exchange orientieren.

Neben der Art und Weise, wie die stets aktuellen Preise im Markt und in den Preismodellen genutzt werden, beeinflussen die Möglichkeiten des beliebig skalierbaren Handels auch die Preisfindung an der Börse selbst. Beliebige Skalierbarkeit bedeutet, dass auch kleine Anbieter teilnehmen und kleine Mengen eines Produktes handeln können. Kunden, die über eigene Kapazitäten verfügen, können ihren Überschuss ebenfalls an der Börse handeln - sogar auf Termin für eine genau abgegrenzte Zeit. Da die Überschusskapazitäten beim Kunden meist vernachlässigbare Kosten verursachen, lassen sie sich zu einem sehr attraktiven Preis in den Markt bringen. Nach einer gewissen Einführungszeit, in der der Handel wesentlich von großen Anbietern bestimmt sein wird, entsteht so ein zusätzlicher Preisdruck durch diese weiteren Marktteilnehme.

Insgesamt ist durch die Einführung der Cloud Exchange mit langfristig stark fallenden Preisen zu rechnen. Ausgeglichen wird dieser Preisverfall auf Anbieterseite jedoch teilweise durch größere Produktions- und Vertriebseffizienz. Zudem können die Anbieter über das standardisierte Marktplatzangebot leichter ein höheres Niveau der Cloud-Wertschöpfungskette erreichen. Weiterhin muss der Preisverfall durch Skaleneffekte ausgeglichen werden. Für große Anbieter wird dies sicher leichter sein als für kleine.

Die Mechaniken der Finanzmärkte

Nach dem Start des Spot-Marktet im ersten Quartal 2014 ist für 2015 auch ein Derivatemarkt geplant. Das eröffnet für Kunden wie Lieferanten völlig neue Möglichkeiten, den Mehrwert von Sourcing-Vereinbarungen abzusichern. Insbesondere die Lieferanten können sich so gegen einen übermäßigen Preisverfall wappnen und ihre Investitionen schützen. Auch die Verwertung von Überschusskapazitäten lässt sich mit Derivaten leichter steuern.

Entwickeln werden sich auch Indizes oder sonstige Instrumenten, die nicht ein einzelnes Produkt widerspiegeln, sondern den IT-Markt oder IT-Marktsegmente inklusive der Derivate auf solche Instrumente. Das ermöglicht auch Spekulation durch Marktteilnehmer, die die eigentliche IT-Leistung nicht benötigen. Dadurch wird sich der Preisverfall über die Zeit wahrscheinlich regulieren.